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Irina Palm (Belgien/Luxemburg/Deutschland/GB 2007)
Regie: Sam Garbarski | Mit: Marianne Faithfull, Miki Manojlovic, Kevin Bishop, Siobhan Hewlett | DVD: One Gate Media


Es gibt Filme, die sich auf den ersten Blick mit ihrer Prämisse zu vermarkten scheinen, die verstörender, provokanter oder schlicht skandalöser klingt, als der fertige Film dann tatsächlich ist. Sam Garbarskis belgisch-europäische Koproduktion Irina Palm aus dem Jahr 2007 gehört zu genau dieser Kategorie – und meint es damit als Kompliment. Denn hinter dem auf Anhieb pikant wirkenden Sujet verbirgt sich ein zutiefst menschliches, von Wärme, leiser Komik und ehrlicher Melancholie durchdrungenes Charakterstück, das seine Qualitäten vor allem einer einzigen, außergewöhnlichen Darstellerin verdankt: Marianne Faithfull.


Die Ausgangssituation ist denkbar schlicht und dabei von einer fast märchenhaften Folgerichtigkeit. Maggie, eine verwitwete Frau um die sechzig aus einem ruhigen Londoner Vorort, führt das Leben, das die Gesellschaft für Frauen ihres Alters und Standes vorgesehen hat: unauffällig, dankbar, unsichtbar. Als ihr Enkel schwer erkrankt und eine kostspielige Behandlung in Australien die einzige Hoffnung darstellt, sieht sich Maggie mit einer Situation konfrontiert, auf die ihr bisheriges Leben sie in keiner Weise vorbereitet hat. Es fehlt das Geld, und mit ihm jede realistische Perspektive. In dieser Notlage stolpert sie – buchstäblich naiv und ohne jede Ahnung – in einen Soho-Nachtclub, angelockt von einem handgeschriebenen Schild: „Hostess gesucht." Der verblüffte Clubbesitzer Miki, gespielt von Miki Manojlovic mit einer Mischung aus Skepsis, Belustigung und wachsender Sympathie, hätte wohl jeden anderen Bewerber sofort abgewiesen. Bei Maggie zögert er – und entdeckt eine Begabung, die weder er noch sie selbst für möglich gehalten hätte.


Was folgt, wäre in anderen Händen leicht zur Farce oder zum Skandal geworden. Garbarski hält beides konsequent auf Abstand. Der Film interessiert sich nicht für Voyeurismus und nicht für moralische Entrüstung. Er betrachtet seinen Gegenstand mit einer Sachlichkeit, die ihrerseits eine stille Form von Respekt darstellt. Maggie erlernt ihr Handwerk – im Wortsinn –, steigt unter dem Künstlernamen Irina Palm zur gefeierten Spezialität des Hauses auf und schickt Woche für Woche Geld nach Australien. Der Film lässt sie dabei weder leiden noch triumphieren. Er beobachtet sie schlicht: wie sie sich einrichtet, wie sie sich verändert, wie sie zu sich selbst findet.


Marianne Faithfull trägt diesen Film mit einer Intensität, die schon deshalb bemerkenswert ist, weil sie sich so vollkommen gegen jeden Effekt sperrt. Die britische Musikerin und Schauspielerin, deren eigenes Leben ja bekanntlich reich an Brüchen und Neuanfängen ist, verleiht Maggie eine Glaubwürdigkeit, die weit über das Drehbuch hinausgeht. Ihr Gesicht erzählt alles, was die Figur nicht in Worte fasst: die Scham, die Entschlossenheit, die leise Überraschung darüber, dass das Leben mit sechzig Jahren noch einmal neu anfangen kann. Es ist eine Verkörperung ohne Eitelkeit und ohne Sentimentalität, und sie ist es, die Irina Palm von einem guten Film zu einem bemerkenswerten macht. Wenn Maggie am Ende des Films eine andere Frau ist als zu Beginn, dann nicht, weil ihr etwas Außergewöhnliches widerfahren wäre – sondern weil sie aufgehört hat, sich selbst für unsichtbar zu halten.


Das Spiel zwischen ihr und Manojlovic entwickelt sich zu einem der angenehmen Überraschungen des Films. Miki, anfangs bloße Funktion und Arbeitgeber, wird über die Laufzeit zu einer vielschichtigeren Figur, deren eigene Einsamkeit sich allmählich abzeichnet. Die Andeutung einer Romanze zwischen den beiden hat etwas behutsam Unausgesprochenes, das zum Grundton des Films gut passt. Garbarski versteht es, Emotionen zu evozieren, ohne sie auszustellen.


Das soziale Panorama, das der Film nebenher entwirft, ist ebenfalls nicht ohne Reiz. Maggies Vorstadt mit ihren Kaffeekränzchen und gepflegten Rasenflächen, das Soho-Milieu mit seiner geschäftsmäßigen Direktheit – der Kontrast beider Welten wird ohne Übertreibung genutzt, bleibt Hintergrund statt Pointe. Dennoch: Wenn Maggies Nachbarinnen nach und nach von ihrer neuen Beschäftigung erfahren und ihre Reaktionen zwischen Empörung, Neugier und heimlicher Bewunderung schwanken, trifft der Film punktuell eine gesellschaftliche Wahrheit über Doppelmoral und weibliche Solidarität, die schärfer sitzt als manch expliziteres Sozialdrama.


Einige Schwächen lassen sich nicht verschweigen. Der Film neigt gelegentlich zur Vorhersehbarkeit und lässt dramaturgische Möglichkeiten ungenutzt. Die Nebenhandlung um Maggies Sohn und dessen Verhältnis zu seiner Mutter bleibt unterentwickelt, die emotionale Logik einiger Szenen hängt stärker an Faithfulls Präsenz als an der Stringenz des Drehbuchs. Und wer sich erhofft, der Film wage die dunkleren Abgründe seines Sujets auszuloten, wird enttäuscht: Irina Palm ist ein Wohlfühlfilm in dem besten Sinne, den dieser Begriff haben kann – und in dem schlechtesten auch.


One Gate Media bringt den Film nun unter dem deutschen Verleihtitel Irina Palm auf DVD heraus und erweist damit einem Werk einen wertvollen Dienst, das international mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als es seinerzeit bekam. Die Veröffentlichung bietet Anlass, einen Film wiederzuentdecken, der vor allem als Schauspielerstudie funktioniert und in dieser Funktion nach wie vor bezwingend ist.


Irina Palm ist kein Film, der aufstört oder herausfordert, und er will es auch gar nicht. Er will berühren – und er tut es, mit den einfachen Mitteln einer gut erzählten Geschichte über eine Frau, die sich an einem Ort wie er kein zweiter erschaffen lässt neu erfindet. Marianne Faithfull macht ihn unvergesslich.