Inside 2029 – Wie Deutschland den Anschluss an die Zukunft verliert und wiederfinden kann
Deutschland war einmal ein Land, das mit technischen Erfindungen und industrieller Innovationskraft die Welt veränderte. Das Automobil, Aspirin oder die elektrische Straßenbahn sind nur einige Beispiele für Entwicklungen, die eng mit deutscher Ingenieurskunst und Erfindergeist verbunden sind. Doch während sich die Welt in den vergangenen Jahrzehnten technologisch rasant weiterentwickelt hat, scheint Deutschland zunehmend Schwierigkeiten zu haben, mit diesem Tempo Schritt zu halten. Genau an diesem Punkt setzt Sebastian Matthes mit seinem Sachbuch „Inside 2029“ an, das bei Droemer erschienen ist. Matthes stellt darin eine unbequeme Frage: Warum entstehen die Technologien, die über die wirtschaftliche Zukunft und zunehmend auch über geopolitische Macht entscheiden, so häufig anderswo – und was muss Deutschland tun, um wieder Anschluss zu finden?
Bereits der Ausgangspunkt des Buches ist provokant, denn Matthes zeichnet das Bild eines Landes, das sich lange auf seinen bisherigen Erfolgen ausgeruht hat. Der wirtschaftliche Erfolg vergangener Jahrzehnte hat Strukturen geschaffen, die Sicherheit und Wohlstand garantierten, gleichzeitig aber offenbar auch dazu beigetragen haben, Veränderungen zu unterschätzen. Während andere Regionen neue Geschäftsmodelle, Technologien und Unternehmen hervorbringen, hält Deutschland an vielen bewährten Strukturen fest. Das Problem besteht dabei nicht darin, dass Deutschland grundsätzlich keine klugen Köpfe, engagierten Unternehmer oder hervorragenden Forschungseinrichtungen besitzt. Vielmehr geht es um die Frage, warum es hierzulande so schwer ist, aus Forschung und Erfindungen schnell erfolgreiche Produkte und Unternehmen entstehen zu lassen.
Um Antworten darauf zu finden, beschränkt sich Sebastian Matthes nicht auf eine Analyse vom Schreibtisch aus. Er reist in verschiedene Technologie- und Innovationszentren der Welt und schaut sich vor Ort an, welche Bedingungen dort herrschen. Bangalore und Shenzhen spielen dabei ebenso eine Rolle wie Helsinki, Boston und das Silicon Valley. Gerade diese internationalen Perspektiven machen „Inside 2029“ interessant, denn der Autor versucht nicht einfach, einzelne erfolgreiche Unternehmen herauszugreifen und sie als Vorbild für Deutschland zu präsentieren. Stattdessen untersucht er die Ökosysteme, in denen Innovation überhaupt erst entstehen und sich anschließend schnell entwickeln kann.
Dabei wird deutlich, dass technologische Spitzenleistungen selten das Ergebnis einzelner Genies sind. Sie entstehen vielmehr dort, wo Universitäten, Forschungseinrichtungen, Start-ups, etablierte Unternehmen, Investoren und Politik miteinander verbunden sind. Wo Kapital vergleichsweise schnell verfügbar ist, Gründer Fehler machen dürfen und neue Ideen nicht bereits an bürokratischen Hürden scheitern, können sich aus kleinen Projekten große Unternehmen entwickeln. Genau diese Dynamik sieht Matthes an verschiedenen Orten der Welt und stellt sie den Bedingungen in Deutschland gegenüber.
Besonders spannend wird das Buch, wenn es um die Technologien geht, die in den kommenden Jahren entscheidend sein könnten. Matthes konzentriert sich auf fünf zentrale Technologiefelder und beschäftigt sich mit deren wirtschaftlicher und geopolitischer Bedeutung. Künstliche Intelligenz gehört dabei selbstverständlich zu den wichtigsten Bereichen. Doch „Inside 2029“ beschränkt sich nicht darauf, den aktuellen KI-Hype nachzuerzählen. Vielmehr geht es um die Frage, welche Länder und Regionen die Infrastruktur, das Kapital und das Know-how besitzen, um aus künstlicher Intelligenz langfristig wirtschaftliche Macht entstehen zu lassen. Ähnliche Fragen stellt Matthes bei weiteren Schlüsseltechnologien wie Biotechnologie.
