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Die Vermessung des Himmels


Andrea Wulf: Eine Historikerin mit Gespür für große wissenschaftliche Erzählungen


Andrea Wulf hat sich in den vergangenen Jahren als eine der profiliertesten Sachbuchautorinnen im Bereich der Wissenschaftsgeschichte etabliert. In Indien geboren und in Deutschland aufgewachsen, lebt die studierte Designhistorikerin heute in London und schreibt regelmäßig für internationale Publikationen wie die New York Times, den Guardian und das Wall Street Journal. Ihren größten Erfolg feierte sie mit der Biografie Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, die in 27 Sprachen übersetzt und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Die Vermessung des Himmels erschien bereits vor diesem Durchbruch, zunächst unter dem Titel Die Jagd auf die Venus im Verlag C. Bertelsmann, und zeigt bereits hier jenes erzählerische Gespür, das Wulf später zur gefeierten Bestsellerautorin machen sollte: die Fähigkeit, komplexe wissenschaftshistorische Zusammenhänge in packende, geradezu abenteuerromanhafte Erzählungen zu verwandeln, ohne dabei an inhaltlicher Präzision einzubüßen.


Ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen den Himmel


Im Zentrum des Buches steht ein astronomisches Ereignis von außergewöhnlicher Seltenheit: der Venustransit, bei dem der Planet Venus als kleiner dunkler Punkt vor der Sonnenscheibe vorbeizieht. Bereits 1716 hatte der britische Astronom Edmond Halley erkannt, dass sich mit Hilfe dieses Phänomens die exakte Entfernung zwischen Erde und Sonne berechnen ließe, wüsste man nur die genauen Beobachtungszeiten von möglichst weit voneinander entfernten Punkten der Erde. Halley selbst sollte die Umsetzung seiner Idee nie erleben – ein Umstand, den er noch auf dem Sterbebett beklagte –, doch sein Aufruf entfachte im 18. Jahrhundert eine beispiellose internationale wissenschaftliche Kooperation. Andrea Wulf erzählt, wie sich anlässlich der beiden Transitereignisse von 1761 und insbesondere 1769 Astronomen aus ganz Europa aufmachten, um an den entlegensten Orten der Welt Position zu beziehen: mitten im Siebenjährigen Krieg, unter widrigsten klimatischen Bedingungen, bedroht von Piraten, Schiffbruch und diplomatischen Verwicklungen.


Was in der Theorie nach einer nüchternen astronomischen Beobachtung klingt, entwickelt sich unter Wulfs Feder zu einem regelrechten Abenteuerbericht. Die Forscher kämpfen mit ungenauen Karten, sibirischer Kälte, tropischer Hitze und immer wieder mit dem größten Feind ihres Unterfangens: schlechtem Wetter, das die nur wenige Stunden dauernde Beobachtung im entscheidenden Moment zunichtezumachen drohte. Wulf gliedert ihre Erzählung in episodische Kapitel, die zwischen den verschiedenen Expeditionen und Schauplätzen hin- und herspringen, wodurch sich eine mitreißende Spannung aufbaut, die dem Buch seinen von der Kritik immer wieder hervorgehobenen, geradezu kriminalistischen Erzählsog verleiht.


Historische Wissenschaft als große menschliche Erzählung


Die eigentliche Stärke des Buches liegt darin, dass Andrea Wulf die trockene Wissenschaftsgeschichte konsequent über ihre Protagonisten erzählt. Statt sich in astronomischen Detailfragen zu verlieren, rückt sie die Menschen in den Mittelpunkt, die bereit waren, Jahre ihres Lebens und nicht selten ihre Gesundheit für wenige Stunden Beobachtungszeit zu opfern. Zahlreiche Originalzitate aus Tagebüchern, Zeitungsberichten und wissenschaftlichen Schriften der beteiligten Forscher verleihen der Darstellung eine bemerkenswerte Authentizität und lassen die Lesenden beziehungsweise Hörenden ganz nah an den Strapazen und Triumphen dieser Expeditionen teilhaben. Dabei gelingt es Wulf, auch Leserinnen und Lesern ohne astronomische Vorkenntnisse einen mühelosen Zugang zum Thema zu verschaffen, ohne die wissenschaftliche Substanz zu verwässern – eine Balance, die dem Buch seinen Ruf als eines der zugänglichsten Sachbücher zur Wissenschaftsgeschichte des 18. Jahrhunderts eingebracht hat.


Die Lesung: Christian Baumann gibt der Wissenschaftsgeschichte eine Stimme


Für die ungekürzte Lesung zeichnet Christian Baumann verantwortlich, ein Schauspieler, der seit Mitte der Neunzigerjahre vor allem am Münchner Metropoltheater auf der Bühne steht und darüber hinaus durch Rollen in hochkarätigen Fernsehproduktionen wie dem Polizeiruf 110 unter der Regie von Dominik Graf sowie der mit Grimme-Preis und Deutschem Fernsehpreis ausgezeichneten Thrillerserie Der Pass einem breiteren Publikum bekannt ist. Seine Stimme ist darüber hinaus regelmäßig beim Bayerischen Rundfunk sowie in zahlreichen weiteren Hörbuchproduktionen zu hören, und auch bei anderen Werken Andrea Wulfs, etwa der Humboldt-Biografie, tritt er als Sprecher in Erscheinung, was ihm eine besondere Vertrautheit mit dem erzählerischen Duktus der Autorin verschafft.


Baumann trifft mit seiner klaren, angenehm zurückgenommenen Vortragsweise genau den richtigen Ton für diesen Stoff: Er lässt die episodisch aufgebaute Erzählung nie in bloße Aufzählung abgleiten, sondern verleiht den einzelnen Expeditionsberichten durch feine Nuancen in Tempo und Betonung eine erzählerische Spannung, die der Vorlage angemessen ist. Gerade in den dramatischeren Passagen – etwa wenn Forschungsreisende zwischen die Fronten kriegerischer Schiffe geraten oder unter widrigsten Bedingungen ausharren müssen – gelingt es ihm, die Anspannung hörbar zu machen, ohne dabei in reißerische Übertreibung zu verfallen. Mit einer Spieldauer von 8 Stunden und 33 Minuten bleibt die Lesung angenehm kompakt und eignet sich damit auch für Hörerinnen und Hörer, die sich dem Thema ohne allzu großen zeitlichen Aufwand nähern möchten.


Fazit


Die Vermessung des Himmels gehört zu jenen seltenen Sachbüchern, die komplexe wissenschaftshistorische Zusammenhänge mit der Erzähldynamik eines Abenteuerromans verbinden, ohne dabei an inhaltlicher Seriosität einzubüßen. Andrea Wulf gelingt es eindrucksvoll, den kollektiven Forschergeist des 18. Jahrhunderts lebendig werden zu lassen und dabei die menschliche Dimension eines auf den ersten Blick nüchternen astronomischen Unterfangens herauszuarbeiten. Christian Baumanns einfühlsame und zugleich präzise Lesung tut ihr Übriges, um aus diesem Hörbuch eine überaus kurzweilige Begegnung mit einem faszinierenden Kapitel der Wissenschaftsgeschichte zu machen. Eine klare Empfehlung für alle, die sich für die Geschichte der Astronomie interessieren, aber ebenso für jene, die einfach eine packend erzählte historische Abenteuergeschichte suchen.