Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren (2025)
Regie: Wilfried Hauke
Mit: Sofia Pekkari, Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg, Tom Sommerlatte u.a.
DVD | Lighthouse Home Entertainment | ab 26. Juni 2026
Eine Stimme, die noch immer hallt
Ihr Name steht für Kindheit. Für bunte Wälder, freche Rothaarige, eigenwillige Jungs aus Lönneberga und die Schären rund um Saltkrokan. Wer Astrid Lindgren sagt, denkt an Pippi Langstrumpf, an Karlsson vom Dach, an Ronja Räubertochter – an jene anarchische, liebevolle, unerschrockene Welt der Kinder, die sie mit einer Präzision und Herzlichkeit erschuf, die ihresgleichen sucht. Doch es gibt eine andere Astrid Lindgren, eine, die kaum jemand kannte und die jahrzehntelang im Verborgenen blieb: die leidenschaftliche Chronistin eines Weltkrieges, die scharfsinnige Kommentatorin totalitärer Grausamkeit, die kämpfende Humanistin und die junge Frau inmitten einer tiefen persönlichen Krise.
Regisseur Wilfried Hauke hat sich dieser verborgenen Seite mit großer Sorgfalt und Sensibilität gewidmet und daraus einen Dokumentarfilm von eindringlicher Kraft geschaffen. „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren" ist mehr als ein Filmporträt einer weltberühmten Autorin. Es ist die Entdeckung einer Frau hinter dem Werk – und die Geschichte, wie aus Verzweiflung Literatur und aus Schmerz Pippi Langstrumpf wurde.
Eine Autorin – und ihr verborgenes Werk
Astrid Anna Emilia Lindgren, geborene Ericsson, wurde am 14. November 1907 auf dem Pfarrhof Näs bei Vimmerby in der schwedischen Landschaft Småland geboren. Ihre Kindheit war nach eigenem Bekenntnis erfüllt von Freiheit, Natur, Fantasie und der behüteten Wärme eines liebevollen Elternhauses – eine Kindheit, die sie zeitlebens prägte und die als Vorlage für Bullerbü, Lönneberga und so vieles mehr diente. Sie schrieb, so sagte sie oft, für das Kind, das sie einst gewesen war.
Doch auf die unbeschwerten Jahre in Vimmerby folgten schwierige Zeiten: Mit 18 Jahren wurde sie unverheiratet Mutter ihres Sohnes Lars, der zunächst bei Pflegeeltern in Dänemark aufwuchs. Astrid zog nach Stockholm, lebte in großer Armut, arbeitete als Sekretärin beim Königlichen Automobilclub. Dort lernte sie ihren späteren Mann Sture Lindgren kennen, den sie 1931 heiratete. 1934 wurde ihre Tochter Karin geboren.
Schriftstellerin wollte Astrid Lindgren nie werden. Sie hatte es sich sogar ausdrücklich vorgenommen: niemals ein Buch zu schreiben. Das änderte sich erst, als ihre Tochter Karin im Winter 1941 schwer erkrankte – bettlägerig, mit Lungenentzündung – und immer wieder nach Geschichten verlangte. Das Kind erfand spontan einen Namen: Pippi Langstrumpf. Die Mutter begann zu erzählen. Und irgendwo in diesen Nächten am Krankenbett ihrer Tochter, während draußen der Krieg tobte, entstand eine der bekanntesten Kinderbuchfiguren der Weltliteratur.
Astrid Lindgren hinterließ am Ende ihres Lebens ein Werk von schwindelerregender Reichweite: rund 170 Millionen verkaufte Bücher, in 106 Sprachen übersetzt, darunter so unvergessliche Figuren wie Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, Karlsson vom Dach, Ronja Räubertochter, die Kinder aus Bullerbü und die Brüder Löwenherz. Für ihre moralische Haltung und ihr gesellschaftliches Engagement – unter anderem für das nach ihr benannte schwedische Tierschutzgesetz, das „Lex Lindgren" – erhielt sie 1978 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Am 28. Januar 2002 starb sie im Alter von 94 Jahren in ihrer Stockholmer Wohnung.
