Freundschaften verändern sich — das ist eine der unausweichlichen Wahrheiten des Aufwachsens, und sie tut weh, auch wenn niemand böse Absichten hat. Jutta Nymphius und Volker Fredrich haben mit „Carlas Comics: Was guckst du?!" ein Kinderbuch geschaffen, das genau diese schmerzhafte und zugleich notwendige Erfahrung ins Zentrum stellt und dabei mit einer Ehrlichkeit und Wärme erzählt, die das Buch weit über den Durchschnitt des Genres hebt.
Im Mittelpunkt steht Carla, ein Mädchen mit einer klaren Leidenschaft: Sie malt Comics, erfindet Geschichten, lebt in einer Welt aus Panels und Sprechblasen. Ihre beste Freundin Samira war immer Teil dieser Welt — bis der Fußball in Samiras Leben trat und plötzlich vieles veränderte. Nymphius und Fredrich erzählen diesen Wandel ohne Schuldige. Samira ist nicht weniger Freundin geworden, weil sie Carla nicht mag, sondern weil sie etwas gefunden hat, das sie mit voller Kraft in seinen Bann zieht. Und Carla leidet nicht, weil Samira sich gegen sie entschieden hat, sondern weil Freundschaft eben nicht statisch ist — und das zu begreifen, ist für ein Kind eine echte Entwicklungsleistung.
Was das Buch dabei besonders macht, ist die Art, wie Carlas innere Verarbeitung sichtbar wird: durch ihre Comics. Die Geschichten, die sie zeichnet, sind ein Spiegel ihrer Gefühle, ein Raum, in dem sie das, was sie bewegt, in Bilder und Figuren übersetzen kann. Als Liam und Ella in ihren Comics auftauchen, zwei Figuren, die gerne malen, spielen und Quatsch machen, geschieht etwas Bemerkenswertes: Carla merkt, ohne es zunächst bewusst zu wollen, dass da andere Menschen in ihrem Leben Platz finden könnten. Diese Erkenntnis ist keine Niederlage, keine Abkehr von Samira, sondern ein leises Aufblühen — und Nymphius und Fredrich lassen diesen Moment so behutsam entstehen, dass er beim Lesen fast von selbst entsteht, ohne je aufgesetzt zu wirken.
Das Ende des Buches ist in seiner Klugheit besonders gelungen: Nicht Fußball verbindet Carla und Samira in Zukunft, und nicht Comics. Es ist das gemeinsame Baklava-Essen — eine kleine, konkrete Geste, die sagt, dass echte Freundschaft nicht davon abhängt, dieselben Leidenschaften zu teilen. Es braucht nur einen Punkt, an dem sich zwei Menschen treffen und sich wohlfühlen. Das ist im Grunde eine sehr erwachsene Erkenntnis, aber sie wird hier so selbstverständlich und kindgemäß erzählt, dass sie für junge Leserinnen und Leser vollkommen erreichbar wirkt.
Auch die kulturelle Dimension verdient Erwähnung. Baklava ist kein zufällig gewähltes Detail, sondern ein Zeichen dafür, dass Samiras Herkunft und familiäre Kultur Teil der Freundschaft sind — und das ohne jede didaktische Betonung, sondern ganz beiläufig und natürlich. Solche Selbstverständlichkeiten in der Kinderliteratur sind wichtig und erfreulich.
Volker Fredrichs Illustrationen tragen entscheidend dazu bei, dass das Buch seine Wirkung entfaltet. Die Comics-im-Comic-Ästhetik ist ein reizvoller Kunstgriff, der Carlas kreative Innenwelt unmittelbar erfahrbar macht und dem Buch eine visuelle Doppelschichtigkeit verleiht, die Kinder wie Erwachsene gleichermaßen ansprechen dürfte. Die Bilder haben Witz und Wärme, sie unterstützen den Text, ohne ihn zu ersetzen, und lassen genug Raum für die eigene Fantasie der Lesenden.
„Carlas Comics: Was guckst du?!" ist ein Buch, das Kindern etwas zutraut. Es erklärt nicht, es belehrt nicht, es löst den Schmerz des Wandels nicht durch eine einfache Pointe auf. Stattdessen begleitet es Carla — und mit ihr die Lesenden — durch einen echten emotionalen Prozess und kommt an einem Ort an, der nicht perfekt ist, aber gut. Genau das macht dieses Buch zu einer Empfehlung, die man ohne Vorbehalt aussprechen kann: für Kinder ab etwa sieben oder acht Jahren, für alle, die Freundschaft, Veränderung und das Abenteuer der eigenen Kreativität kennen und verstehen wollen.
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