Nextgengamersnet
Games, Movies and more
 
 
 


Es gibt Spiele, die nicht einfach nur gespielt werden – sie werden erlebt, erlitten, geflüstert. The 7th Guest gehört seit seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1993 zu jenen Titeln, die sich tief ins kollektive Gedächtnis einer Spielergeneration eingebrannt haben: als eines der ersten Spiele überhaupt, das ausschließlich auf CD-ROM erschien, als Mitauslöser des Durchbruchs dieses Formats, als atmosphärisches Gruselkabinett, das die Grenzen zwischen Videospiel und interaktivem Horrorfilm auf eine bis dahin kaum gekannte Weise verwischte. Dreißig Jahre später kehrt Henry Staufs Herrenhaus zurück – nicht als nostalgische Auffrischung, sondern als vollwertiges Remake, das zunächst für PlayStation VR2 entstand und nun in einer für Flachbildschirme optimierten Fassung auf der PS5 sein Publikum findet. Und es ist eine Rückkehr, die sich gewaschen hat.


Zur Vorgeschichte: Entwickler Vertigo Games, ein Studio, das sich in den vergangenen Jahren einen Namen als einer der kompetentesten VR-Spezialisten der Branche erarbeitet hat, brachte das Remake bereits 2023 für PSVR2 und PC-VR heraus und erhielt dafür Kritikerlob. Die nun vorliegende Flatscreen-Version für PS5, Xbox Series und PC ist im Wesentlichen dieselbe Erfahrung, angepasst für die Steuerung ohne Bewegungscontroller und für die konventionelle Bildschirmdarstellung – entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Studio Exkee und erschienen am 4. Juni 2026 zu einem bemerkenswert fairen Preis von 19,99 Euro. Wer bereits die VR-Version besitzt, erhält die Flatscreen-Fassung gratis dazu, und umgekehrt – ein verbrauchfreundliches Cross-Buy-Modell, das in der heutigen Spielelandschaft fast schon eine Seltenheit ist.
Die Geschichte folgt der Grundstruktur des Originals: Sechs Gäste werden in das prächtige, dunkle Herrenhaus des wohlhabenden Einsiedlers und Spielzeugmachers Henry Stauf eingeladen. Alle tragen eine dunkle Vergangenheit mit sich, alle sind auf eine Art mit Stauf verbunden, deren genaue Natur sich erst nach und nach erschließt. Das Haus beobachtet, das Haus kontrolliert, und das Haus flüstert. Mittendrin die Frage, die dem Spiel seinen Titel gibt: Wer ist der siebte Gast? Ein verschwundenes Kind namens Tad, das auf geheimnisvolle Weise mit allem verknüpft zu sein scheint, bildet den roten Faden durch eine Geschichte, die sich als atmosphärisches Mystery-Puzzle entfaltet und dabei nie den Fehler begeht, sich zu erklären, wo Andeutung wirkungsvoller ist.


Das technische Herzstück des Remakes ist eine Technik namens Volumetric Video – ein Verfahren, das reale Schauspielerauftritte in vollständige dreidimensionale Objekte verwandelt und diese nahtlos in die spielbare Umgebung integriert. Das Ergebnis ist verblüffend: Die Geister der Hausgäste, die durch die Korridore und Zimmer des Herrenhauses wandeln, sehen nicht aus wie klassische CGI-Figuren, sondern wie Aufnahmen echter Menschen, die in eine virtuelle Welt projiziert wurden – was dem Ganzen eine unheimliche, fast haptische Qualität verleiht, die kein konventionelles Renderverfahren erreichen könnte. Die Performances der Schauspieler sind dabei frisch aufgenommen worden, nicht einfach das digitalisierte Material der Originalbesetzung von 1993 – und das zeigt sich: Die Figuren haben eine Präsenz und Körperlichkeit, die der erzählerischen Wirkung des Spiels erheblich zugutekommen. Auf der PS5 profitiert diese Technik von dynamischen Schatten und Echtzeit-Reflexionen, die die Protagonisten organisch in ihre Umgebung einbetten und die Stimmung jedes Raumes mitprägen.


