Es gibt Filme, die man gesehen haben muss, und dann gibt es Filme, die das Kino für immer verändert haben. Jean-Luc Godards "Außer Atem" gehört zu beiden Kategorien gleichzeitig, und das mit einer Selbstverständlichkeit, die bis heute atemberaubend ist. Der Film feierte am 16. März 1960 seine Premiere und gilt seither als einer der bedeutendsten Klassiker des französischen Kinos überhaupt. Über sechs Jahrzehnte später bringt Arthaus den Film in einer neu aufbereiteten 4K-Edition heraus und gibt damit Anlass, eines der wichtigsten Werke der Filmgeschichte noch einmal gründlich zu würdigen.
Die Geschichte ist in ihrer Simplizität beinahe trotzig. Kleinganove und Berufsrebell Michel gerät mit einem gestohlenen Auto in eine Verkehrskontrolle und erschießt im Affekt den Polizisten. Auf seiner anschließenden Flucht taucht er bei der so hübschen wie klugen Amerikanerin Patricia in Paris unter und will sie überreden, sich mit ihm nach Italien abzusetzen. Während die polizeilichen Ermittlungen immer engere Kreise ziehen, muss Patricia eine Entscheidung treffen. Das klingt nach einem Genrefilm, nach einem dieser amerikanischen Noir-Thriller, die Godard so vergötterte. Und genau das ist "Außer Atem" auch — aber eben noch so viel mehr.
Der Regisseur — Jean-Luc Godard
Jean-Luc Godard war bei den Dreharbeiten zu "Außer Atem" noch keine dreißig Jahre alt, und doch legte er mit diesem Debüt eine Reife an den Tag, die alle Konventionen des Kinos gleichermaßen absorbierte und zertrümmerte. Der Film entstand nach einer Geschichte von François Truffaut und war ursprünglich als Hommage an den amerikanischen Film Noir gedacht, mit ironischen Anspielungen auf diesen gespickt — wurde dann aber zum Gründungsdokument der Nouvelle Vague. Godard, der zuvor als Filmkritiker für die Cahiers du Cinéma geschrieben und das Kino aus einer zutiefst intellektuellen Perspektive analysiert hatte, bewies nun, dass er nicht nur über Filme denken, sondern sie mit derselben radikalen Konsequenz auch machen konnte.
Godard arbeitete von Beginn an konträr zum Stil des klassischen Hollywood-Kinos, experimentierte mit unkonventionellen Kamerabewegungen und -positionen, sodass seine Bilder einen collagenartigen, fast dokumentarischen Charakter erhielten. In "Außer Atem" manifestiert sich das in einer handgemachten Direktheit, die damals niemand für möglich gehalten hatte. Gedreht wurde im Freien, auf den Pariser Straßen und in Cafés, bei natürlichem Licht, mit einer bewusst verwackelten, agilen Handkamera. Das Budget war minimal, die Mittel bescheiden, der Ehrgeiz grenzenlos.
Das berühmteste stilistische Mittel des Films, der Jump Cut, entstand nicht einmal aus ästhetischer Überzeugung, sondern aus der schieren Notwendigkeit, einen zu langen Rohschnitt zu kürzen. Godard ließ einfach Teile aus Einstellungen herausschneiden, anstatt neue Aufnahmen zu drehen. Was dabei entstand, war ein völlig neuartiger Rhythmus des Erzählens — abgehackt, nervös, lebendig, wie der Atem eines Menschen auf der Flucht. Aus der Not wurde Programm, aus dem Einfall wurde Ikone.
Truffaut, Chabrol und auch Jean-Pierre Melville, der einen kurzen Cameo im Film hat, waren sämtlich Teil jener Generation, die das Kino aus den Ateliers auf die Straßen trieb. Godard aber vollzog den radikalsten Schnitt. Die Nouvelle Vague war nicht allein sein Werk, aber "Außer Atem" war ihr schönster Geburtsschuss.
Die Darsteller
Jean-Paul Belmondo als Michel Poiccard ist eine der charismatischsten Figuren, die das Kino je hervorgebracht hat. Seine Verkörperung dieses kleinen, arroganten, liebenswürdigen Verlierers ist der physische Beweis dafür, dass Präsenz nicht gespielt werden kann. Belmondo spielt Michel nicht als tragischen Helden, sondern als jemanden, der sich selbst für einen solchen hält — ein feiner, entscheidender Unterschied. Er imitiert Humphrey Bogart, streicht sich mit dem Daumen über die Lippen, trägt seinen Hut mit einer Lässigkeit, die nach Kino riecht. Schon nach den ersten Szenen ist man wirklich außer Atem: Die Energie, die Belmondo verströmt, ist von einer Art, die das Kino seither selten wieder gesehen hat. Als seine Figur am Ende mit einer Kugel im Rücken auf dem Pflaster zusammenbricht und noch eine letzte Rauchwolke ausstößt, ist der Mythos längst besiegelt — Belmondo ist ein Star, Godard ein Genie, der Film ein Klassiker.
