Kinopreview: „Girls Don't Cry" – Ab 30. April 2026 im Kino
Es gibt Filme, die man nicht einfach nur anschaut. Filme, die sich festsetzen, die nachklingen, die eine stille Unruhe hinterlassen, die man erst verarbeiten muss, bevor man über sie sprechen kann. „Girls Don't Cry", der neue Dokumentarfilm von Regisseurin Sigrid Klausmann und Co-Regisseurin Lina Lužytė, gehört in diese seltene Kategorie. Ab dem 30. April 2026 ist er in den deutschen Kinos zu sehen – und er ist ein Film, den man gesehen haben sollte.
Die Ausgangsfrage ist so simpel wie sie grundlegend ist: Was bedeutet es, heute ein Mädchen zu sein? Nicht in einem Land, nicht in einer Kultur, nicht unter einem bestimmten politischen System – sondern überall auf der Welt, gleichzeitig, in all seiner Unterschiedlichkeit und doch mit erstaunlich vielen gemeinsamen Nenner. Klausmann und Lužytė reisen für ihre Antwort um den Globus und begleiten sechs Teenagerinnen zwischen 14 und 16 Jahren aus sechs verschiedenen Ländern: Nancy aus Tansania, Sheelan aus dem Nordirak, Selenna aus Chile, Nina aus Serbien, Paige aus England und Sinai aus Südkorea. Sechs Leben, sechs Welten, sechs Geschichten – und eine Frage, die sie alle verbindet.
Was das Filmteam dabei einfängt, ist weit mehr als ein sozialpolitisches Panorama. Es sind Porträts von echter Stärke, echter Verletzlichkeit und echter Menschlichkeit, entstanden aus einem Vertrauen heraus, das man sich nicht erzwingen kann, sondern das wachsen muss. Und offensichtlich ist es gewachsen. Denn was die sechs jungen Frauen vor der Kamera preisgeben, ist von einer Offenheit, die einen trifft und nicht mehr loslässt.
Nancy aus Tansania ist vor der Genitalverstümmelung geflohen – einer Praxis, die in ihrem Land zwar offiziell unter Strafe steht, aber in vielen Regionen nach wie vor praktiziert wird. Sie lebt nun im Schutzhaus der Institution „Hope for Girls and Women Tanzania" und weiß, dass sie mit ihrer Entscheidung das Ansehen ihrer Familie schwer beschädigt hat. Die Last dieser Entscheidung trägt sie, und der Film lässt sie diese Last tragen – ohne sie wegzureden, ohne falschen Trost. Sheelan aus dem Nordirak ist als jezidisches Mädchen dem Völkermord durch den IS entkommen und hat in Tübingen eine neue Heimat gefunden. Während der Dreharbeiten kehrt ihre älteste Schwester nach acht Jahren IS-Gefangenschaft zur Familie zurück – ein Moment von kaum fassbarer emotionaler Wucht. Und dann, in eben dieser Zeit des Wiedersehens und der mühsam erkämpften Stabilität, geistert das Wort „Remigration" durch Deutschland. Sheelans ersehnte Sicherheit bekommt einen Riss, und der Film hält diesen Riss aus, ohne ihn zu kitten.
Selenna aus Chile wurde im Körper eines Jungen geboren. Mit vier Jahren entschuldigte sie sich bei ihrer Mutter dafür, ein Mädchen zu sein. Heute ist sie Aktivistin für die Rechte von Transgender-Personen – und ihr Weg dorthin, den der Film mit behutsamer Nähe nachzeichnet, ist einer der bewegendsten Bögen des gesamten Werkes. Nina aus Serbien lebt seit ihrer Abschiebung aus Deutschland in einer Roma-Siedlung in Novi Sad. Was Abschiebung wirklich bedeutet – nicht als politischer Begriff, sondern als gelebte Realität für einen Menschen mit Träumen und Zielen – das lässt dieser Film ahnen, und das Ahnen trifft manchmal härter als das Wissen. Trotz allem hat Nina ein klares Ziel vor Augen: ein unabhängiges Leben. Die 16-jährige Paige aus England ist Mutter eines kleinen Sohnes, nachdem sie sich in letzter Minute gegen eine Abtreibung entschieden hat – anders als ihre beste Freundin. Ihr Alltag zwischen Windeln, Wimpern und dem Wunsch nach einem eigenen Leben ist einer, der keine einfachen Urteile zulässt und keine einfachen Antworten kennt. Und Sinai aus Südkorea schließlich wächst in einer Gesellschaft auf, in der von Mädchen erwartet wird, sich für den Erfolg im Beruf und in der Liebe operieren zu lassen. Sinai lehnt das ab und trainiert stattdessen täglich in der Pipe für die BMX-Weltmeisterschaften – ohne je eine normale Schule besucht zu haben. Ihr Porträt ist eines der stillen, leisen des Films, und gerade deshalb eines der stärksten.