Das verborgene Dokument
70 Jahre lang lagen sie unbeachtet in einem Wäscheschrank in Astrid Lindgrens Schlafzimmer: ihre Kriegstagebücher aus den Jahren 1939 bis 1945. Sechs Jahre lang hatte sie fast täglich geschrieben – mit einer Akribie, einer politischen Weitsicht und einer moralischen Leidenschaft, die ihre Familie erst nach Jahrzehnten der Welt zugänglich zu machen wagte. Erst 2015 erschienen die Tagebücher in Schweden, im selben Jahr in Deutschland bei Ullstein unter dem Titel „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren" – und wurden umgehend in mehr als 20 Sprachen übersetzt.
Was diese Aufzeichnungen so außergewöhnlich macht, ist nicht allein ihre literarische Qualität, sondern der Blick, den sie auf eine junge Frau ermöglichen, die weder Weltautorin noch öffentliche Figur ist, sondern eine Mutter, Ehefrau und stille Beobachterin – mit wacher Intelligenz, brennendem Gerechtigkeitssinn und tiefer Erschütterung angesichts dessen, was sie um sich herum wahrnimmt. Lindgren schreibt über ihr Entsetzen angesichts der Deportation der Juden, über die Schrecken an den Fronten, über Diktatur und Menschenverachtung. Sie notiert, wie wehrlos eine Demokratie ist, wenn Menschen sich verführen lassen. Sie führt vor, wie durch Populismus und Terror das Gefühl für Mitmenschlichkeit stirbt. Dass sie dabei seit 1940 für den schwedischen Geheimdienst arbeitete – eine Tätigkeit, die sie in ihrem Tagebuch nur andeuten konnte –, verleiht diesen Seiten eine zusätzliche historische Dimension.
Und doch sind es nicht nur die Schrecken des Weltkriegs, die diese Tagebücher füllen. Es ist auch eine zutiefst persönliche Geschichte: Lindgrens Ehe mit Sture, der Alkoholprobleme hatte und sich in eine andere Frau verliebte; die Sorge um ihre Kinder; die eigene, tastende Suche nach einer Identität jenseits von Mutter und Hausfrau. Aus diesem privaten Druck heraus entsteht die Kraft des Schreibens – und am Ende der Tagebücher steht nicht der Krieg, sondern Pippi Langstrumpf.
Der Film: Dokumentation und Inszenierung in einem
Wilfried Hauke hat sich für diese filmische Annäherung nicht für den naheliegenden Weg entschieden, Lindgrens Tagebücher schlicht mit historischen Archivaufnahmen zu bebildern. Stattdessen entstand ein kluger Hybrid: ein Werk, das dokumentarische Elemente mit szenischen Rekonstruktionen verbindet und dabei nie aufhört, beides durchdacht miteinander in Dialog zu bringen.
In den dokumentarischen Passagen kommen die engsten Nachkommen Astrid Lindgrens zu Wort: ihre Tochter Karin Nyman, ihre Enkelin Annika Lindgren und ihr Urenkel Johan Palmberg. Sie lesen gemeinsam in den Tagebüchern, sprechen miteinander, erinnern sich und reflektieren – mal heiter, mal bewegt, manchmal auch erschüttert von dem, was ihre Mutter, Großmutter und Ururgroßmutter hinterlassen hat. Dabei sparen sie auch die schmerzhaften Kapitel nicht aus: die gescheiterte Ehe, die frühe uneheliche Mutterschaft, die persönlichen Kämpfe einer Frau, die die Welt kannte und doch so lange in ihrem eigenen Privaten gefangen war. Erstmals wurde für diesen Film auch das private Familienarchiv geöffnet – ein seltener Zugang, der dem Porträt eine Intimität verleiht, die keine noch so akribische Recherche von außen hätte ersetzen können.
