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Fleur Lafontaine (1978) – Review & DVD von One Gate Media


Regie: Horst Seemann | Drehbuch: nach dem Roman von Dinah Nelken | Produktion: Fernsehen der DDR | Erstausstrahlung: 25. und 27. Dezember 1978 | Gesamtlaufzeit: ca. 200 Minuten | Reihe: DDR TV Archiv – One Gate Media


Ein Leben in Rückblenden – und eine Zeitkapsel der DDR


Es gibt Produktionen, die über ihren unmittelbaren Entstehungskontext weit hinauswachsen. Fleur Lafontaine, der populäre Zweiteiler des DDR-Fernsehens aus dem Jahr 1978, ist eine solche. Was auf den ersten Blick wie eine klassische Frauenbiografie im Melodram-Gewand wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als vielschichtiges Werk über vier Jahrzehnte deutscher Geschichte, über Klassengesellschaft, Überleben und die lebenslange Suche einer Frau nach ihrem Platz in der Welt. One Gate Media macht diesen zu Unrecht wenig bekannten Fernsehklassiker nun erstmals auf DVD zugänglich – eine Gelegenheit, die man nicht ungenutzt lassen sollte.


Die Geschichte: Vierzig Jahre eines unruhigen Lebens


Berlin, 1948. Fleur Lafontaine liegt gelähmt und ohne Erinnerung in einem Krankenhaus, niedergeworfen von einem schweren Sturz. Der behandelnde Arzt erkennt, dass ihr Zustand nicht körperlicher, sondern seelischer Natur ist – eine psychosomatische Blockade, hinter der sich ein Leben verbirgt, das sie nicht mehr ansehen will. Nur widerwillig beginnt Fleur zu erzählen, und was nun folgt, ist ein über zwei Teile gespannter Rückblick auf eine Existenz voller Brüche und Gegensätze.


Fleur ist die Tochter einer Bordellbesitzerin – ein Milieu, das ihr keine solide Grundlage mitgegeben hat, weder materiell noch emotional. Ihre Kindheit ist geprägt von Mangel an Geborgenheit, von instabilen Verhältnissen und dem frühen Bewusstsein, dass die Welt für Frauen wie sie nach anderen Regeln funktioniert. Aus dieser Ausgangslage heraus navigiert sie sich durch die Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts: die ausgehende Kaiserzeit, den Ersten Weltkrieg, die brodelnden Goldenen Zwanziger, die Emigration in der Zeit des Nationalsozialismus und schließlich das zerstörte, neu sich sortierende Berlin der Nachkriegsjahre.


Zentral für Fleurs Weg sind zwei Männer, die sie auf sehr unterschiedliche Weise prägen. Da ist Dr. Fritz Goldner, ein Lebemann und Arzt mit Charme und Unzuverlässigkeit in gleichen Maßen – eine Beziehung, die Fleur mehr kostet, als sie ihr gibt. Und da ist Philipp Pommeranz, ein politisch engagierter Schlosser, der das Gegenstück zu Goldners leichtfüßiger Weltläufigkeit verkörpert: geerdet, kämpferisch, mit einer Überzeugung ausgestattet, die Fleur anzieht und zugleich überfordert.


Was der Zweiteiler dabei geschickt verhandelt, ist die Spannung zwischen persönlicher Lebenslust und politischer Verantwortung – eine Spannung, die Fleur nie wirklich auflöst. Sie ist keine Heldin im klassischen Sinne, keine Kämpferin, kein moralisches Vorbild. Sie ist eine Frau, die überleben will, die liebt und scheitert und weitermacht, und die den Klassenstandpunkt, den das DDR-Fernsehen eigentlich von ihr erwartet hätte, auf bezeichnende Weise vermissen lässt. Dass der Film trotzdem – oder gerade deswegen – funktioniert, ist ein kleines Kunststück.


Die Hauptdarsteller


Angelica Domröse als Fleur Lafontaine


Angelica Domröse ist dieser Zweiteiler. Ohne ihre Präsenz, ihre Fähigkeit, Verletzlichkeit und Eigensinn in einem Atemzug zu verkörpern, wäre Fleur Lafontaine ein ordentliches Fernsehspiel. Mit ihr wird es zu einem Porträt, das nachwirkt.


Domröse war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten längst zur bedeutendsten Schauspielerin der DDR aufgestiegen. Spätestens seit ihrer Verkörperung der Paula in Heiner Carows legendärem Die Legende von Paul und Paula (1973) trug man sie in der DDR auf Händen – dreimal wurde sie zur Fernsehkünstlerin des Jahres gewählt, 1969 erhielt sie den Kunstpreis der DDR. Was sie als Fleur mitbringt, ist eine Lebenserfahrung in der Rolle, die weit über technisches Können hinausgeht. Ihre Fleur ist kein flaches Bild von Weiblichkeit, sondern ein mädchenhaft-flatterndes, liebesbedürftiges Wesen, das lange braucht, um seinen Standort im Leben zu finden – und das auch am Ende nicht vollständig weiß, ob es angekommen ist.


