Es gibt Comicserien, die von Anfang an wissen, was sie sind und was sie sein wollen – und die genau darin ihre größte Stärke finden. "Masters of the Universe: Das Schwert des Bösen" ist ein solches Werk. Der bei Panini erschienene Sammelband, der die vier Hefte der amerikanischen Miniserie "The Sword of Flaws" aus dem Jahr 2025 vereint, macht keinen Hehl aus seinen Absichten: Hier wird laut, bunt und mit vollem Herzblut für ein Franchise gekämpft, das seit Jahrzehnten Generationen von Fans begeistert. Das Ergebnis ist ein Comic, der seinem Stoff vollkommen gerecht wird.
Tim Seeley, der die Masters of the Universe bereits durch seine Arbeit an der Masterverse-Serie kennt, zeigt hier, dass er ein tiefes Verständnis für die Figuren und die Welt von Eternia mitbringt. Sein Script balanciert die verschiedenen Elemente des Franchise mit sicherer Hand: die epische Fantasystimmung, den leichten Abenteuerhumor, die klare moralische Grundstruktur und die ikonischen Figuren, die jeder kennt und liebt. Seeley schreibt Skeletor als das, was er sein sollte – eine bedrohliche, zugleich theatralische Schurkengestalt, die jeden Auftritt mit einer gewissen dunklen Grandezza füllt. Evil-Lyn bekommt ebenfalls Raum, und Seeley nutzt sie nicht nur als Staffage, sondern gibt ihr Momente, die die Figur als eigenständige Kraft im Geschehen etablieren.
Der zentrale Plot ist zugleich klassisch und clever konstruiert. Skeletor und Evil-Lyn greifen Schloss Grayskull mit einer uralten Erdbeben-Waffe an, deren Zerstörungskraft das gesamte Eternia bedroht. Das ist genau die Art von großem, düsterem Einstieg, den man von einer Masters-of-the-Universe-Geschichte erwartet und der den Ton sofort richtig setzt. Was den Band jedoch über reines Nostalgie-Futter hinaushebt, ist die Konsequenz, die das Erdbeben mit sich bringt: Im Chaos des Angriffs wird ein zweites mächtiges Schwert freigelegt, ein Artefakt vergleichbar mit jenem, das Prinz Adam die Fähigkeit gibt, sich in He-Man zu verwandeln. Damit ist ein Wettrennen eröffnet, das die Handlung mit echter Dringlichkeit auflädt und Gut wie Böse gleichermaßen in Bewegung versetzt.
Diese Prämisse ist klug gewählt, weil sie das Herzstück der gesamten Masters-Mythologie – das Schwert, die Transformation, die Frage nach Macht und Würdigkeit – auf eine neue Weise beleuchtet, ohne dabei die bestehende Lore zu ignorieren oder zu untergraben. Was würde es bedeuten, wenn Skeletor oder Evil-Lyn ein solches Artefakt in die Hände bekämen? Seeley stellt diese Frage und lässt sie im Verlauf des Bandes auf befriedigende Weise wirken. Dabei bleibt er nah an den Figuren und verliert sich nicht in ausschweifenden Weltenbau-Exkursen, was dem Lesefluss sehr zugutekommt.
He-Man selbst ist hier das, was er immer war: ein aufrechter, kraftvoller Held mit einem klaren moralischen Kompass und einer Entschlossenheit, die keine Kompromisse kennt. Das mag für manche Leser schlicht klingen, aber Seeley versteht, dass He-Man gerade in seiner Geradlinigkeit seine Stärke zieht. Er wird nicht künstlich gebrochen oder mit modischen Zweifeln überfrachtet, sondern darf der Held sein, der er ist. Teela und Man-at-Arms erfüllen ihre Rollen als treue Verbündete und bekommen dabei genug eigene Momente, um nicht bloß als Hintergrundfiguren zu wirken. Die Ensembledynamik ist stimmig und erinnert wohltuend an die besten Momente des klassischen Zeichentricks.
Der eigentliche visuelle Star des Bandes ist Freddie E. Williams II, der bereits durch seine Arbeit an "He-Man und die Masters of the Universe / ThunderCats" bewiesen hat, dass er genau der richtige Mann für dieses Franchise ist. Sein Stil verbindet muskulöse, dynamische Figuren mit einer dramatischen Linienführung, die Kampfszenen explosiv und Charaktermomente gleichermaßen ausdrucksstark macht. Williams zeichnet Körper mit einer Wucht, die man spürt – wenn He-Man sein Schwert erhebt oder Skeletor seine Knochen fletscht, steckt in jedem Strich eine kinetische Energie, die die Seiten lebendig werden lässt. Gleichzeitig verliert er nie das Gefühl für Komposition und räumliche Tiefe, was gerade bei den großen Schlachtszenen rund um Schloss Grayskull wichtig ist.
Die Kolorierung unterstützt Williams' Arbeit auf hervorragende Weise. Die Farbpalette ist satt und kontrastreich, orientiert sich an der ikonischen Ästhetik des Franchise, ohne altmodisch zu wirken. Das Blau und Lila von Skeletors Auftritten wirkt bedrohlich und fremdartig, das Goldgelb der Schwerter strahlt buchstäblich mit Bedeutung, und die Schlachtszenen explodieren in einer Vielfalt von Farben, die das Auge in Bewegung hält.
Kleinere Kritikpunkte gibt es dennoch. Der Band ist mit vier Heften vergleichsweise kompakt, und an einigen Stellen merkt man, dass bestimmte Charaktermomente oder Zwischenstationen der Handlung etwas mehr Raum vertragen hätten. Wer sich auf tiefe Charakterentwicklung oder komplexe politische Intrigen in der Welt von Eternia hofft, wird hier nicht vollständig fündig. Das ist aber letztlich kein wirklicher Vorwurf, denn "Das Schwert des Bösen" setzt seine Prioritäten bewusst und richtig: Es will eine packende, visuell mitreißende Abenteuergeschichte im Masters-Universum erzählen, und das gelingt ihm ausgezeichnet.
Für langjährige Fans ist dieser Band ein echter Genuss, der die Zuneigung zum Franchise respektiert und mit Qualität belohnt. Für Neuleser, die vielleicht durch die Filmankündigungen oder die Nostalgie neugierig geworden sind, funktioniert er überraschend gut als Einstieg, weil Seeley die Welt und die Figuren schnell und klar einführt, ohne dabei arrogant oder oberlehrerhaft zu wirken. Und für alle, die einfach gute, handgemachte Superheldenaction im Fantasy-Gewand suchen, ist er schlicht und ergreifend eine Empfehlung wert.