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**Culdcept The First – Ein ungewöhnlicher Klassiker zwischen Brettspiel, Kartenspiel und Strategie**


Es gibt Spiele, deren Konzept sich nur schwer in eine einzelne Genre-Schublade stecken lässt. Culdcept The First gehört definitiv dazu. Ursprünglich 1997 für das Sega Saturn veröffentlicht, kombiniert das Spiel klassische Brettspielmechaniken mit Deckbuilding, taktischen Kämpfen und einer ordentlichen Portion Rollenspiel. Während zahlreiche andere Titel dieser Ära längst in Vergessenheit geraten sind, hat sich die Culdcept-Reihe über die Jahre eine treue Fangemeinde aufgebaut. Das Besondere an der aktuellen Veröffentlichung ist dabei nicht nur die Rückkehr des ersten Serienteils, sondern vor allem die Tatsache, dass dieser ursprünglich ausschließlich in Japan veröffentlichte Titel nun erstmals offiziell einem westlichen Publikum zugänglich gemacht wird. Für die PS5 wurde das Original als Culdcept The First Saturn Tribute neu aufgelegt und mit einigen Komfortfunktionen ergänzt, ohne das eigentliche Spielerlebnis grundlegend zu verändern.


Die Geschichte führt uns in die Fantasywelt Bablashca. Einst herrschte auf dem Kontinent Wohlstand, doch geheimnisvolle Steintafeln, bei denen es sich um Fragmente des mächtigen Culdcept handelt, sorgen für Unruhe und Konflikte. Das Culdcept ist ein sagenumwobenes Buch, dessen Macht verschiedene Cepter für ihre eigenen Zwecke nutzen wollen. Der Spieler übernimmt die Rolle eines jungen Helden, der sich gemeinsam mit dem ungewöhnlichen sprechenden Stab Goligan auf eine Reise begibt, um Frieden in das Land zurückzubringen. Die Handlung ist dabei eher Mittel zum Zweck und sollte nicht mit einem modernen Rollenspiel verglichen werden. Charakterentwicklung und ausführliche Zwischensequenzen stehen nicht im Mittelpunkt. Stattdessen dient die Geschichte dazu, neue Gegner, Karten und Schauplätze einzuführen und den Spieler nach und nach mit den umfangreichen Spielmechaniken vertraut zu machen. Interessant ist dabei, dass man im Verlauf der Kampagne teilweise selbst entscheiden kann, gegen welchen Cepter man als Nächstes antreten möchte.


Das eigentliche Herzstück von Culdcept The First ist natürlich das ungewöhnliche Spielprinzip. Wer schon einmal Monopoly gespielt hat und gleichzeitig Erfahrungen mit Sammelkartenspielen besitzt, bekommt zumindest eine grobe Vorstellung davon, was ihn erwartet. Tatsächlich geht Culdcept aber deutlich weiter. Zu Beginn einer Partie verfügt man über ein sogenanntes Book, also ein eigenes Kartendeck mit bis zu 50 Karten. Diese Karten bestehen unter anderem aus Kreaturen, Zaubern und Gegenständen. Anschließend bewegt man sich mithilfe eines Würfels über das Spielfeld. Je nachdem, auf welchem Feld man landet, kann man dort eine Kreatur beschwören und das entsprechende Territorium übernehmen. Die Spielfelder sind unterschiedlichen Elementen beziehungsweise Farben zugeordnet, wobei bestimmte Kreaturen besonders gut zu den jeweiligen Landschaftstypen passen.


Damit beginnt der strategische Teil des Spiels erst richtig. Besitzt man ein Gebiet, kann man dieses ausbauen und dadurch seinen Wert steigern. Landet ein gegnerischer Cepter auf einem eigenen Feld, muss dieser entweder eine Gebühr bezahlen oder versuchen, die dort stationierte Kreatur zu besiegen. Entscheidet man sich für einen Angriff, kommt es zu einem taktischen Kampf, bei dem nicht nur die Stärke der eingesetzten Kreaturen eine Rolle spielt. Auch Gegenstandskarten und andere Effekte können den Ausgang eines Gefechts beeinflussen. Genau hier zeigt sich, wie ungewöhnlich das Konzept von Culdcept ist. Das Brettspiel bestimmt, wo man sich befindet und welche Gebiete man kontrollieren kann, während das Kartendeck festlegt, welche Möglichkeiten man in dieser Situation besitzt.


