Mit „Dark Tower – Hochhaus des Schreckens" bringt Wicked Vision einen jener eigentümlichen Genrefilme der späten achtziger Jahre auf den deutschen Markt, deren Entstehungsgeschichte beinahe ebenso spannend ist wie der Film selbst. Hinter dem Pseudonym „Ken Barnett", unter dem der Film ursprünglich inszeniert wurde, verbirgt sich niemand Geringeres als der renommierte britische Kameramann und gelegentliche Regisseur Freddie Francis, der sich mit Klassikern wie „Tales From the Crypt" einen Namen im britischen Horrorkino gemacht hatte. Francis, der zuvor bereits zweifach mit dem Oscar für seine Kameraarbeit ausgezeichnet worden war, übernahm die Regie erst kurzfristig, nachdem der ursprünglich vorgesehene Regisseur und Drehbuchautor Ken Wiederhorn – bekannt für Kult-Genrebeiträge wie „Return of the Living Dead: Part 2" und „Shock Waves" – die Produktion verlassen hatte oder von ihr abgezogen wurde. Das Ergebnis dieser turbulenten Produktionsgeschichte ist ein Film, mit dem Francis selbst zutiefst unzufrieden war: Die Nachbearbeitung und insbesondere die nachträglich hinzugefügten Spezialeffekt-Sequenzen entsprachen nicht seinen Vorstellungen, weshalb er darauf bestand, seinen Namen aus dem Abspann entfernen zu lassen. „Dark Tower" wurde damit zu seinem letzten Film als Regisseur, bevor er sich fortan wieder ausschließlich seiner eigentlichen Profession als Kameramann widmete.
Die Handlung siedelt Francis in einem gerade fertiggestellten Luxushochhaus im Zentrum Barcelonas an, das schon kurz nach seiner Vollendung zum Schauplatz eines mysteriösen Todesfalls wird: Ein Bauarbeiter stürzt unter Umständen zu Tode, die offiziell als Unfall gewertet werden. Die Zeugin Carolyn Page ist jedoch überzeugt, dass eine andere, unheimlichere Macht hinter dem Geschehen steckt. Sie findet einen ungewöhnlichen Verbündeten im ehemaligen Polizisten Dennis Randall, der inzwischen als privater Sicherheitsberater tätig ist und trotz anfänglicher Skepsis bereit ist, der Sache auf den Grund zu gehen. Gemeinsam beginnen die beiden, die rätselhaften Vorgänge in dem Gebäude zu untersuchen – eine Ermittlung, die bald durch einen weiteren grausamen „Unfalltod" eine bedrohliche Wendung nimmt und die beiden Protagonisten tiefer in ein übernatürliches Geflecht aus Rache, Besessenheit und einer Präsenz hineinzieht, die es auf jeden abgesehen hat, der sich dem Turm in den Weg stellt.
Besetzt ist der Film mit einem beachtlichen Ensemble aus Genre- und Charakterdarstellern. Michael Moriarty, dem breiteren Publikum vor allem durch seine langjährige Rolle in der Fernsehserie „Law & Order" bekannt, verkörpert den zwischen Rationalität und wachsendem Entsetzen changierenden Dennis Randall mit jener eigenwilligen, leicht distanzierten Präsenz, die seinen darstellerischen Stil auszeichnet. An seiner Seite agiert Jenny Agutter, die durch Filme wie „American Werewolf in London" und „I Start Counting" bereits Genre-Erfahrung mitbrachte, als Architektin Carolyn Page, die mit wachsender Verzweiflung versucht, sowohl den Baufortschritt ihres Lebenswerks als auch die Kontrolle über die sich häufenden unheimlichen Vorfälle zu bewahren. Carol Lynley, bekannt aus „The Poseidon Adventure", übernimmt die Rolle der Tilly, während der vielfach ausgezeichnete Theodore Bikel als Max Gold, ein von Randall hinzugezogener Experte für paranormale Phänomene, dem Film eine zusätzliche Facette zwischen wissenschaftlicher Erklärung und okkultem Grauen verleiht. Kevin McCarthy, ein Charakterdarsteller mit langer Genre-Historie, ist als Sergie zu sehen, während Anne Lockhart die Rolle der Elaine übernimmt. Bemerkenswert ist zudem, dass der Film einen der frühesten Leinwandauftritte von Doug Jones enthält, der hier die geisterhafte Erscheinung von Dennis Randall verkörpert – ein kurioses Detail für Fans des später zu Prominenz gelangten Charakterdarstellers.