Die szenischen Passagen hingegen sind prominent und überzeugend besetzt. Sofia Pekkari verkörpert Astrid Lindgren mit einer stillen Intensität, die der Figur gerecht wird – nicht als Ikone, sondern als Mensch. Tom Sommerlatte ist als Ehemann Sture zu erleben, Edda Braune und Ida Malene Schütte übernehmen die Rolle der Tochter Karin in unterschiedlichen Lebensphasen, Lennard Leiste spielt Sohn Lars. Vieles erzählt Astrid Lindgren im Film durch ihre eigene Stimme – durch die Worte, die sie in ihrem Tagebuch hinterlassen hat.
Das Ergebnis ist ein Film, der sowohl historisch als auch persönlich berührt. Er zeigt eine Astrid Lindgren, die kaum jemand kannte, und er tut dies mit einem Respekt und einer filmischen Sorgfalt, die der Bedeutung des Themas entsprechen. Die Parallelen zur Gegenwart, die sich dabei unweigerlich aufdrängen – die Ohnmacht angesichts von Krieg, der Aufstieg des Populismus, die Frage nach dem Fundament demokratischer Gesellschaften –, machen den Film zu mehr als einem historischen Dokument. Er ist ein Appell.
„Dieser wunderbare Film zeigt uns die private und die politische Astrid Lindgren, die uns gerade heute viel zu sagen hat", urteilt der NDR. Und das epd-film schreibt: „Es ist ein eindrückliches Porträt einer außergewöhnlichen Frau, einer mutigen Feministin, liebevollen Mutter und begnadeten Autorin, aber auch eine sehr persönliche Chronik des Zweiten Weltkriegs." Das WILD Magazin ergänzt: „Der Film lädt dazu ein, Humanismus nicht als fertige Haltung, sondern als fortwährenden Prozess zu begreifen – fragil, widersprüchlich und gerade deshalb von bleibender Bedeutung."
Die DVD von Lighthouse Home Entertainment
Nachdem „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren" am 22. Januar 2026 erfolgreich in die deutschen Kinos gestartet war und im Dezember 2025 beim schwedischen Sender SVT in der Primetime ausgestrahlt wurde, erscheint der Film nun bei Lighthouse Home Entertainment auf DVD – erhältlich seit dem 26. Juni 2026, auch als Video-on-Demand.
Lighthouse Home Entertainment, der auf Dokumentar- und Arthouse-Kino spezialisierte Hamburger Heimkinoanbieter, ist der ideale Heimathafen für diesen Film: sorgfältige Auswahl, klares Bekenntnis zur anspruchsvollen Kinoproduktion jenseits des Mainstreams. Der Film läuft mit einer Laufzeit von 98 Minuten, ist ab 12 Jahren freigegeben und wurde als deutsch-schwedische Koproduktion realisiert, an der unter anderem ARTE/NDR, SVT, NRK und Film i Skåne beteiligt sind.
Fazit
„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren" ist ein Film, der nachwirkt. Er zeigt eine Frau, die die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen wusste, und die diese Welt mit den Augen einer hellwachen, leidenschaftlich empörten Erwachsenen beobachtet und kommentiert hat. Dieser Widerspruch – die Schöpferin der unbeschwertesten Kindheitswelten der Literatur als erschütterte Chronistin eines mörderischen Krieges – ist das eigentliche Thema des Films. Und es ist ein Thema, das berührt.
Wer Astrid Lindgren zu kennen glaubte, wird hier eine andere Seite entdecken. Wer sie noch nicht kannte, wird sie nach diesem Film nicht mehr vergessen. Und wer an die Kraft von Literatur, Mitmenschlichkeit und dem unbedingten Willen zur Hoffnung glaubt, findet hier einen Film, der genau davon handelt – aus dem Leben einer Frau, die beides kannte: die Dunkelheit der Zeit und das Licht, das man ihr entgegensetzen kann.