Ein Kater auf Reisen – und ein Buch, das unter die Haut geht
Es gibt Bücher, die man zur Hand nimmt und denkt, man weiß, was einen erwartet. „Frankie – Unter Menschen" von Jochen Gutsch ist definitiv nicht so ein Buch. Was auf den ersten Blick wie eine charmante Tiergeschichte wirkt, entpuppt sich rasch als eines der klügsten, berührendsten und gleichzeitig witzigsten Bücher der jüngeren deutschen Gegenwartsliteratur.
Worum geht es?
Frankie ist ein Kater. Er hat alles, was ein Kater braucht: einen riesigen Fernseher, ein riesiges Bett und Futter mit viel Soße. Was ihm fehlt, ist sein Menschenfreund Gold – der seit Monaten in der psychiatrischen Klinik sitzt. Eines Nachts gerät Frankie bei einem Streifzug in ein Müllauto, das ihn weit weg von allem trägt, was er kennt. Weit weg von Zuhause.
Auf seiner verzweifelten Suche nach dem Weg zurück trifft er auf Shattab – ein Mädchen, allein, schmutzig, geflohen aus dem, was sie selbst bitter die „Kanakensammelstelle" nennt. Zwei Gestrandete finden sich. Und gemeinsam beginnen sie eine Reise durch ein Land, in dem beide Fremde sind.
Erzählen aus einer anderen Perspektive
Das Herzstück des Romans ist die erzählerische Entscheidung, die Geschichte aus der Perspektive eines Katers zu erzählen. Gutsch nutzt diesen Kunstgriff mit großer Meisterschaft. Frankie beobachtet die Welt der Menschen mit dem distanzierten, sachlichen Blick eines Wesens, das menschliche Konventionen, soziale Codes und gesellschaftliche Hierarchien schlicht nicht versteht – und gerade deshalb umso schärfer durchleuchtet.
Was für Frankie selbstverständlich ist – Geruch, Instinkt, das Tier im Menschen – ist für den menschlichen Leser eine Einladung, die eigene Welt mit anderen Augen zu sehen. Dabei gelingt Gutsch etwas Seltenes: Frankies Perspektive ist niemals albern oder aufgesetzt, sondern stets glaubwürdig, konsequent und oft von überraschender Tiefe.
Eine Reise durch ein Land voller Widersprüche
Die Episodenstruktur des Romans erinnert an klassische Roadtrip-Literatur: Frankie und Shattab treffen auf die unterschiedlichsten Gestalten. Eine alte Frau, die vielleicht einmal die Fotografin von John Lennon war. Zwei belesene Aaskrähen, die philosophieren. Brutale Jugendliche ohne Herz. Sie rauben – auf ihre ganz eigene, moralisch zweideutige Art – eine Tankstelle aus. Sie fliehen auf eine Hühnermastfarm. Sie treiben auf einem Fluss in Richtung dessen, was Shattab den „Arsch der Welt" nennt.
Jede dieser Begegnungen ist für sich ein kleines Meisterwerk. Gutsch schreibt mit viel Gespür für Komik, aber nie auf Kosten seiner Figuren. Der Humor ist nie billig, nie zynisch – er entsteht aus der Situation, aus dem Blick des Katers auf eine Welt, die er nicht ganz begreift, und die ihn doch niemals ganz loslässt.
Dabei schwebt die ganze Zeit eine Bedrohung über allem: Ein Sheriff ist auf der Jagd nach dem Mädchen. Diese Spannung hält den Roman in Bewegung und verleiht der Reise eine unterschwellige Dringlichkeit, die aus der Geschichte mehr macht als nur eine bunte Abenteuersammlung.
Shattab – die eigentliche Entdeckung des Buches
So sehr Frankie das Herz des Romans ist, so ist Shattab seine Seele. Das Mädchen, das aus dem System geflohen ist, das sich verweigert und kämpft und trotzdem zerbrechlich bleibt, ist eine der eindrücklichsten Figuren, die die deutschsprachige Literatur in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Gutsch schreibt sie mit großem Respekt und Einfühlungsvermögen – ohne sie zu idealisieren, ohne sie zu bemitleiden. Shattab ist einfach da. Laut, stolz, verletzt und wunderbar.
Die Freundschaft zwischen ihr und Frankie entwickelt sich langsam, fast widerwillig, und gerade deshalb wirkt sie so echt. Hier entsteht etwas Zartes zwischen einem Mädchen, das unter Menschen ein Fremdkörper ist, und einem Kater, der unter Menschen zu Hause war – und es jetzt nicht mehr ist.
Sprachkunst und Ton
Jochen Gutsch schreibt in einem Ton, der schwer zu beschreiben und noch schwerer zu imitieren ist. Er ist lakonisch ohne kalt zu sein. Witzig ohne leichtfertig zu sein. Und bewegend, ohne je ins Sentimentale zu kippen. Die Sätze sitzen. Jede Szene hat Rhythmus. Man liest dieses Buch fast in einem Zug, weil es einen nicht loslässt – und weil man Frankie einfach nicht alleine lassen will.
Besonders bemerkenswert ist, wie es Gutsch gelingt, ernste gesellschaftliche Themen – Heimatverlust, Ausgrenzung, psychische Erkrankung, Migration – in eine Geschichte einzuweben, die niemals belehrend wirkt. Das Buch hat eine Haltung, aber es predigt nicht. Es zeigt einfach. Und lässt den Leser denken.
Fazit
„Frankie – Unter Menschen" ist ein außergewöhnliches Buch. Es ist gleichzeitig ein Abenteuerroman, eine Sozialstudie, ein Freundschaftsbuch und eine stille Klage über das, was es bedeutet, kein Zuhause mehr zu haben. Witzig, klug, zutiefst bewegend – und mit einer Figur, die man so schnell nicht vergisst.
Wer Frankies Geschichte liest, sieht die Welt danach ein kleines bisschen mit den Augen eines Katers. Und das ist – das sei versichert – keine schlechte Art, sie zu betrachten.