Gerade die Verbindung von Technologie und Geopolitik verleiht dem Buch eine zusätzliche Dimension. Technologischer Fortschritt ist längst nicht mehr nur eine wirtschaftliche Angelegenheit. Wer bei entscheidenden Technologien führend ist, kann damit auch politischen Einfluss gewinnen und seine wirtschaftliche Unabhängigkeit sichern. Halbleiter, KI, Biotechnologie oder andere Zukunftstechnologien sind deshalb nicht nur spannende Forschungsfelder, sondern können über die Stellung ganzer Staaten entscheiden. Für ein Land wie Deutschland, dessen Wohlstand in besonderem Maße auf einer leistungsfähigen Industrie und erfolgreichen Exportprodukten beruht, ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung.
Matthes formuliert seine Diagnose dabei bewusst schonungslos. Viele Probleme, die er anspricht, sind in Deutschland längst bekannt: komplizierte Genehmigungsverfahren, langsame Verwaltungsprozesse, fehlende digitale Infrastruktur, Schwierigkeiten bei der Finanzierung junger Unternehmen und eine teilweise ausgeprägte Risikoaversion. Hinzu kommt eine Mentalität, die Veränderungen nicht selten zunächst als Bedrohung betrachtet. Das Buch macht deutlich, dass es nicht ausreicht, lediglich mehr Geld in Forschung zu investieren. Entscheidend ist vielmehr, wie aus Forschung Innovation wird und wie Innovation anschließend wirtschaftlich umgesetzt werden kann.
Dabei richtet sich die Kritik nicht ausschließlich an die Politik. Auch Unternehmen, Forschungseinrichtungen und die Gesellschaft insgesamt werden in die Verantwortung genommen. Ein funktionierendes Innovationssystem benötigt nicht nur staatliche Förderprogramme, sondern auch Menschen, die bereit sind, neue Wege zu gehen. Dazu gehört zwangsläufig die Bereitschaft, Fehler zu akzeptieren. Während Scheitern in einigen der von Matthes besuchten Innovationszentren eher als Teil des Lernprozesses betrachtet wird, kann ein gescheitertes Unternehmen in Deutschland noch immer einen erheblichen Makel darstellen. Für eine Gesellschaft, die technologisch wieder stärker an die Weltspitze möchte, ist das ein nicht unwichtiger kultureller Faktor.
Trotz der teilweise ernüchternden Bestandsaufnahme ist „Inside 2029“ kein Untergangsszenario. Genau darin liegt eine der großen Stärken des Buches. Matthes beschreibt die bestehenden Probleme deutlich, bleibt aber nicht bei der Diagnose stehen. Sein Ansatz ist vielmehr von der Überzeugung geprägt, dass Deutschland seine Ausgangslage durchaus verbessern kann. Noch immer gibt es leistungsfähige Unternehmen, renommierte Universitäten, hervorragende Forschung und gut ausgebildete Fachkräfte. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland überhaupt noch innovativ sein kann, sondern ob es gelingt, vorhandene Stärken besser miteinander zu verbinden und schneller in konkrete wirtschaftliche Erfolge zu verwandeln.
Besonders interessant ist deshalb der von Matthes entwickelte 8-Punkte-Plan. Er soll eine Art Roadmap für ein neues Wirtschaftswunder bilden und beschreibt konkrete Ansatzpunkte, mit denen Politik und Gesellschaft die Voraussetzungen für mehr Innovation schaffen könnten. Dabei geht es nicht um eine einzelne Wundermaßnahme, sondern um das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Das macht die Vorschläge nachvollziehbar, denn auch die Ursachen für Deutschlands derzeitige Schwierigkeiten sind komplex und lassen sich nicht mit einem einzigen politischen Beschluss beseitigen.
