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Titania Medien hält die wohl beständigste Hörspiel-Reihe des deutschen Marktes am Laufen, und Folge 71 beweist einmal mehr, warum Sherlock Holmes als Figur seit über einem Jahrhundert nicht an Faszination verliert. Blaubarts Erbe ist eine in sich geschlossene Episode, die mit einem klassischen Kniff beginnt: Ein mysteriöser gelber Koffer wird in die Baker Street 221b geliefert, sein Inhalt schockierend genug, um Holmes und Watson ohne Umwege in Bewegung zu setzen. Was folgt, ist eine Reise in den hohen Norden der britischen Insel, wo ein schottischer Adliger im Mittelpunkt steht – und wo dessen Ehefrau offenbar dringend Hilfe benötigt.


Der Titel legt die thematische Karte offen auf den Tisch: Blaubart, jener Märchenbösewicht, der seine Frauen der Reihe nach verschwinden ließ, ist hier nicht wörtlich gemeint, aber als atmosphärisches Versprechen funktioniert die Referenz ausgezeichnet. Titania Medien und Autor Marc Gruppe wissen, wie man eine Folge von Beginn an mit Spannung auflädt, ohne die Auflösung zu früh vorwegzunehmen. Die Geschichte entwickelt sich mit dem vertrauten Rhythmus der Reihe: ein rätselhafter Ausgangspunkt, ein bedrohtes Opfer, eine unbekannte Umgebung und zwei der verlässlichsten Ermittler der Literaturgeschichte, die sich durch Lügen, falsche Fährten und menschliche Abgründe arbeiten.


Das schottische Setting ist dabei ein Gewinn. Die Verlagerung aus dem vertrauten Londoner Milieu in die kargere, abgeschiedenere Atmosphäre des Nordens verleiht der Folge eine eigene Note. Man spürt die Distanz zur Zivilisation, die Isolation des Schauplatztes – und damit auch die besondere Gefahr, in der sich Holmes und Watson befinden, wenn sie einmal vor Ort sind. Solche Ortswechsel gehören zu den stärksten Werkzeugen der Reihe, und Blaubarts Erbe nutzt sie mit Bedacht.


Die Besetzung ist das Herzstück jeder Titania-Folge, und auch hier gibt es nichts zu bemängeln. Joachim Tennstedt ist Sherlock Holmes – diese Aussage gilt nach 71 Folgen mehr denn je. Seine Interpretation des Meisterdetektivs ist präzise, trocken und mit jenem Unterton von überlegener Ungeduld versehen, der Holmes zur Genüge charakterisiert. Detlef Bierstedt als Dr. Watson hält dagegen mit warmer Verlässlichkeit: sein Watson ist kein Komiker und kein Lückenbüßer, sondern ein aufrechter Mann, dessen Loyalität und gesunder Menschenverstand das ideale Gegengewicht zu Holmes' exzentrischem Genie bilden. Regina Lemnitz gibt Mrs. Hudson wie immer mit einer charmanten Mischung aus Langmut und Mütterlichkeit, und auch das übrige Ensemble – darunter Marie Bierstedt, Christoph Jablonka, Axel Lutter, Peter Lontzek, Lutz Mackensy, Stephan Bosenius, Bert Stevens und natürlich Marc Gruppe selbst – agiert auf dem gewohnt hohen Niveau, das man von dieser Produktion seit Jahren kennt und schätzt.


Die Tongestaltung und Musikuntermalung sind, wie bei Titania Medien üblich, stimmig und dezent eingesetzt. Keine überwältigende Soundkulisse, die die Dialoge erdrückt, sondern ein atmosphärisches Fundament, das den Figuren Raum lässt. Das ist eine Tugend, die nicht jede Hörspielproduktion beherzigt, und sie macht das Zuhören über die gesamte Laufzeit angenehm und ermüdungsfrei. Wer die Reihe auf CD sammelt, bekommt auch hier eine sauber produzierte und ansprechend gestaltete Veröffentlichung, die sich würdig ins Regal einreiht.


Inhaltlich ist Blaubarts Erbe solide Serienunterhaltung auf gutem Niveau. Die Geschichte bietet einen interessanten Fall mit einem markanten Antagonisten-Motiv, ein bedrohtes Opfer mit echter emotionaler Wirkung und genug Wendungen, um das Rätsel bis zur Auflösung spannend zu halten. Wer eine revolutionäre Neuentwicklung des Formats erwartet, wird sie nicht finden – aber das ist auch nicht der Anspruch dieser Reihe. Titania Medien liefert seit Jahrzehnten verlässliche, handwerklich exzellente Sherlock-Holmes-Abenteuer, und Folge 71 fügt sich nahtlos in diese Tradition ein.


Fazit: 

Blaubarts Erbe ist eine gut konstruierte, atmosphärisch dichte Folge, die mit einem cleveren Titel-Versprechen antritt und dieses einzulösen weiß. Das gewohnt starke Ensemble rund um Joachim Tennstedt und Detlef Bierstedt trägt die Geschichte mit der nötigen Überzeugung, das schottische Setting verleiht der Folge eine willkommene Eigenständigkeit. Für Fans der Reihe ist das ein weiteres Pflichtexemplar – und für Neueinsteiger ein durchaus tauglicher Einstiegspunkt in eine der besten Hörspielreihen des deutschsprachigen Marktes.