Rezension: Nullstar: Solus
Entwickler: Smash Attack Studios | Publisher: indie.io
Plattform: PS5 (auch für Xbox Series X|S, Nintendo Switch und PC)
Schneller, schneller, noch schneller – ein Indie-Drohnen-Platformer mit großem Herz und noch größerem Anspruch
Manchmal kommen die besten Spiele aus den unwahrscheinlichsten Ecken. Nullstar: Solus stammt vom australischen Indie-Studio Smash Attack Studios aus Hobart, Tasmanien, und wurde von Publisher indie.io auf PS5 und weiteren Plattformen veröffentlicht. Was zunächst als persönliches Entwicklungsprojekt von Teammitglied Dean Baron begann, wuchs im Laufe der Zeit zu einer internationalen Kollaboration mit Entwicklerinnen und Entwicklern aus aller Welt heran. Das Ergebnis ist ein fokussierter, atmosphärischer Precision-Platformer, der klein in seiner Geste ist, aber groß in seiner Wirkung – und für unter zehn Euro ein erstaunliches Preis-Leistungs-Verhältnis bietet.
Die Welt der Nullstars – Sci-Fi mit düsterer Note
Die Spielwelt von Nullstar: Solus ist ein klassisches dystopisches Science-Fiction-Szenario, das jedoch mit genug eigenem Charme aufgewartet wird, um nicht in der Masse zu verschwinden. In einer fernen Zukunft hat die Menschheit sogenannte Nullstars entdeckt – hochvolatile Energiequellen von nahezu unendlicher Kapazität, die ganze Planeten antreiben können, aber gleichzeitig tickende Zeitbomben sind, die eine Welt auslöschen können, wenn sie unkontrolliert werden. Als korporativer Scavenger-Drohnenpilot wird man in die verfallenen Tiefen einer gewaltigen Megastruktur geschickt – einem rostenden, überwucherten Stahlkoloss, den einst eine längst vergessene Zivilisation erbaut hat. Die Mission ist simpel: Hinein, Nullstar-Fragmente sammeln, wieder heraus. So schnell wie möglich.
Die Geschichte entfaltet sich dabei nicht über klassische Dialoge oder Zwischensequenzen, sondern über in den Levels verstreute Logbücher und Datenfragmente, die dem Spieler nach und nach die tragische Geschichte dieser toten Welt enthüllen. Wer sich die Zeit nimmt, diese Codex-Einträge zu lesen, wird mit einem überraschend ausgearbeiteten Worldbuilding belohnt, das die karge, industrielle Ästhetik des Spiels um eine melancholische Tiefe bereichert. Wer hingegen einfach nur spielen möchte, verpasst inhaltlich nichts Essenzielles – das Spiel funktioniert auch ohne Lore-Vertiefung hervorragend.
Gameplay: Präzision trifft auf Geschwindigkeit
Das Herzstück von Nullstar: Solus ist sein Steuerungssystem, das so genial wie herausfordernd ist. Die Drohne bewegt sich grundsätzlich in alle Richtungen, doch der entscheidende Kniff liegt im sogenannten Flight-Path-System: Jeder der vier Schubdüsen – oben, unten, links, rechts – ist einer der Gesichtstasten des PS5-Controllers zugeordnet. Wer eine Taste drückt, deaktiviert den entsprechenden Schubdüsen und leitet die Antriebsenergie auf die verbleibenden um. Das bedeutet: Wer die rechte Düse abschaltet, beschleunigt nach links. Wer die untere Düse deaktiviert, gewinnt Aufwärtsschwung. Wer die Drossel auf Null setzt und dann scharf abbremst, driftet um Kurven, die normalerweise unpassierbar wären.
Auf dem Papier klingt das simpel. In der Praxis, bei hoher Geschwindigkeit, während man gleichzeitig Lasergittern ausweicht, durch enge Korridore prescht und Sicherheitsprotokollen der alten Zivilisation entkommt, wird daraus ein koordinatives Jonglieren, das echte Konzentration fordert. Das Spiel spricht hier eine ehrliche Sprache: Es ist leicht zu lernen, aber schwer zu meistern. Anfängerinnen und Anfänger können jeden der hundert Level abschließen, ohne das Thruster-System voll auszuschöpfen. Wer jedoch die globalen Bestenlisten angreift, wer auf Perfektion aus ist und die schnellsten Routen durch jeden Level sucht, wird Dutzende oder Hunderte von Stunden investieren können. Dieses klare Versprechen an zwei unterschiedliche Spielertypen löst Nullstar: Solus vorbildlich ein.