Der Titel „Inside 2029“ ist dabei bewusst ambitioniert gewählt. Das Jahr 2029 liegt nah genug, um nicht wie eine ferne Science-Fiction-Zukunft zu wirken, und gleichzeitig weit genug entfernt, um tiefgreifende Veränderungen möglich erscheinen zu lassen. Matthes nutzt diesen Zeitraum als konkreten Horizont für seine Überlegungen. Deutschland muss nicht irgendwann in einer unbestimmten Zukunft wieder innovativer werden, sondern benötigt aus seiner Sicht bereits heute Entscheidungen, deren Auswirkungen innerhalb weniger Jahre sichtbar werden können.
Stilistisch gelingt es Sebastian Matthes, ein eigentlich komplexes wirtschafts- und technologiepolitisches Thema zugänglich aufzubereiten. Anstatt sich ausschließlich in Statistiken und Fachbegriffen zu verlieren, verbindet er seine Analysen mit Eindrücken von seinen Reisen und konkreten Beispielen aus den verschiedenen Innovationsregionen. Dadurch entsteht ein abwechslungsreicher Blick auf ein Thema, das ansonsten schnell sehr trocken wirken könnte. Gleichzeitig fordert das Buch seine Leser dazu auf, vertraute Vorstellungen über Deutschlands wirtschaftliche Stärke zu hinterfragen.
Natürlich sind nicht sämtliche Vergleiche zwischen Deutschland und den beschriebenen Technologiezentren eins zu eins übertragbar. Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen unterscheiden sich teilweise erheblich. Was in Shenzhen oder im Silicon Valley funktioniert, lässt sich nicht einfach kopieren und anschließend auf Deutschland übertragen. Gerade deshalb ist es sinnvoll, „Inside 2029“ weniger als fertige Gebrauchsanweisung und vielmehr als Denkanstoß zu verstehen. Matthes zeigt, welche Bedingungen andernorts Innovation fördern, und überlässt es anschließend Politik und Gesellschaft, daraus eigene Lösungen zu entwickeln.
Seine zentrale Botschaft bleibt dennoch klar: Deutschland kann es sich nicht leisten, sich auf vergangenen Erfolgen auszuruhen. Eine starke Automobilindustrie allein wird die wirtschaftliche Zukunft ebenso wenig sichern wie der Verweis auf historische Erfindungen. Entscheidend wird sein, ob Deutschland in den Technologien erfolgreich sein kann, die gerade erst dabei sind, ganze Branchen zu verändern. Dafür braucht es Mut, Investitionen, bessere Rahmenbedingungen und vor allem eine größere Bereitschaft, Neues auszuprobieren.
„Inside 2029“ ist damit ein Sachbuch, das zwar eine kritische Bestandsaufnahme liefert, gleichzeitig aber erstaunlich optimistisch bleibt. Sebastian Matthes zeichnet ein Deutschland, das sich in einer schwierigen Situation befindet, dessen Möglichkeiten aber längst nicht ausgeschöpft sind. Sein „Wirtschaftswunder 2.0“ ist kein Versprechen, dass automatisch alles besser wird, sondern eine Aufforderung, die vorhandenen Fähigkeiten des Landes wieder konsequenter für die Zukunft zu nutzen.
Wer sich für Deutschlands wirtschaftliche Entwicklung, künstliche Intelligenz, Biotechnologie, Innovation und die geopolitische Bedeutung neuer Technologien interessiert, findet in „Inside 2029“ eine interessante und gut zugängliche Lektüre. Das Buch liefert keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen, versucht aber, die entscheidenden Stellschrauben sichtbar zu machen. Vor allem regt es dazu an, über die eigene Vorstellung von Deutschlands wirtschaftlicher Zukunft nachzudenken. Denn die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Buches lautet: Der technologische Wandel wird nicht darauf warten, dass Deutschland bereit dafür ist. Die entscheidende Frage ist deshalb, ob Deutschland den Wandel aktiv mitgestaltet oder weiterhin darauf vertraut, dass vergangene Erfolge auch in Zukunft ausreichen werden.