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MARVEL PRIDE: LIEBE OHNE GRENZEN
Panini Comics


Der Juni ist der Monat des Pride, und Marvel Comics hat über die Jahre eine eigene Tradition entwickelt, diesen Anlass mit Sonderveröffentlichungen zu begehen, die queere Figuren ins Scheinwerferlicht rücken. Panini bündelt nun unter dem Titel Marvel Pride: Liebe ohne Grenzen eine handverlesene Auswahl solcher Geschichten zu einem Sammelband, der quer durch die Jahrzehnte und durch das bunte Ensemble des Marvel-Universums streift — von den Moiras und Mystiques der Mutantenwelt bis zu den interuniversellen Faustkämpferinnen der Avengers-Peripherie.


Das gewichtigste Stück im Band ist ohne Frage der X-Men: The Wedding Special von 2024, der die Erneuerung der Ehegelübde zwischen Mystique und Destiny in Szene setzt. Raven Darkhölme und Irene Adler — Gestaltwandlerin und Schicksalsseherin — gehören zu den am längsten etablierten Liebespaaren im Marvel-Kanon, auch wenn ihre Beziehung über Jahrzehnte nur angedeutet wurde, bevor das Krakoa-Zeitalter sie offiziell machte. Der Wedding Special feiert diese Verbindung mit dem überschwänglichen Chaos, das man von einer Mutanten-Hochzeitsfeier erwarten darf: ungebetene Gäste, alte Feindschaften, mehr Dramatik als in einer durchschnittlichen X-Men-Jahresgeschichte zusammen. Das ist unterhaltsam, mitunter zu überladen, aber im Kern eine herzliche Hommage an zwei Figuren, deren Geschichte man unmöglich in einer Ausgabe erschöpfend erzählen kann.


Der zeitlich älteste Beitrag ist die dritte Ausgabe der Iceman-Serie von 2018, in der Bobby Drake — einer der Ur-X-Men, der erst 2015 in einer kontrovers diskutierten Storyline als schwul geoutet wurde — mit Firestar und Spider-Man über das Liebesleben als Superheld sinniert. Was zunächst wie ein launiger Beziehungscomic im Plauderton anmutet, wird prompt von einem angreifenden Eismonster gesprengt, was der Geschichte jenen Marvel-typischen Rhythmus gibt: emotionale Offenbarung, Faustkampf, emotionale Offenbarung, Cliffhanger. Regisseur Sina Grace, der die Iceman-Serie damals schrieb, verstand die Figur als persönliches Projekt — er ist selbst offen schwul — und das merkt man den Seiten an. Bobby Drakes Unsicherheiten beim Dating, seine Versuche, Heldenalltag und Privatleben zu vereinbaren, wirken nicht konstruiert queer, sondern schlicht menschlich.


Die beiden Kurzgeschichten aus Marvel's Voices: Community von 2021 und 2022 ergänzen das Bild mit weiteren Perspektiven. Besonders die America-Chavez-Geschichte sticht heraus: Die multiversumsreisende Kriegerin erkennt, dass ihre Einsamkeit — das existenzielle Grundthema dieser Figur, die buchstäblich aus einem anderen Universum stammt — kein unveränderliches Schicksal ist. Das ist knapp erzählt, aber mit der Präzision, die kurze Comicgeschichten auf ihrem besten Level erreichen können, wenn sie nicht auf Umfang, sondern auf Treffer setzen.


Was diesen Sammelband auszeichnet und was ihm zugleich eine gewisse strukturelle Uneinheitlichkeit verleiht, ist seine Natur als Anthologie. Die einzelnen Beiträge stammen aus verschiedenen Jahren, verschiedenen kreativen Teams und verschiedenen Kontexten — ein kohärentes erzählerisches Erlebnis entsteht daraus nicht, und das muss man als Leserin und Leser einkalkulieren. Was man bekommt, ist stattdessen eine Querschnittsaufnahme davon, wie Marvel über mehrere Jahre hinweg queere Geschichten erzählt hat: manchmal mit der Unbeholfenheit des Neulands, manchmal mit echter Wärme und Sorgfalt, immer mit dem Bekenntnis, dass diese Figuren und ihre Liebesgeschichten erzählenswert sind.


Panini hat mit diesem Band ein Produkt geschaffen, das sich als Geschenk ebenso eignet wie als Ergänzung für Fans, die einzelne dieser Storylines verpasst haben. Es ist kein Band für tiefgehende narrative Befriedigung, aber ein farbenfroher, wohlmeinender Querschnitt durch das queere Marvel-Universum, der zeigt, wie weit die Figuren seit den Andeutungen und Subtext-Jahrzehnten gekommen sind — auch wenn der Weg noch nicht zu Ende gegangen ist.