Rezension: Die Queen von Mayfair von Alex Hay
Insel Verlag | Originaltitel: The Queen of Fives
Wenn die Betrügerin selbst betrogen wird
Nach seinem gefeierten Debüt Mayfair House legt der britische Autor Alex Hay mit Die Queen von Mayfair seinen zweiten Roman vor — und beweist eindrucksvoll, dass sein Erstling kein Zufallstreffer war. Hay kehrt dabei einige Jahre in der Zeit zurück, vom frühen Edwardianischen Zeitalter in die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts, und erschafft eine neue Welt, die an Raffinesse und Esprit kaum zu überbieten ist.
Schauplatz und Prämisse
London, 1898. In einem unscheinbaren alten Haus im heruntergekommenen Stadtteil Spitalfields, das seine Bewohner schlicht das Château nennen, hat eine Gemeinschaft gewiefter Schwindler und Hochstaplerinnen seit Generationen ihr Handwerk betrieben. An ihrer Spitze steht stets eine Frau — die Queen. Die aktuelle Herrscherin ist Quinn Le Blanc, 26 Jahre alt, tochter einer früheren Queen, aufgewachsen in der Kunst der Täuschung. Doch das Geschäft läuft schlecht, die Schulden häufen sich, das Haus verfällt. Quinn braucht dringend einen großen Coup.
Und der Plan, den sie schmiedet, ist von atemberaubender Kühnheit: Sie will den Duke of Kendal, den begehrtesten Junggesellen Londons, innerhalb von fünf Tagen in die Ehe locken — und der reichsten Familie Englands dabei ihr Vermögen abnehmen. Das klingt nach einem Märchen. Es ist ein Regelwerk. Denn jeder Schwindel, den das Château ausführt, folgt fünf festgelegten Bewegungen in unverbrüchlicher Reihenfolge: Die Zielperson. Das Eindringen. Das große Spektakel. Der Knoten. Alles auf eine Karte. Diese fünf Phasen geben dem Roman seine dramaturgische Struktur und seinen unwiderstehlichen Rhythmus.
Die Heldin: eine Frau mit tausend Gesichtern
Als wohlhabende Debütantin verkleidet, wird Quinn zum strahlenden Mittelpunkt der Londoner Saison. Ihr brillantes Spiel öffnet ihr die Türen zu den prunkvollen Salons und rauschenden Bällen der High Society, und katapultiert sie direkt in den inneren Kreis der Kendals. Niemand ahnt, wer die geheimnisvolle Schönheit wirklich ist — und was sie vorhat.
Hay gelingt es dabei meisterhaft, Quinn als Figur mit echtem Tiefgang zu zeichnen. Sie ist keine bloße Trickbetrügerin, sondern eine Frau, die in jeder Verkleidung ein Stück von sich selbst verliert und vielleicht gleichzeitig findet. Ihre Verwandlung in eine andere Person ist niemals nur taktisches Kalkül — sie offenbart, was Quinn wirklich ist und vielleicht sein möchte. Die moralische Ambivalenz dieser Figur ist einer der größten Reize des Romans: Man fiebert mit der Betrügerin, bangt mit dem Betrogenen und verliert dabei nie den Überblick.
An Quinns Seite steht Mr. Silk, ihr treuer Weggefährte und Hüter des Regelbuches — ein alter Mann, der seine Königin zugleich beschützt und in Frage stellt, und einer der beziehungsreichsten Charaktere des Buches. Dazu gesellt sich eine Galerie weiterer Figuren, die das viktorianische London in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zum Leben erwecken: Quinns schlaue alte Lehrerin Mrs. Airlie, der weltmüde Duke selbst, und nicht zuletzt Lady Victoria Kendal — kurz Tor —, die Schwester des Dukes, mit 35 Jahren entschlossen unverheiratet, reitet täglich durch den Hyde Park und begegnet gesellschaftlichen Konventionen mit einer Mischung aus Verachtung und aristokratischer Gleichgültigkeit. Tor ist eine der stärksten Nebenfiguren, die Hay je geschrieben hat.
