„Spider-Man Noir: Die Gwen Stacy Affäre" bei Panini: Pulp-Detektei trifft auf Superheldenmythos
Kaum ein alternativer Spider-Man hat sich über die Jahre einen derart eigenständigen Kultstatus erarbeitet wie die Noir-Version des Netzschwingers. Passend zum Start der gleichnamigen Streaming-Serie mit Nicolas Cage kehrt der Detektiv im Trenchcoat nun auch auf Papier zurück, und Panini bringt mit „Die Gwen Stacy Affäre" die erste große neue Geschichte dieser Reihe seit Jahren nach Deutschland.
Ein Spider-Man-Urgestein kehrt zurück
Am Ruder dieses Comebacks steht mit Erik Larsen eine echte Branchenlegende. Larsen übernahm in den frühen Neunzigern von Fan-Liebling Todd McFarlane die reguläre „Amazing Spider-Man"-Serie und prägte den Netzschwinger über Jahre in dessen kosmischer wie kraftloser Phase entscheidend mit, bevor er mit „Savage Dragon" bei Image Comics einen eigenen Klassiker schuf und das Studio als Verleger mehrere Jahre lang mitleitete. Mit „Spider-Man Noir" wagt sich Larsen nun zum ersten Mal an diese alternative Version des Charakters heran und bringt dabei seine über Jahrzehnte gewachsene Erfahrung mit der Figur in ein völlig neues Setting ein. An seiner Seite zeichnet größtenteils Andrea Broccardo, der sich bei Marvel unter anderem mit Arbeiten an „Kanan" und dem „Amazing Grace"-Handlungsbogen aus „Amazing Spider-Man" einen Namen machte, ehe ihn das Event-Crossover „Civil War II: X-Men" sowie mehrere Star-Wars-Projekte wie „Doctor Aphra" einem größeren Publikum bekannt machten. Ergänzt wird das künstlerische Team durch Marika Cresta und Simone Di Meo, die sich einzelne Ausgaben der fünfteiligen Serie mit Broccardo teilen.
Handlung
New York, 1939. Privatdetektiv Peter Parker bestreitet als Spider-Man mit Maske, Hut, Mantel und Pistole seinen ganz eigenen Feldzug gegen das organisierte Verbrechen. Frisch getrennt von Mary Jane Watson, betritt eines Tages die attraktive Gwen Stacy sein Büro und beauftragt ihn, den Mörder ihres Vaters zu finden. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Mordfall wirkt, entwickelt sich schnell zu einer weitaus gefährlicheren Angelegenheit: Je tiefer Peter in die Ermittlungen eintaucht und je näher er Gwen dabei kommt, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass der Fall direkt zur tödlichen Scorpion Gang führt und weit mehr Schichten besitzt, als es der Auftrag zunächst vermuten ließ.
Erzählerischer Zugang
Larsen bleibt seinem pulpigen Grundton treu und verlässt sich konsequent auf die klassischen Versatzstücke des Detektiv-Genres: eine geheimnisvolle Auftraggeberin, ein Mordfall mit mehr Fragen als Antworten und eine Grauzone zwischen Recht und Selbstjustiz, die den Noir-Charakter seit jeher auszeichnet. Besonders gelungen ist dabei die Rückbesinnung auf thematische Wurzeln der ursprünglichen Noir-Reihe: Auch hier spielt der Aufstieg nationalistischer Sympathisantenbewegungen im New York der Dreißigerjahre eine Rolle und verleiht der an sich schon düsteren Detektivgeschichte eine zusätzliche zeitgeschichtliche Schwere. Die Beziehung zwischen Peter und Gwen bildet dabei den emotionalen Kern der Serie, wenngleich sie streckenweise stärker als erzählerischer Hebel für die Auflösung des Mordfalls dient, denn als eigenständig ausgearbeitete Figurenbeziehung, ein für das Krimi-Genre nicht ungewöhnlicher, aber dennoch spürbarer Kompromiss.
Zeichenstil
Broccardos Artwork überzeugt vor allem in den actionreicheren Passagen, in denen Spider-Man seine akrobatische Kampfkunst gegen die Scorpion Gang ausspielt, wirkt dabei aber streckenweise weniger konsequent in der schattenreichen, klassischen Noir-Ästhetik verwurzelt, für die frühere Ausflüge in dieses Spider-Verse-Universum bekannt waren. Der Wechsel zwischen mehreren Zeichnern über die fünf enthaltenen Ausgaben hinweg sorgt zudem für gewisse stilistische Schwankungen, die dem Gesamtwerk streckenweise etwas von seiner visuellen Geschlossenheit nehmen. Nichtsdestotrotz gelingt es der Bildsprache insgesamt, die schäbige, von Licht und Schatten geprägte Atmosphäre des New Yorks der Dreißigerjahre glaubhaft einzufangen.
Fazit
„Spider-Man Noir: Die Gwen Stacy Affäre" ist eine unterhaltsame und stimmungsvolle Rückkehr zu einer der interessantesten alternativen Spider-Man-Versionen im Marvel-Kosmos. Erik Larsen gelingt eine kurzweilige Detektivgeschichte mit stimmigem Zeitkolorit, auch wenn die episodische Fallstruktur bei geballter Lektüre streckenweise repetitiv wirkt und die künstlerische Umsetzung nicht durchgehend das hohe Niveau klassischer Noir-Comics erreicht. Für Fans des Charakters und alle, die durch die Streaming-Serie neugierig auf diese Version des Netzschwingers geworden sind, bleibt es dennoch ein empfehlenswerter Ausflug ins pulpige New York der Dreißigerjahre.