Inszenatorisch bewegt sich „Dark Tower" im Fahrwasser des Haunted-House-Films, verlegt das Geschehen jedoch von der klassischen Villa in ein modernes Hochhaus und reiht sich damit in eine kleine Reihe von Genrebeiträgen jener Jahre ein, die das Motiv des besessenen Gebäudes in urbane, vertikale Räume übertrugen. Die Atmosphäre lebt von der Kombination aus kühler, moderner Architektur und der zunehmend spürbaren, unsichtbaren Bedrohung, die sich in den Gängen und Fahrstuhlschächten des Turms auszubreiten scheint. Auch wenn der Film in seiner Erzählökonomie und seinem Tempo nicht immer überzeugt, entfaltet er doch gerade durch das ungewöhnliche Setting und die solide Besetzung einen eigenständigen Reiz, der ihn zu einem interessanten Fundstück für Freunde des supernatural Horrors der späten achtziger Jahre macht. Die wechselvolle Produktionsgeschichte mit ihren Regiewechseln, den nachträglich veränderten Handlungssträngen und den unterschiedlichen internationalen Verleihtiteln – unter anderem lief der Film in den USA auch als „The Curse V" und in Japan als „Demons 7: The Inferno" – verleiht dem Werk zusätzlich jenen Kultstatus, der solche Produktionen für Sammler und Genrehistoriker so reizvoll macht.
Bildqualität und Ton
Die Präsentation im Mediabook-Format, das sowohl eine Blu-ray als auch eine DVD enthält, wird dem Charakter dieser späten Achtziger-Produktion angemessen gerecht. Angesichts des Alters und der bewegten Entstehungsgeschichte des Films darf man keine restaurierte Bildgewalt moderner Großproduktionen erwarten, doch die Aufbereitung bewegt sich im für Nischentitel dieser Kategorie erfreulichen Rahmen und lässt die kühle, glatte Architektur des titelgebenden Hochhauses ebenso zur Geltung kommen wie die dunklen, schattenreichen Passagen, in denen sich das übernatürliche Grauen entfaltet.
Extras
Die Ausstattung dieses Mediabooks zeigt einmal mehr die editorische Sorgfalt, mit der Wicked Vision seine Genre-Veröffentlichungen betreut. Beigelegt ist ein 20-seitiges Booklet, das mit einem Essay von Christoph N. Kellerbach eine fundierte Einordnung des Films liefert und dabei vermutlich auch auf die verworrene Produktionsgeschichte mit ihrem Regisseurwechsel und den nachträglichen Änderungen am Drehbuch eingeht – ein Aspekt, der bei „Dark Tower" kaum zu übergehen ist und der interessierten Zuschauern zusätzlichen Kontext für die Einordnung des fertigen Films liefert.
Sowohl auf der Blu-ray als auch auf der beiliegenden DVD finden sich identische Bonusinhalte, sodass Käufer unabhängig vom bevorzugten Wiedergabeformat in den vollen Genuss des Zusatzmaterials kommen. Den Kern der Extras bildet dabei das Interview „Dark Inspirations" mit dem Spezialeffekt- und Make-up-Künstler Steve Neill, der vermutlich Einblicke in die technische und handwerkliche Seite der Produktion gewährt und dabei insbesondere auf die visuellen Schauereffekte eingehen dürfte, die für die übernatürlichen Momente des Films verantwortlich zeichnen. Gerade bei einer Produktion, die maßgeblich durch nachträglich hinzugefügte Effektsequenzen geprägt wurde und deren Regisseur sich letztlich von genau diesen Elementen distanzierte, verspricht dieses Interview eine aufschlussreiche Innenperspektive auf die praktischen Herausforderungen einer solchen Effektarbeit in den späten Achtzigern. Abgerundet wird die Bonusausstattung durch eine Bildergalerie, die zusätzliches visuelles Archivmaterial rund um Produktion und Vermarktung des Films versammelt und Sammlern die Möglichkeit gibt, sich noch einmal vertieft mit der Optik und den Werbemitteln der damaligen Zeit auseinanderzusetzen.
Auch wenn die Bonusausstattung im Vergleich zu anderen, umfangreicher betreuten Genretiteln eher kompakt ausfällt, bietet sie mit dem Booklet-Essay und dem Effekt-Interview doch zwei substantielle Bausteine, die dem interessierten Zuschauer sowohl die historische Einordnung als auch einen handwerklichen Blick hinter die Kulissen ermöglichen.
Fazit
„Dark Tower – Hochhaus des Schreckens" ist ein faszinierendes Zeitdokument des späten Achtziger-Horrorkinos, dessen eigentliche Geschichte sich nicht nur auf der Leinwand, sondern auch hinter den Kulissen abspielt. Ein renommierter Kameramann, der widerwillig zum Regisseur wurde und sich am Ende von seinem eigenen Werk distanzierte, ein prominent besetztes Ensemble aus Genre- und Charakterdarstellern sowie ein ungewöhnliches, vertikales Spukhaus-Setting machen den Film zu einem interessanten, wenn auch nicht makellosen Beitrag zum übernatürlichen Horrorkino jener Jahre. Wicked Vision präsentiert diesen Kulttitel nun im liebevoll gestalteten Mediabook mit Blu-ray und DVD sowie einer kompakten, aber inhaltlich substantiellen Extraausstattung. Für Fans des klassischen Haunted-House-Horrors und Sammler ungewöhnlicher Achtziger-Produktionen eine lohnenswerte Anschaffung.