Das Ziel besteht nicht einfach darin, möglichst viele Felder zu besitzen. Vielmehr müssen bestimmte Mengen an Magiepunkten beziehungsweise Magic Power gesammelt werden, bevor man zur Burg zurückkehrt und die Partie für sich entscheidet. Dadurch entsteht ein permanenter Kreislauf aus Bewegung, Gebietskontrolle, Investitionen und taktischen Entscheidungen. Ein scheinbar unbedeutendes Feld kann plötzlich äußerst wertvoll werden, wenn man es mit einer passenden Kreatur besetzt und anschließend aufwertet. Gleichzeitig kann ein stark ausgebautes Gebiet zum großen Risiko werden, wenn man nicht über die richtigen Karten verfügt, um es zu verteidigen.


Mit mehr als 300 unterschiedlichen Karten bietet Culdcept The First dabei erstaunlich viele Möglichkeiten. Kreaturen verfügen über unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten, Zauberkarten können den Spielverlauf beeinflussen und Gegenstände verändern die Bedingungen eines Kampfes. Besonders spannend wird das Zusammenspiel der verschiedenen Kartentypen. Eine starke Kreatur allein garantiert noch lange keinen sicheren Sieg. Erst die Kombination aus Kreatur, Element, Territorium, Ausbaustufe und möglicherweise einer passenden Ausrüstung macht aus einem Feld eine wirklich gefährliche Bastion.


Gerade diese Verzahnung der verschiedenen Systeme macht den Reiz des Spiels aus. Wer lediglich würfelt und darauf hofft, zufällig auf möglichst vielen Feldern landen zu können, wird schnell feststellen, dass Culdcept deutlich mehr verlangt. Man muss seine Karten kennen, die gegnerischen Möglichkeiten einschätzen und gleichzeitig die eigene Magie und die vorhandenen Ressourcen im Auge behalten. Manchmal ist es sinnvoller, einen Gegner nicht direkt anzugreifen, sondern zunächst dessen Verteidigung zu schwächen. In anderen Situationen kann es sich lohnen, ein eigenes Gebiet auszubauen, obwohl dadurch zunächst ein großer Teil der verfügbaren Ressourcen verschwindet.


Das Problem dabei: Culdcept The First ist ein Spiel aus einer Zeit, in der man bereit sein musste, sich intensiv mit einem System auseinanderzusetzen. Wer moderne Strategiespiele gewohnt ist, bei denen beinahe jede Mechanik ausführlich erklärt und Schritt für Schritt eingeführt wird, muss etwas Geduld mitbringen. Zwar hilft die Kampagne dabei, die Grundlagen zu verstehen, doch die wirkliche Tiefe des Kartensystems erschließt sich erst nach und nach. Gerade die zahlreichen Kartenkombinationen und Wechselwirkungen benötigen Zeit, bis man sie wirklich verinnerlicht hat.


Auch die Spielgeschwindigkeit ist gewöhnungsbedürftig. Eine Partie kann durchaus längere Zeit dauern, und insbesondere auf größeren Spielfeldern können sich einzelne Runden deutlich ziehen. Es kommt durchaus vor, dass man mehrere Würfe hintereinander nicht dort landet, wo man gerne wäre. Der Zufallsfaktor gehört ganz bewusst zum Konzept, kann aber gelegentlich dafür sorgen, dass eine eigentlich gut vorbereitete Strategie ins Wanken gerät. Gerade hier zeigt sich die enge Verbindung zum klassischen Brettspiel: Nicht jede Niederlage ist ausschließlich auf einen strategischen Fehler zurückzuführen. Manchmal sind es schlicht die Würfel, die einem einen Strich durch die Rechnung machen.