Die hundert Level verteilen sich auf fünf thematisch und visuell unterschiedliche Welten, deren Schwierigkeitsgrad kontinuierlich steigt. Darüber hinaus gibt es eine besonders gnadenlose Sammlung von Master-Levels, die selbst erfahrene Spielerinnen und Spieler an ihre Grenzen – und gelegentlich darüber hinaus – treiben. Jeder einzelne Level ist handgefertigt, und man spürt die sorgfältige Abstimmung zwischen Art-Direction und Level-Design. Kein Level fühlt sich wie eine Kopie des vorherigen an.
Optik und Sound: Retro-Pixel mit atmosphärischer Seele
Visuell setzt Nullstar: Solus auf einen poliert-retroinspirierten Pixel-Art-Stil, der deutlich von den großen Vorbildern des Genres gelernt hat, ohne dabei epigonal zu wirken. Die Hintergrundebenen reagieren auf den Fortschritt innerhalb eines Levels, kleine Animationsdetails beleben die Kulisse, und die kontrastreiche Farbgebung – dunkle, rostfarbene Industrietöne gegen gelegentliche Leuchtakzente der Energiequellen – erzeugt eine visuell stimmige Welt, die trotz ihrer Kargheit eine eigenartige Schönheit besitzt.
Der Soundtrack ist eine der ganz großen Stärken des Spiels. Komponiert von Amelia Jones, bekannt für ihre Arbeit an Hollow Knight, sowie Mariya Anastasova, die an Baldur's Gate 3 mitwirkte, liefern beide Musikerinnen ein treibendes, elektronisch-dunkles Klangbild, das sich nahtlos in die Spielatmosphäre einfügt. Die bassgetriebenen Tracks erzeugen eine unterschwellige Dringlichkeit, die mit dem schnellen Gameplay eine symbiotische Beziehung eingeht – man spielt nicht nur schnell, man fühlt sich durch den Soundtrack dazu gedrängt, noch schneller zu werden. Das ist selten so perfekt gelungen wie hier.
Wiederspielwert und Struktur
Was Nullstar: Solus von vielen Konkurrenten abhebt, ist sein durchdachter Umgang mit Wiederspielwert. Schnellere Läufe erschließen nicht nur bessere Platzierungen in den weltweiten Online-Bestenlisten, sondern öffnen auch tiefere Einblicke in die Lore der Welt. Das Belohnungssystem ist klug konstruiert: Es gibt immer einen Grund, einen Level noch einmal zu starten. Nicht weil das Spiel einen dazu zwingt, sondern weil man selbst weiß, dass man es besser kann. Dieses Gefühl – der innere Antrieb zur Selbstverbesserung, das Wissen um die eigene Unvollständigkeit – ist der Kern jedes großen Precision-Platformers, und Nullstar: Solus beherrscht ihn meisterhaft.
Für eine erste Spielsitzung bis zum Abspann sind etwa zwei bis drei Stunden einzuplanen. Wer alle Master-Level bezwingen und sich in den Bestenlisten nach oben kämpfen möchte, wird ein Vielfaches davon investieren. Bei einem Preis von knapp zehn Euro ist das eine außerordentlich faire Kalkulation.
Kleine Einschränkungen
Wer eine entspannte Spielerfahrung sucht, ist hier falsch. Nullstar: Solus ist kompromisslos in seinem Kern-Anspruch, und das vollständige Thruster-System kann in stressigen Hochgeschwindigkeitssituationen auch nach einiger Übung noch wie sensorische Überlastung wirken. Wer sich nicht in die Mechanik hineinkniet und lediglich die Level durchquert, ohne das System zu verinnerlichen, beraubt sich eines Großteils des Spielerlebnisses – und bleibt mit einem soliden, aber austauschbaren Platformer zurück. Der Tiefgang liegt nicht im Offensichtlichen, sondern in der Bereitschaft, sich auf die Lernkurve einzulassen. Wer diese Bereitschaft mitbringt, wird fürstlich belohnt.
Fazit
Nullstar: Solus ist ein beeindruckendes Indie-Debüt, das weit mehr liefert, als sein bescheidener Preis vermuten lässt. Es ist fokussiert, atmosphärisch, handwerklich sauber und in seinen besten Momenten schlicht berauschend – wenn die Drohe durch ein perfekt gemeistertes Level fliegt, Düsen schalten, Kurven driften, alles im Fluss, der Soundtrack treibt, die Bestzeit in Reichweite. Das ist Pure Spielfreude in komprimierter Form.
Das australische Smash Attack Studios hat mit Nullstar: Solus eine Visitenkarte abgeliefert, die man im Gedächtnis behält. Für Fans von Precision-Platformern, für alle, die N++ und Celeste geliebt haben, für Spielerinnen und Spieler, die nach Mastery und Highscore-Jagd hungern – dieses Spiel ist eine klare Empfehlung.