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One Gate Media hat sich mit der Reihe DDR TV-Archiv als verlässlicher Bewahrer eines oft vergessenen Kapitels der deutschen Fernsehgeschichte etabliert. Die Raritäten-Boxen sind dabei besonders wertvoll, denn sie heben Produktionen ans Licht, die selbst eingefleischten DDR-Filmkennern kaum noch ein Begriff sind. Box 4 der Reihe Raritäten aus den 80ern versammelt vier Fernsehspiele und -filme aus den Jahren 1980 bis 1986, die zusammen stolze 314 Minuten Spielzeit bieten – und ein eindrucksvolles Zeugnis vom Alltag, den Träumen und den Widersprüchen der DDR-Gesellschaft ablegen.


DVD 1


Der Liebesdienst


Den Auftakt macht eine Geschichte, die auf den ersten Blick leichtfüßig und heiter daherkommt: Günter und Hella Lindner sind ein glückliches Paar, dem nur eines fehlt – der ersehnte Nachwuchs. Was daraus folgt, sind die merkwürdigsten Ideen des zunehmend verzweifelten Ehemanns Günter, der für sich und seine Frau den Kindersegen erzwingen möchte. Der Liebesdienst bewegt sich im Fahrwasser der komödiantischen Unterhaltungsfilme, die das DDR-Fernsehen so routiniert beherrschte: warmherzig, mit einem Augenzwinkern erzählt, aber nie ohne menschliche Tiefe. Das Thema Kinderlosigkeit in der Ehe, damals wie heute ein sensibles Sujet, wird mit feinem Humor angepackt, ohne je ins Plakative zu kippen. Ein angenehmer, kurzweiliger Auftakt für die Box.


Solo für Martina


Das zweite Stück auf DVD 1 ist thematisch anspruchsvoller und dürfte das stärkere der beiden sein. Martina und Jürgen sind ein junges Liebespaar am Scheideweg: Sie studiert Ökonomie und ist ganz auf der Höhe der Zeit, er hingegen bereitet sich auf seine Meisterprüfung als Geigenbauer vor und fühlt sich den Traditionen des Handwerks verpflichtet. Was sich nach einer romantischen Ergänzung anhört, erweist sich im Alltag als Quelle beständiger Reibung. Solo für Martina ist ein feinfühliges Kammerspiel über das Aufeinanderprallen zweier Lebensentwürfe, über die Frage, wie viel Eigenständigkeit eine Liebesbeziehung verträgt – und wer sich letztlich anpassen muss oder will. Gerade für DDR-Verhältnisse bemerkenswert offen in der Schilderung weiblicher Selbstbehauptung. Ein kleines, nachdenkliches Highlight.


DVD 2


Ach du meine Liebe


Die zweite DVD eröffnet mit einer charmant-melancholischen Charakterstudie. Detlev, Versicherungsangestellter, jenseits der 30 und noch immer im Bannkreis einer überfürsorglichen Mutter gefangen, wagt einen kleinen Aufstand gegen sein eingefahrenes Leben: Eine Zufallsbekanntschaft und der angestaute Kummer geben den Anstoß, eine Heiratsannonce aufzugeben. Was folgt, ist eine ebenso komische wie rührende Geschichte über einen Mann, der das Erwachsenwerden nachzuholen versucht. Ach du meine Liebe trifft den Ton zwischen Komödie und leisem Drama mit sicherem Gespür. Der Typus des von der Mutter dominierten Junggesellen ist zwar eine bekannte Figur, doch die Umsetzung wirkt frisch und authentisch. Gesellschaftskritik blitzt hier zwischen den Zeilen auf – durchaus bemerkenswert für eine DDR-Produktion dieser Ära.


Der Fall Magdalena Eigner


Den Abschluss der Box bildet das inhaltlich gewichtigste Stück: Die junge Ballettschülerin Magdalena trägt großes Talent in sich, die Erwartungen an sie sind entsprechend hoch. Doch plötzlich beginnt sie zu kränkeln und bricht ihr Studium ab. Der Direktor der Ballettschule macht es sich zur Aufgabe, dem begabten Mädchen aus der Krise zu helfen und einen Weg zurück zu finden. Der Fall Magdalena Eigner ist das dramatischste und tiefgründigste der vier Werke in dieser Box. Er berührt Themen wie Leistungsdruck, Identitätsfindung und den Umgang einer Institution mit menschlicher Verletzlichkeit – Fragen, die im Kontext des DDR-Leistungssports und der staatlich geförderten Kunstausbildung eine ganz eigene, brisante Dimension bekommen. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit deutlich spürbarer Ernsthaftigkeit erzählt, rundet dieser Film die Box auf nachdenkliche Weise ab.


Bild und Ton


Wie für die Reihe DDR TV-Archiv üblich, handelt es sich um Produktionen, die für das Fernsehen entstanden und entsprechende Abstriche in der technischen Qualität mit sich bringen. Das Bild ist überwiegend sauber und für Archivmaterial dieser Art in akzeptablem bis gutem Zustand, der Ton klar und gut verständlich. Wer sich auf das DDR-Fernsehen einlässt, weiß, was ihn erwartet – und wird in dieser Hinsicht nicht enttäuscht. Die Sorgfalt in der Aufbereitung, die One Gate Media den Titeln angedeihen lässt, ist spürbar.


Fazit


Die Raritäten aus den 80ern – Box 4 ist eine lohnende Zeitkapsel aus dem DDR-Fernsehschaffen der frühen bis mittleren 1980er-Jahre. Alle vier Produktionen eint eine Qualität, die im heutigen Fernsehbetrieb selten geworden ist: Sie nehmen sich Zeit für ihre Figuren, erzählen nah am Menschen und vertrauen dem Zuschauer. Ob leichte Komödie, Beziehungsdrama oder ernste Charakterstudie – die Bandbreite dieser Box macht sie für Liebhaber des DDR-Kinos ebenso attraktiv wie für alle, die sich für die Alltagsgeschichte der DDR jenseits der großen politischen Erzählungen interessieren. Eine empfehlenswerte Ergänzung für jede Sammlung, die den deutschen Fernsehfilm ernst nimmt.