Auf der anderen Seite kann genau daraus eine der größten Stärken entstehen. Eine Partie ist häufig lange nicht entschieden, selbst wenn ein Spieler bereits einen deutlichen Vorsprung besitzt. Ein geschickt eingesetzter Zauber, eine überraschend starke Kreatur oder ein erfolgreicher Angriff auf ein vermeintlich uneinnehmbares Gebiet kann den kompletten Spielverlauf verändern. Die spannendsten Momente entstehen daher nicht unbedingt während der normalen Bewegung über das Spielfeld, sondern dann, wenn mehrere strategische Entscheidungen plötzlich ineinandergreifen.


Für die Neuauflage haben die Entwickler einige Funktionen eingebaut, die den ursprünglichen Titel deutlich angenehmer spielbar machen. Dazu gehört beispielsweise die Möglichkeit, die Hände der Spieler dauerhaft einzublenden. Dadurch lässt sich wesentlich besser nachvollziehen, welche Karten aktuell zur Verfügung stehen. Gerade für Neueinsteiger ist dies hilfreich, weil die strategischen Möglichkeiten dadurch transparenter werden. Ebenfalls praktisch sind die Quick-Save- und Quick-Load-Funktionen, mit denen sich jederzeit ein Spielstand sichern beziehungsweise wieder laden lässt. Dazu kommt eine Rewind-Funktion, mit der man zu bestimmten Punkten zurückspringen kann. Außerdem erhält man nach abgeschlossenen Partien zusätzliche Kartenbelohnungen.


Diese Neuerungen verändern das eigentliche Spielprinzip nicht, machen Culdcept The First aber deutlich zugänglicher. Besonders die Speicherfunktion ist angesichts der teilweise langen Partien eine willkommene Ergänzung. Auch die Rückspulfunktion kann helfen, wenn man eine wichtige Entscheidung getroffen hat und anschließend feststellen muss, dass diese doch nicht so clever war wie zunächst gedacht. Es handelt sich allerdings nicht um eine klassische Undo-Funktion, mit der jeder einzelne Spielzug beliebig zurückgenommen werden kann.


Technisch darf man selbstverständlich nicht erwarten, dass Culdcept The First wie ein modernes PS5-Spiel aussieht. Das Spiel basiert auf einem Titel aus dem Jahr 1997 und macht daraus auch keinen Hehl. Die Darstellung erfolgt weiterhin im klassischen 4:3-Format, die Benutzeroberfläche wirkt entsprechend altmodisch und auch die Charaktere sowie Spielfelder entsprechen weitgehend der ursprünglichen Präsentation.


Gerade für Retro-Fans besitzt dieser Look allerdings seinen eigenen Charme. Die farbenfrohen Kartenillustrationen gehören zu den schönsten Elementen des Spiels und verleihen den zahlreichen Kreaturen einen individuellen Charakter. Die Fantasy-Welt wirkt trotz der technischen Einschränkungen eigenständig und charaktervoll. Die Kampfanimationen sind aus heutiger Sicht natürlich ausgesprochen einfach, erfüllen aber ihren Zweck und sorgen dafür, dass die Auseinandersetzungen nicht ausschließlich aus statischen Karten bestehen.


Besonders positiv fällt die Musik auf. Der Soundtrack stammt von Yuzo Koshiro und passt hervorragend zur Fantasy-Atmosphäre. Während sich manche Bereiche des Spiels aufgrund des Alters deutlich bemerkbar machen, funktioniert die musikalische Untermalung auch heute noch erstaunlich gut.


Auch die Steuerung wurde für die PS5 sinnvoll umgesetzt. Man merkt zwar jederzeit, dass die ursprüngliche Bedienung für eine deutlich ältere Konsolengeneration entwickelt wurde, größere Probleme entstehen dadurch aber nicht. Wer sich einmal an die Menüführung und die verschiedenen Ebenen des Spielfelds gewöhnt hat, kommt gut zurecht. Allerdings hätte gerade die Benutzeroberfläche durchaus stärker modernisiert werden dürfen. Die 4:3-Darstellung und die teilweise sehr kleinen beziehungsweise dicht angeordneten Informationen wirken auf einem modernen Fernseher zunächst ungewohnt.


