Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen – Blu-ray-Review
One Gate Media
Die Geburtsstunde des modernen Völkerrechts
Am 20. November 1945 beginnt im Nürnberger Justizpalast der erste der sogenannten Nürnberger Prozesse. Auf der Anklagebank sitzen Hermann Göring und dreiundzwanzig weitere ranghohe Vertreter des NS-Regimes, darunter Franz von Papen, Wilhelm Keitel und Albert Speer. Nach monatelangen Verhandlungen fällt das Internationale Militärtribunal sein Urteil: zehn Todesstrafen, sieben Freiheitsstrafen, drei Freisprüche. Doch der Prozess ist mehr als ein juristisches Ereignis von weltgeschichtlicher Tragweite – er wird auch zum Schauplatz einer stillen, zutiefst menschlichen Begegnung zwischen zwei jungen Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz: Ernst Michel, der für eine US-amerikanische Nachrichtenagentur über die Verhandlungen berichten soll, und Seweryna Szmaglewska, die als Zeugin vor Gericht aussagt. „Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen" verwebt ihre Geschichten mit dem historischen Prozessgeschehen zu einem Dokudrama, das die Ereignisse von 1945/46 aus einer ungewöhnlich persönlichen Perspektive erzählt.
Regie, Buch und dramaturgisches Konzept
Regisseur Carsten Gutschmidt inszeniert den Stoff gemeinsam mit Drehbuchautor Dirk Eisfeld als vielschichtiges Geflecht aus nachgestellten Spielszenen, historischem Archivmaterial und neu gedrehten Zeitzeugengesprächen. Die Bildsprache der Spielszenen ist erkennbar an die restaurierten, kolorierten Originalaufnahmen jener Jahre angelehnt, sodass Inszeniertes und historisch Verbürgtes ineinanderfließen, ohne dass der Zuschauer stets klar zwischen beiden Ebenen trennen könnte oder müsste. Ergänzt wird dieses Verfahren durch Begegnungen mit Nachfahren und Zeitzeugen an den originalen Schauplätzen, die dem Geschehen eine zusätzliche, gegenwartsbezogene Rahmung geben.
Ein auffälliges gestalterisches Mittel ist der gelegentliche Bruch der vierten Wand: Die beiden Hauptdarsteller wenden sich an mehreren Stellen direkt an das Publikum und sprechen es unvermittelt an. Dieser unmittelbare, fast dokumentarisch anmutende Zugriff verleiht dem Film eine emotionale Dringlichkeit, die über die klassische Form des historischen Fernsehspiels hinausgeht.
Literarisch fußt das Drehbuch auf dem Roman „Die Unschuldigen in Nürnberg" der polnischen Prozesszeugin und Auschwitz-Überlebenden Seweryna Szmaglewska, wodurch der Film die persönliche Erinnerungsperspektive einer seiner zentralen Figuren unmittelbar in die Handlung einfließen lässt und dem Geschehen eine authentische, biografisch verbürgte Grundlage verleiht.
Die Besetzung
Katharina Stark, bekannt aus „Franz K." und der Serie „Deutsches Haus", übernimmt die Rolle der Seweryna Szmaglewska. Stark verleiht der Figur eine stille, in sich gekehrte Widerstandskraft, die dem Zuschauer die Last der Erinnerung glaubhaft vermittelt, ohne je ins Larmoyante abzugleiten. An ihrer Seite steht Jonathan Berlin als Ernst Michel, der jüngste unter den akkreditierten Journalisten in Nürnberg und zugleich der einzige unter ihnen, der selbst ein Konzentrationslager überlebt hat – eine doppelte Bürde zwischen professioneller Distanz und persönlicher Betroffenheit, die Berlin mit spürbarer Zerbrechlichkeit auslotet.
Francis Fulton-Smith, den man unter anderem aus „Der Medicus II" kennt, übernimmt mit Hermann Göring eine der schwierigsten Rollen des Films: Er muss einem der Hauptverantwortlichen des NS-Regimes Gestalt geben, ohne ihn zu verharmlosen, und changiert dabei zwischen selbstgerechter Arroganz und der kalkulierten Chuzpe eines Mannes, der bis zuletzt an seiner eigenen Rechtfertigung festhält. Das übrige Ensemble rund um Ankläger, Verteidiger und weiteres Prozesspersonal fügt sich stimmig in dieses Bild und trägt die angespannte, von Erwartung und Erschöpfung gleichermaßen geprägte Atmosphäre des Gerichtssaals mit.
Historische Verantwortung und erzählerische Balance
Die eigentliche Stärke des Films liegt in seiner bewussten Entscheidung, sich nicht auf die reine Chronologie des Gerichtsverfahrens zu beschränken, sondern die individuellen Schicksale zweier Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, die das Grauen der Vernichtungslager am eigenen Leib erfahren haben. Aus dieser Perspektive gewinnt das historische Geschehen eine unmittelbare menschliche Dimension, die reine Prozessberichterstattung kaum erreichen könnte. Die Rückblenden in das Lagergeschehen von Auschwitz werden dabei mit spürbarer Zurückhaltung eingesetzt – sparsam dosiert und stets dem Anspruch verpflichtet, das Erlebte anzudeuten, ohne es auszustellen.
Bild, Ton und technische Präsentation
Für die Heimkino-Auswertung präsentiert One Gate Media den Film in einer Bildqualität, die dem hybriden Charakter der Produktion gerecht wird: Die neu gedrehten Spielszenen wirken klar und detailreich, während die eingebundenen, restaurierten Archivaufnahmen bewusst in ihrer eigenen, kolorierten Ästhetik belassen wurden, um die zeithistorische Textur nicht zu glätten. Der Ton transportiert sowohl die eindringliche musikalische Untermalung als auch die dokumentarischen Interviewpassagen klar und unaufdringlich, sodass der ständige Wechsel zwischen den Erzählebenen nie zu Lasten der Verständlichkeit geht.
Fazit
„Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen" ist ein eindringliches Dokudrama, das die weltgeschichtliche Bedeutung der Nürnberger Prozesse über die persönlichen Geschichten zweier junger Auschwitz-Überlebender erfahrbar macht. Carsten Gutschmidt gelingt mit seinem Team ein Film, der historische Verantwortung und emotionale Nähe in ein sorgfältig austariertes Verhältnis setzt, getragen von einem Ensemble um Katharina Stark, Jonathan Berlin und Francis Fulton-Smith, das der Schwere des Themas mit spürbarem Ernst begegnet. Wer sich für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen und ihre juristische Bewältigung interessiert, findet in dieser Veröffentlichung von One Gate Media einen bewegenden und zugleich lehrreichen Beitrag fürs Heimkino.