Jean Seberg als Patricia ist das zweite Wunder dieses Films. Die Amerikanerin, die kurz zuvor durch Otto Premingers "Jeanne d'Arc" bekannt geworden war, spielt eine Figur von schwebender Ambivalenz. Patricia liebt Michel vielleicht, oder sie glaubt es zu tun. Sie bewundert ihn, fürchtet ihn, verrät ihn und bleibt dennoch geheimnisvoll — nicht weil das Drehbuch es so fordert, sondern weil Seberg diese Widersprüchlichkeit einfach ist. Ihr kurz geschnittenes Haar, ihr schmales Gesicht, die Ausgaben der New York Herald Tribune, die sie auf den Champs-Élysées verkauft: Patricia wurde zur Ikone einer ganzen Epoche, und Seberg mit ihr. Für ihre Darbietung war sie 1962 für den BAFTA Award als beste ausländische Darstellerin nominiert — ein Beleg dafür, dass die internationale Filmwelt sehr genau hinsah.
Die Chemie zwischen Belmondo und Seberg funktioniert, weil beide so grundverschieden sind — er körperlich, roh, spontan; sie intellektuell, kühl, beobachtend. Die langen Szenen in Patricias Hotelzimmer, in denen die beiden reden, streiten, schweigen und wieder reden, sind das Herzstück des Films. Mitten darin taucht die Frage auf, ob man zwischen dem Leiden und dem Nichts wählen würde — gestellt zwischen zwei Menschen, die sich nicht wirklich kennen und nicht wirklich lieben. Diese Szene ist der philosophische Kern eines Films, der auf den ersten Blick wie ein schnöder Gaunerfilm aussieht.
Kamera, Musik und Inszenierung
Kameramann Raoul Coutard, der in den folgenden Jahren zum wichtigsten Bildgestalter der Nouvelle Vague werden sollte, schuf Bilder von einer vitalen Unruhe, die das klassische Studiokino geradezu verspotteten. Da Godard ohne Drehgenehmigung mitten im Pariser Stadtleben drehte, musste Coutard für Straßenaufnahmen mitunter in einem Postwagen versteckt werden und durch ein Loch in der Wand filmen. Die Pariser Straßen wurden zum Filmset, das Tageslicht zur einzigen Lichtquelle, die Improvisation zur einzigen Methode. Was daraus entstand, war ein dokumentarisch lebendiges Stadtporträt, das Paris im Jahr 1959 in seiner ungefilterten Wirklichkeit festhielt.
Die Musik von Martial Solal, ein nervöser, fragender Jazz, der nie zu einer geschlossenen Melodie findet, unterstreicht die innere Zerrissenheit der Figuren. Sie treibt den Film voran, ohne ihn zu erklären, und ist damit das musikalische Äquivalent zu Godards Schnittstil.
Die 4K-Veröffentlichung von Arthaus
Die neue Arthaus-Edition macht eindrücklich deutlich, was Raoul Coutard seinerzeit wirklich leistete. Das Schwarz-Weiß-Bild gewinnt in der 4K-Restaurierung eine Textur und Tiefenschärfe, die auf älteren Heimkinoformaten schlicht nicht sichtbar war. Die Pariser Fassaden, die Gesichter, die Lichtreflexe auf Autolacken und Pflastersteinen — alles wirkt unmittelbarer, präsenter, echter. Die Körnung des Ausgangsmaterials bleibt respektvoll erhalten, was dem Film seinen rauen, handgemachten Charakter bewahrt. Wer "Außer Atem" bislang nur aus alten Fernsehausstrahlungen oder frühen DVD-Veröffentlichungen kannte, wird das Bild dieser Edition kaum wiedererkennen.
Das Bonusmaterial ist beachtlich und tut dem Film den Dienst, ihn in seinen Entstehungskontext zu stellen. Die Dokumentation "Immer noch nicht … außer Atem" beleuchtet das Nachleben und die anhaltende Wirkungskraft des Films über die Jahrzehnte hinweg. Die Featurette "Zimmer 12 — Hotel de Suede" führt an die tatsächlichen Drehorte zurück und lässt Mitglieder der Crew und der Besetzung zu Wort kommen, wie die Aufnahmen in jenem Hotelzimmer wirklich entstanden. Colin McCabes Einführung ordnet den Film filmhistorisch ein, ohne dabei in akademische Trockenheit zu verfallen. Godards Gespräch mit dem britischen Regisseur Mike Hodges schließlich ist ein faszinierendes Zeugnis zweier Filmemacher, die sich in ihren unterschiedlichen Herangehensweisen gegenseitig spiegeln.
Ein Film für die Ewigkeit
"Außer Atem" ist kein einfacher Film, und er war es nie. Er verweigert die emotionale Geborgenheit klassischen Erzählens, er spottet über Genrekonventionen, er lässt seine Figuren im Stich, und er besteht gleichzeitig darauf, dass all das eine Form von Liebe ist — zur Kunst, zum Kino, zu Paris, zur Freiheit. Ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären für die beste Regie bei der Berlinale 1960 sowie dem Prix Jean Vigo, zählt der Film bis heute zu den unbestrittenen Meisterwerken der Filmgeschichte.
Was ihn nach all den Jahrzehnten lebendig hält, ist nicht seine historische Bedeutung, nicht die Ehrerbietung der Lehrpläne und Filmkanons. Es ist seine ungebrochene Energie, sein Humor, seine Traurigkeit, die Art, wie Belmondo und Seberg auf der Leinwand miteinander und aneinander vorbeireden. "Außer Atem" handelt von Menschen, die nicht wissen, was sie wollen, und die genau deshalb so unvergesslich sind. Die 4K-Edition von Arthaus gibt diesem Meisterwerk die Würde und Brillanz, die es verdient — als Heimkinoerlebnis, als Dokument einer Revolution und als Erinnerung daran, dass das Kino einmal jung war, aufmüpfig und außer Atem.