Ein weiterer Punkt, den man bei der PS5-Version berücksichtigen muss, ist der Mehrspielermodus. Culdcept The First unterstützt lokales Spielen mit bis zu vier Personen, was hervorragend zum Brettspielcharakter passt. Ein Online-Multiplayer ist dagegen nicht vorhanden. Gerade bei einem Titel, dessen Mechaniken sich hervorragend für menschliche Gegner eignen würden, ist das eine verpasste Möglichkeit. Wer mit Freunden auf der Couch spielt, bekommt dagegen genau die Art von Spielerlebnis, die das Konzept von Culdcept nahelegt.


Culdcept The First ist somit ein faszinierendes Stück Videospielgeschichte, das auch fast drei Jahrzehnte nach seiner ursprünglichen Veröffentlichung noch ein erstaunlich eigenständiges Konzept besitzt. Die Mischung aus Brettspiel, Kartenspiel, Deckbuilding und taktischen Kämpfen funktioniert deshalb so gut, weil die einzelnen Systeme nicht einfach nebeneinanderstehen, sondern direkt miteinander verbunden sind. Jeder Würfelwurf beeinflusst die eigene Position, jede Position kann neue taktische Möglichkeiten eröffnen und jede ausgespielte Karte kann wiederum Auswirkungen auf die Kontrolle des Spielfelds haben.


Allerdings verlangt das Spiel einiges von seinem Publikum. Wer schnelle Action, moderne Präsentation oder eine umfangreiche Rollenspielgeschichte erwartet, dürfte mit Culdcept The First nur schwer warm werden. Auch der teilweise hohe Zufallsanteil und die langen Partien können für Frust sorgen. Die technische Präsentation wurde nur behutsam angepasst und macht jederzeit deutlich, dass man hier einen Saturn-Klassiker aus den 90er-Jahren spielt.


Für Freunde von Retrospielen und strategischen Brett- und Kartenspielen ist genau das aber auch die große Stärke. Culdcept The First fühlt sich nicht wie ein modernes Spiel an, das mit einer Retro-Optik versehen wurde, sondern wie ein echtes Stück Sega-Saturn-Geschichte, das mit einigen sinnvollen Komfortfunktionen für heutige Spieler fit gemacht wurde. Die Mischung aus Würfelglück, Deckbuilding, Gebietskontrolle und taktischen Kämpfen ist nach wie vor ungewöhnlich und besitzt einen ganz eigenen Charme.


Wer sich auf das ungewöhnliche Konzept einlässt und bereit ist, etwas Zeit in die umfangreichen Spielmechaniken zu investieren, erhält ein außergewöhnliches Strategiespiel, das sich deutlich von den meisten modernen Genrevertretern unterscheidet. Die neuen Funktionen nehmen dem Original einige seiner größten Einstiegshürden, ohne dessen Charakter zu zerstören. Gleichzeitig bleibt aber auch vieles bewusst unangetastet, sodass die Präsentation und das Spieltempo unübersehbar aus einer anderen Ära stammen.


Fazit

Culdcept The First ist kein klassisches Remake und schon gar kein technisch modernisiertes PS5-Spiel. Stattdessen handelt es sich um eine behutsam erweiterte Wiederveröffentlichung eines ungewöhnlichen Saturn-Klassikers. Das Spielprinzip ist auch heute noch originell und überraschend tief, während die zusätzlichen Komfortfunktionen den Einstieg deutlich angenehmer machen. Wer Brettspiele, Kartenspiele und strategisches Tüfteln mag und keine Probleme mit der altmodischen Präsentation hat, findet hier einen echten Geheimtipp. Lediglich die langen Partien, der teilweise starke Zufallsfaktor, die fehlende Online-Unterstützung und die kaum modernisierte Optik verhindern, dass sich das Spiel wirklich zeitgemäß anfühlt.