Das Herrenhaus selbst ist das eigentliche Hauptdarsteller des Spiels. Vertigo Games und Exkee haben die Räume des ursprünglichen Gebäudes mit enormer Sorgfalt und gestalterischer Liebe neu erschaffen: verschnörkelte viktorianische Einrichtungen, flackerndes Kerzenlicht, knarzende Holzböden, die das Licht auf eine Weise brechen, die etwas im Hinterkopf des Spielers anspringt, das man am besten mit dem Wort Unbehagen beschreibt. Das Klangdesign trägt das seine bei: Der legendäre Soundtrack von George „The Fat Man" Sanger, der das Original schon 1993 zu einem akustischen Erlebnis gemacht hatte, kehrt in aufgefrischter Form zurück und bleibt das atmosphärische Rückgrat des Spiels – eine Mischung aus Orgelklängen, dissonanten Streicherpassagen und leisen, schwer zu verortenden Geräuschen, die dem Aufenthalt in Staufs Herrenhaus jene besondere Note von bedrängender Eleganz verleiht.


Das Gameplay dreht sich um Rätsel – und es dreht sich ausschließlich um Rätsel. Wer The 7th Guest kennt, weiß, dass dies kein Action-Adventure ist, kein Survival-Horror im modernen Sinne, kein Spiel, in dem Bedrohungen bekämpft oder Monster besiegt werden. Es ist ein reines Puzzle-Spiel, das jeden Raum des Herrenhauses als eigenständiges Denk- und Geschicklichkeitsproblem behandelt. Die Rätsel des Remakes sind gegenüber dem Original vollständig neu gestaltet worden – handgefertigte Aufgaben, die zwar ikonische Elemente und die Gothic-Ästhetik des Hauses aufgreifen, aber keine direkte Kopie ihrer Vorbilder sind. Das Spektrum reicht von klassischen Logikrätseln über Schiebepuzzles und Mustererkennung bis hin zu cleveren Umgebungsinteraktionen, bei denen Hinweise im Dekor des Raumes selbst verborgen liegen. Die Balance ist gut getroffen: Die Rätsel fordern, ohne in jene frustrierende Willkür abzugleiten, die das Original gelegentlich plagte und die dem modernen Publikum kaum zumutbar wäre. Ein optionaler Hinweismechanismus – die sogenannte Geisterlaterne – ermöglicht es Spielern, die feststecken, behutsam in die richtige Richtung gelenkt zu werden, ohne das Erlebnis zu entwerten.


Die Flatscreen-Adaption bringt eine Einschränkung mit sich, die ehrlich benannt werden sollte: Das Spiel ist als VR-Erfahrung konzipiert worden, und einige Interaktionsmechanismen übersetzen sich nicht vollständig verlustfrei in die konventionelle Steuerung. Das Greifen und Manipulieren von Objekten, das in VR ein natürliches körperliches Erlebnis ist, wirkt mit DualSense und analogem Stick gelegentlich etwas unbeholfen – man spürt die Herkunft aus einer anderen Eingabephilosophie. Auch die Raumstruktur, bei der jedes Zimmer als abgeschlossene Puzzle-Insel funktioniert, verleiht dem Spielfluss eine Episodicität, die in der VR durch das Gefühl körperlicher Präsenz abgefedert wurde, auf dem Flachbildschirm aber das leichte Gefühl einer Checkliste hinterlässt. Das sind keine Schwergewichtsprobleme, aber sie markieren den Unterschied zwischen einem Spiel, das für eine bestimmte Präsentationsform optimal entwickelt wurde, und der respektablen Portierung, die hier vorliegt.


Was bleibt, ist ein Spiel, das eine fast leere Nische füllt: reiner Puzzle-Horror ohne Kampf, ohne Flucht, ohne die adrenalingetriebene Bedrohungslogik des modernen Genre-Mainstreams. The 7th Guest Remake ist näher am klassischen Escape-Room-Erlebnis als an Resident Evil oder Until Dawn – es creept sich in den Kopf durch Atmosphäre, Mysterium und die langsam wachsende Gewissheit, dass etwas in diesem Haus grundlegend nicht stimmt. Für ein Publikum, das genau das sucht und bereit ist, sich auf die unaufgeregte, kontemplativen Qualitäten eines solchen Erlebnisses einzulassen, ist das Angebot außerordentlich. Zum aufgerufenen Preis von knapp zwanzig Euro, inklusive Cross-Buy mit der VR-Version, ist es darüber hinaus eines der fairsten Preis-Leistungs-Angebote des Jahres.


Dreißig Jahre nach seinem Debüt beweist Henry Staufs Herrenhaus, dass echte Atmosphäre kein Verfallsdatum kennt. The 7th Guest Remake für die PS5 ist eine umsichtige, technisch beeindruckende und spielerisch befriedigende Würdigung eines Klassikers – eine Einladung, die man nicht leichtfertig ausschlagen sollte.