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SiN: Reloaded (PS5)
Ein Kultshooter mit Ecken und Kanten kehrt in Nightdives Werkstatt zurück


Einleitung: Ein Klassiker im Schatten seiner Zeit


Wer im Herbst 1998 einen Shooter veröffentlichte, hatte es schwer. SiN erschien nur wenige Wochen vor Half-Life und wurde von dessen Erfolg praktisch überrollt. Dabei hatte das Team von Ritual Entertainment, angetrieben unter anderem von Level-Designer Richard „Levelord“ Gray, mit der Quake-II-Engine eine erstaunlich ambitionierte Vision umgesetzt: einen Ego-Shooter mit Handlung, Figuren, Skripting und einer Spielwelt, die auf das Handeln des Spielers reagiert. Der Start war technisch holprig, der Ruf blieb über die Jahre zwiespältig, doch eine treue Fangemeinde hielt das Spiel am Leben. Über 25 Jahre später nimmt sich Nightdive Studios des Kultstücks an. Das Studio, inzwischen unter dem Dach von Atari, hat sich mit Neuauflagen wie System Shock, Turok oder Blood einen Namen als Restaurator vergessener Shooter-Geschichte gemacht. SiN: Reloaded erscheint nun für PS5, PS4, Xbox, Switch und PC.


Story und Setting: Sex, Sünde und Genlabor


Im Mittelpunkt steht Colonel John R. Blade, Sicherheitsberater und Leiter der Eliteeinheit HardCorps in der dystopischen Zukunftsstadt Freeport. Seine Gegenspielerin ist die ebenso schillernde wie skrupellose Dr. Elexis Sinclaire, Chefin des Konzerns SinTEK Industries. Sie überschwemmt die Straßen mit der DNA-verändernden Droge U4 und züchtet sich nebenbei eine Armee genetisch manipulierter Mutanten. Die Geschichte ist reinster Neunziger-Pulp, mit Sprüchen, die knapp am Augenrollen vorbeischrammen, und einer Bösewichtin, die mit Augenzwinkern zwischen Verführung und Größenwahn pendelt. Das ist erzählerisch weit entfernt von Prestige-Kino, aber genau darin liegt der Charme: SiN nimmt sich ernst genug, um zu unterhalten, und nicht so ernst, dass es peinlich würde.


Gameplay: Interaktivität als Markenzeichen


Spielerisch war SiN seiner Zeit in mehreren Punkten voraus. Es gibt ortsabhängigen Trefferschaden, unterschiedliche Rüstungsteile für Kopf, Torso und Beine, und Gegner lassen sich die Waffe aus der Hand schießen. Computerterminals werden über eine DOS-artige Eingabe gehackt, Aufzüge und Überwachungskameras spielen eine Rolle, und zwischendurch steuert man Fahrzeuge wie Gabelstapler, Patrouillenboot oder Hubschrauber. Hinzu kommen Levels, die mehrere Lösungswege zulassen und mit ihren Konsequenzen spätere Abschnitte beeinflussen können. Auf dem Papier klingt das wie ein früher Vorläufer moderner Immersive Sims, in der Praxis erwartet man ein Spiel, das man mit dem Blick des Jahres 1998 betrachten muss: Die Levelstruktur ist verwinkelt, manche Abschnitte sind schlicht aus der Zeit gefallen, und nicht jede Idee ist elegant umgesetzt. Wer aber Freude an klassischem Schlüsselkarten-Design und dem Charme handgebauter Areale hat, findet hier reichlich Substanz.
Steuerung auf der PS5


Nightdive hat die Bedienung konsequent modernisiert. Auf der PS5 spielt sich SiN wie ein gewöhnlicher Twin-Stick-Shooter: R2 feuert, Quadrat löst Aktionen aus, X springt und Dreieck ruft die Missionsziele auf. Zusätzlich ist standardmäßig eine Gyro-Zielhilfe aktiv, die das Zielen mit dem Stick unterstützt. Für ein Spiel dieses Alters ist das ein großer Komfortgewinn, denn genau an der Steuerung scheiterten Konsolen-Ports klassischer PC-Shooter früher besonders häufig.


Technik und Präsentation


Optisch setzt Reloaded auf die hauseigene KEX-Engine und bietet HD-Texturen und überarbeitete Modelle mit Auflösungen bis 4K, dazu Kantenglättung sowie neu gestaltete 2D-Bildschirme und Menügrafiken. Die überarbeiteten Karten sind mit Nightdives gewohnter Sorgfalt geglättet worden, ohne den Charakter der Vorlage zu zerstören. Ein nettes Detail: Per Tastendruck lässt sich jederzeit zwischen der neuen Optik und der originalgetreueren Variante von SiN Gold umschalten. Der stilistische Unterschied fällt dabei zwar dezent aus, das Feature lädt aber zum Vergleichen und Nostalgie-Schwelgen ein. Erhalten geblieben sind auch die Ladebildschirme mit ihren gerenderten 3D-Motiven, die heute überflüssig, aber liebevoll konserviert sind. Musikalisch bietet SiN einen wilden Mix aus Industrial, Alternative Rock und sogar Opernanleihen, der zur schrillen Atmosphäre passt. Die Klangmischung wirkt in ersten Eindrücken allerdings stellenweise etwas eigenwillig, was bei einem Remaster dieses Alters aber kaum überrascht.


Umfang und Extras: Wages of SiN inklusive


Zum Paket gehört neben der Hauptkampagne auch die Erweiterung Wages of SiN, in der es Blade mit einem Mafiaboss und einer weiteren Mutantenarmee zu tun bekommt. Damit erhält man ein rundes Gesamtpaket, das sich ohne Weiteres auf einen ordentlichen Spielumfang summiert. Als Anreiz für Jäger und Sammler gibt es neue Trophäen, und die zusätzlichen Optionen, allen voran der Wechsel zwischen den Grafikstilen, machen die Neuauflage auch für Kenner des Originals interessant.


Fazit


SiN: Reloaded ist kein Meilenstein, der plötzlich beweist, dass das Original zu Unrecht im Schatten von Half-Life stand. Es ist ein liebevoll aufgearbeitetes Stück Shooter-Geschichte, das seine Schwächen nicht verleugnet, aber dank moderner Steuerung, sauberer Technik und der enthaltenen Erweiterung eine gute Gelegenheit bietet, ein spannendes Kapitel der Neunziger nachzuholen. Wer mit den Eigenheiten klassischer Shooter etwas anfangen kann, bekommt ein charmant überdrehtes Abenteuer mit ungewöhnlich viel Interaktivität. Wer moderne Zugänglichkeit erwartet, wird sich an manchen Levelabschnitten die Zähne ausbeißen.