Plot und Spannung: viele Schichten, ein köstlicher Schwindel
Der Roman ist wie ein Millefeuille aufgebaut — Schicht um Schicht aus Intrigen, Geheimnissen und gegenseitigen Täuschungen. Denn Quinn ist nicht die Einzige, die mit falschen Karten spielt. Auch die Kendals haben Geheimnisse, die sie unter allen Umständen wahren wollen, und bald wird klar, dass niemand in diesem Spiel ganz der ist, der er vorgibt zu sein. Hay versteht es, diese Vieldeutigkeit souverän zu orchestrieren: Jede Enthüllung wirft neue Schatten, jede Antwort gebiert neue Fragen, und das Tempo des Romans zieht über die fünf entscheidenden Tage hinweg unerbittlich an.
Gegen Ende des Buches warten Wendungen, die den Leser echte Überraschung bescheren — und die im Nachhinein mit einer gewissen Bewunderung rückblickend als zwingend logisch erscheinen. Das ist das Kunststück guter Plotarchitektur: dass man alles hätte ahnen können und doch nicht ahnte.
Stil und Atmosphäre: Bridgerton trifft Der Clou
Hay schreibt mit einer Leichtigkeit und einem Witz, die über die Handlung hinwegtäuschen lassen, wie präzise das Uhrwerk darunter tickt. Jede Szene sitzt, jeder Dialog hat Biss, und die viktorianische Kulisse ist liebevoll und kenntnisreich gezeichnet, ohne in museale Schwere zu verfallen. Hay, der seine akademische Karriere der Erforschung weiblicher Macht an den Königshöfen widmete, versteht die gesellschaftlichen Strukturen, innerhalb derer seine Figuren operieren — und genießt es sichtlich, sie zu unterlaufen.
Der Roman lässt sich am besten als jene seltene Mischung beschreiben, die man mit dem schönen Bild „Bridgerton trifft Der Clou" umreißen könnte: funkelnd und unterhaltsam auf der Oberfläche, mit einem klug konstruierten Mechanismus darunter, der die Lektüre noch lange nach dem letzten Satz nachhallt.
Kritische Würdigung
Die Queen von Mayfair übertrifft in mancher Hinsicht sogar das bereits starke Debüt. Wo Mayfair House gelegentlich an der Lebendigkeit seiner Figuren zu messen war, liefert der zweite Roman ein geschlosseneres, feineres Konstrukt mit einem Ensemble, das vollständiger zum Leben erwacht. Die Handlung ist ökonomischer, das emotionale Zentrum deutlicher, und die Balance zwischen Unterhaltung und Tiefgang gelingt Hay hier noch überzeugender.
Die einzige nennenswerte Schwäche: Wer einen düsteren, psychologisch nüchternen Roman über das Verbrechermilieu erwartet, wird zunächst befremdet sein. Die Queen von Mayfair legt es nicht auf Düsternis an — er ist leuchtend, frech und elegant. Das ist eine bewusste Entscheidung des Autors, keine Schwäche, und wer sich darauf einlässt, erlebt eine der kurzweiligsten und vergnüglichsten Lektüren des Jahres.
Fazit
Die Queen von Mayfair ist das Vergnügen, das es verspricht — und ein bisschen mehr. Alex Hay schreibt Gesellschaftsromane mit dem Herzschlag eines Heist-Thrillers: historisch verankert, aber nie angestaubt, komisch ohne je billig zu werden, und mit einer Heldin, die man so schnell nicht vergisst. Quinn Le Blanc hat ihren Platz in der langen Reihe großer literarischer Aufschneiderinnen und Hochstaplerinnen mehr als verdient.
Für alle, die das Spiel lieben — und die sich beim Lesen fragen möchten, wer am Ende eigentlich wen hereingelegt hat.
Empfehlenswert für: Fans historischer Romane, cleverer Heist-Geschichten, britischen Gesellschaftswitz und starke weibliche Hauptfiguren.