Mit "Prana" legt der DK Verlag ein Kochbuch vor, das sich einem in Deutschland nach wie vor recht nischenhaft behandelten Themenfeld widmet: der ayurvedischen Küche. Autor ist Simon Mayer, der nach seiner Ausbildung zum Ayurveda-Koch 2016 seine berufliche Laufbahn im RoSana Ayurveda Kurzentrum in Rosenheim begann und dort seit 2022 als Küchenchef tätig ist. Diese praktische Erfahrung im täglichen Umgang mit ayurvedischer Ernährung merkt man dem Buch in nahezu jedem Kapitel an – "Prana" ist erkennbar aus der Küchenpraxis heraus entstanden und nicht am Schreibtisch ersonnen.


Ayurveda ohne erhobenen Zeigefinger


Schon der Titel verweist auf das zentrale Anliegen des Buches: "Prana" bezeichnet im Sanskrit die universelle Lebensenergie, die dem Ayurveda zufolge alles Lebendige durchströmt und über Ernährung, Bewegung und Lebensweise beeinflusst werden kann. Statt jedoch mit dogmatischer Strenge an das Thema heranzugehen, verfolgt Simon Mayer explizit einen niedrigschwelligen Ansatz. Die Grundlagen der ayurvedischen Heilkunst, allen voran das Konzept der drei Doshas Vata, Pitta und Kapha, werden zu Beginn des Buches verständlich und ohne übertriebenen Fachjargon erklärt, sodass auch Leser:innen ohne jede Vorkenntnis rasch einen Zugang finden. Besonders angenehm fällt dabei auf, dass Mayer bewusst auf strikte Verbote oder komplizierte Typenlehren verzichtet und stattdessen auf eine pragmatische Tri-Dosha-Küche setzt: Sämtliche 108 Rezepte des Buches sind so konzipiert, dass sie allen drei Konstitutionstypen gleichermaßen zuträglich sind, was gerade für Einsteiger:innen den mühsamen Umweg über eine individuelle Dosha-Bestimmung erspart.


Von wärmendem Hirsebrei bis zur Apfel-Streusel-Tarte


Der Rezeptteil selbst deckt sämtliche Mahlzeiten eines Tages ab und wandert dabei zwischen wärmenden Klassikern der ayurvedischen Tradition und deutlich internationaler geprägten Gerichten. Zum Frühstück findet sich etwa ein wärmender Hirsebrei mit Gewürzpflaumen, während sich unter den herzhafteren Hauptgerichten Rezepte wie eine Kürbis-Fenchel-Lasagne oder ein Belugalinsen-Dal mit Blumenkohl und Tamarinde wiederfinden. Auch die süße Seite kommt nicht zu kurz: Eine Apfel-Streusel-Tarte zeigt, dass sich ayurvedische Prinzipien auch mit vertrauter, mitteleuropäischer Backtradition verbinden lassen. Weitere Beispiele wie Mungpfannkuchen mit Apfelmus und Beerenkompott oder eine cremige Selleriezubereitung mit lilafarbenen Karotten und Hanfsamen verdeutlichen, wie bewusst Mayer neben klassisch indischen Zutaten wie Mungbohnen, Ghee oder Tamarinde auch regionale und saisonale Produkte in seine Küche integriert. Dieser Spagat zwischen fernöstlicher Heilkunde und alltagstauglicher, hiesiger Kücheneinkaufsliste dürfte einer der Hauptgründe sein, warum sich "Prana" bewusst an ein breites, nicht bereits eingeweihtes Publikum richtet.


Praktisch statt puristisch


Besonders hervorzuheben ist der ausgesprochen alltagsorientierte Anspruch des Buches. Anstatt auf schwer zu beschaffenden Spezialzutaten zu beharren, bietet Mayer an zahlreichen Stellen konkrete Zutaten-Tauschoptionen an, mit denen sich Rezepte je nach Saison, Verfügbarkeit oder persönlicher Vorliebe anpassen lassen. Diese Flexibilität nimmt dem Ayurveda-Einstieg viel von seiner gefühlten Hürde und macht deutlich, dass es dem Autor weniger um sklavische Regeltreue als um eine nachhaltig in den eigenen Alltag integrierbare Ernährungsweise geht. Ergänzt werden die Rezepte durch zahlreiche praktische Küchenhacks, etwa zu Zubereitungszeiten oder zur sinnvollen Vorratshaltung typischer ayurvedischer Zutaten, die den zeitsparenden Anspruch des Buches zusätzlich unterstreichen.


Gestaltung und Aufmachung


Mit 256 Seiten im großzügigen Format von rund 20 mal 25 Zentimetern präsentiert sich "Prana" als hochwertig gestaltetes Kochbuch, das seinem Anspruch als DK-Titel gerecht wird. Farbige Fotografien begleiten die überwiegende Mehrheit der Rezepte und fangen dabei sowohl die appetitliche Optik der fertigen Gerichte als auch die verwendeten Zutaten in ruhigen, warmen Farbtönen ein, die sich stimmig in das ayurvedische Gesamtkonzept einfügen. Ergänzende Illustrationen lockern die eher theorielastigen Grundlagenkapitel zu Doshas und ayurvedischen Prinzipien auf und tragen dazu bei, dass sich auch diese Abschnitte flüssig lesen lassen, ohne in reine Lehrbuchoptik abzugleiten.


Fazit


"Prana" gelingt der seltene Spagat, ein traditionsreiches, mitunter komplex wirkendes Ernährungskonzept ohne erhobenen Zeigefinger und ohne unnötige Verkomplizierung zugänglich zu machen. Simon Mayers Erfahrung aus der ayurvedischen Praxisküche merkt man dem Buch in jedem der 108 Rezepte an, die durchweg alltagstauglich, saisonal anpassbar und geschmacklich überzeugend gestaltet sind. Wer einen unkomplizierten, undogmatischen Einstieg in die ayurvedische Küche sucht, findet in "Prana" ein rundum gelungenes und optisch ansprechendes Nachschlagewerk für Frühstück, Mittag- und Abendessen gleichermaßen.