Was Klausmann und Lužytė mit diesen sechs Geschichten machen, ist keine Aneinanderreihung von Schicksalen. Durch eine geschickte Montage entstehen Verbindungen, Korrespondenzen, ein stilles Gespräch zwischen Welten, die kilometerweit voneinander entfernt sind und doch dieselbe Sprache sprechen, wenn es darum geht, was es bedeutet, jung und weiblich und frei sein zu wollen. Der Film urteilt nicht, wertet nicht, moralisiert nicht. Er schaut hin – genau, respektvoll und mit einer Wärme, die nie in Sentimentalität abgleitet.
Sigrid Klausmann, die ihre Karriere als Dokumentarfilmerin mit diesem Werk beendet und es ihrer ersten Enkeltochter widmet, hat in ihrem Director's Statement formuliert, was ihr Antrieb war: die Frage, welchen Beitrag wir leisten können, um Mädchen stark und selbstbewusst zu machen, ihre Talente und Stärken zu nutzen für eine Welt, die unter ihrer Führung anders funktionieren würde. Dieser Anspruch ist im Film spürbar – nicht als Botschaft, die verkündet wird, sondern als Haltung, die jede Einstellung durchzieht.
Die FBW-Jury hat dem Film ihr höchstes Prädikat verliehen: „besonders wertvoll". Auf zahlreichen internationalen Festivals wurde er bereits gezeigt und gefeiert – von Malmö über Seoul bis Chile, wo er als Eröffnungsfilm des Ojo de Pescado Film Festivals lief, und beim Interrobang Film Festival in Iowa, wo er als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Auch beim LUCAS-Festival in Frankfurt und beim Kinder- und Jugendfilmfestival CINEPÄNZ in Köln war er zu sehen. Die Reaktionen von Festivaljurys, Filmkritikern und Schulklassen gleichermaßen zeigen, dass dieser Film Menschen erreicht – und verändert. Eine Lehrerin aus Hildesheim brachte es auf den Punkt, als sie berichtete, wie ihre Schülerinnen den Jungen in der Klasse nach der Vorstellung erklärten, warum der Film auch sie etwas angehe.
Produziert von Schneegans Productions, gefördert von der MFG Baden-Württemberg und mit Unterstützung des ZDF sowie zahlreicher weiterer Partner, kommt „Girls Don't Cry" über farbfilm verleih in die deutschen Kinos. In 90 Minuten, gedreht in 4K und in sieben Sprachen – Deutsch, Englisch, Spanisch, Swahili, Serbisch, Kurmandschi und Koreanisch – entfaltet der Film ein Panorama weiblicher Gegenwart, das so divers wie dringlich ist.
Fazit:
„Girls Don't Cry" ist kein leichter Film, aber ein wichtiger. Er ist einer jener seltenen Dokumentarfilme, die nicht erklären, sondern zeigen – und im Zeigen mehr bewirken als jede Erklärung es könnte. Er ist mutig, zärtlich, wütend und hoffnungsvoll zugleich, und er hinterlässt einen mit der leisen, festen Überzeugung, dass die sechs jungen Frauen, die er porträtiert, die Welt ein bisschen besser machen werden. Kinostart: 30. April 2026. Unbedingt hingehen.