Bemerkenswert ist dabei auch die persönliche Dimension, die man im Nachhinein in diese Rolle hineinlesen kann. Domröse, die 1976 die Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet hatte, wurde danach in der DDR zunehmend in ihrer Arbeit behindert. Fleur Lafontaine entstand in dieser Zeit des inneren und äußeren Drucks. 1980 verließ sie die DDR gemeinsam mit ihrem Ehemann Hilmar Thate. Dass ausgerechnet ihre Fleur eine Figur ist, die das Exil kennt und die sich der Einordnung durch andere stets entzieht, verleiht der Rolle eine zusätzliche, stille Tiefe.


Hilmar Thate als Philipp Pommeranz


Hilmar Thate, der spätere Ehemann Domröses und einer der profiliertesten Charakterdarsteller der DDR-Bühne, gibt dem Schlosser Philipp Pommeranz eine Glaubwürdigkeit, die weit über das Funktionale hinausgeht. Philipp ist der politische Mensch in diesem Film, der Träger von Überzeugung und Haltung, und Thate spielt ihn ohne den Holzschnitt-Heroismus, der solchen Figuren im DDR-Fernsehen häufig anhaftete. Er ist warmherzig, aber auch fordernd, und seine Beziehung zu Fleur bleibt stets ambivalent – keine Erlösungsgeschichte, sondern ein echtes Aufeinanderprallen zweier Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen vom richtigen Leben.


Thate, der wie Domröse zur Unterzeichnergruppe der Biermann-Petition gehörte und die DDR im selben Jahr wie seine Frau verließ, trägt hier eine Rolle, die der Staat eigentlich als positiven Gegenpol zu Fleurs Unbeständigkeit angelegt hatte. Dass er Philipp menschlicher macht, als es das Drehbuch vielleicht vorgesehen hat, ist sein stilles Verdienst.


Eberhard Esche als Dr. Fritz Goldner


Eberhard Esche besetzt die Rolle des Dr. Goldner mit dem leichten Übergewicht eines Mannes, der weiß, dass er eigentlich mehr verspricht als er hält. Goldner ist kein Schurke – er ist ein Charmeur, der die Welt nach seinen Möglichkeiten gestaltet und dabei wenig Rücksicht auf die Verwüstungen nimmt, die er hinterlässt. Esche verleiht ihm genug Wärme, um Fleurs Zuneigung verständlich zu machen, und genug Leichtfertigkeit, um das Scheitern dieser Beziehung als unausweichlich erscheinen zu lassen. Ein fein austariertes Spiel.


Das Ensemble


Der Zweiteiler profitiert von einem der reichhaltigsten Ensembles, die das DDR-Fernsehen seiner Zeit aufbieten konnte. Gisela May als Käthe Lafontaine, Fleurs Mutter, bringt eine eisige Pragmatik in ihre wenigen Szenen. Jutta Hoffmann als Lotti Goldner und Rolf Hoppe in einer kleineren Rolle runden ein Aufgebot ab, das deutlich macht, welche schauspielerische Dichte das ostdeutsche Film- und Fernsehwesen in seinen besten Momenten besaß.


Regie und Inszenierung


Horst Seemann, einer der renommiertesten Regisseure der DDR, führt die 200-minütige Handlung mit einem sicheren Gespür für Rhythmus und Tempo. Die Kritik am gelegentlich übertriebenen Einsatz des Zooms – ein typisches Stilmittel der Siebzigerjahre-Kinematographie – ist berechtigt, tut dem Gesamterlebnis aber wenig Abbruch. Stärker ins Gewicht fällt Seemanns Fähigkeit, historische Epochen nicht als bloße Kulisse zu nutzen, sondern als Räume, in denen seine Figuren sich verhalten und verändern. Das Berlin der Zwanziger, die klaustrophobische Enge der Nazizeit, das Chaos des Nachkriegs – all das wird spürbar, ohne dass es den Figuren die Bühne stiehlt.


Die DVD von One Gate Media


One Gate Media veröffentlicht Fleur Lafontaine im Rahmen der bewährten Reihe DDR TV Archiv erstmals auf DVD – und tut damit Verdienst an einem Werk, das bisher schlicht nicht greifbar war. Für alle, die an DDR-Filmgeschichte, an Nachkriegsdeutschland oder schlicht an handwerklich außergewöhnlichem Fernsehen interessiert sind, ist diese Veröffentlichung ein Pflichttermin. Die Reihe DDR TV Archiv hat sich über die Jahre als verlässliches Archivprojekt bewährt, das vergessene oder übersehene Produktionen wieder zugänglich macht – Fleur Lafontaine ist dabei eine der gewichtigeren Entdeckungen.


Fazit


Fleur Lafontaine ist anspruchsvolles DDR-Fernsehen in Bestform. Kein simples Propagandastück, kein braves Melodram, sondern eine eigenwillige, von einer großartigen Hauptdarstellerin getragene Lebensgeschichte, die den Zuschauer über vier Jahrzehnte deutscher Geschichte mitnimmt und dabei nie seinen Blick für das Menschliche verliert. Angelica Domröse schuf hier eine der eindrücklichsten Frauenrollen des ostdeutschen Films und Fernsehens überhaupt.


Die DVD von One Gate Media ermöglicht endlich die (Wieder-)Entdeckung eines Werkes, das zu lange im Archivschatten geblieben ist. Eine uneingeschränkte Empfehlung – für Freunde des DDR-Films ebenso wie für alle, die gutes, ernsthaftes Erzählfernsehen schätzen.