Rezension: Das tibetische Totenbuch – Eine Einführung Lama Lhanang Rinpoche und Mordy Levine | Arkana Verlag | 160 Seiten
Über den Tod spricht man nicht. Zumindest nicht gern, nicht offen und erst recht nicht als etwas, auf das man sich vorbereiten könnte. Genau gegen diese weit verbreitete Scheu richtet sich dieses kleine, aber bemerkenswert gehaltvolle Buch, das auf dem jahrtausendealten Bardo Thödol – dem Tibetischen Totenbuch – aufbaut und dessen Weisheit für heutige Leserinnen und Leser neu erschließt.
Die beiden Autoren ergänzen sich dabei auf kluge Weise. Lama Lhanang Rinpoche, in Tibet geboren und in der Nyingma-Linie des Vajrayana-Buddhismus verwurzelt, bringt die lebendige Tradition und spirituelle Tiefe des Originals ein. Mordy Levine, im Westen aufgewachsen und als Meditationslehrer tätig, sorgt für Zugänglichkeit und Praxisnähe. Gemeinsam gelingt ihnen etwas, das gar nicht so einfach ist: Sie übersetzen ein komplexes religiöses Weltbild in eine Sprache, die auch Menschen ohne jede Vorkenntnisse in buddhistischer Philosophie ansprechen kann.
Der Grundgedanke des Buches ist so schlicht wie eindringlich: Wie wir leben, so werden wir sterben. Daraus ergibt sich eine überraschend lebensbejahende Botschaft – denn wer verstehen will, wie er stirbt, muss zunächst verstehen, wie er lebt. Nach tibetisch-buddhistischer Auffassung ist der Tod nicht ein einmaliges, jähes Ende, sondern das letzte in einer langen Reihe von Übergängen, die das Leben ohnehin durchziehen. Jeder Abschluss, jeder Wandel, sogar jeder Schlaf ist gewissermaßen eine kleine Übung für das große Loslassen.
Das Buch entfaltet seine Themen in überschaubaren Kapiteln: Karma und die Frage, wie Handlungen unser Bewusstsein formen; die Natur dessen, was nach dem Tod weiterbesteht; die verschiedenen Phasen des Sterbens und die Zwischenzustände, die sogenannten Bardos. All das wird ohne akademischen Ballast und ohne esoterischen Überschwang vermittelt. Statt mit Fremdwörtern zu überfordern, greifen die Autoren auf alltägliche Bilder und Gleichnisse zurück, die den abstrakten Lehren eine greifbare Gestalt geben. Kurze Meditationsübungen und Atemanleitungen laden dazu ein, das Gelesene nicht nur intellektuell zu verarbeiten, sondern tatsächlich zu erproben.
Besonders berührend ist das Kapitel, das sich an Menschen richtet, die einen sterbenden Angehörigen begleiten. Hier wechselt der Ton vom Erklären zum Trösten – und das gelingt den Autoren mit großer Wärme.
Was dieses Buch von anderen Einführungen in den Buddhismus unterscheidet, ist vor allem seine Haltung: keine Belehrung, keine Überwältigung durch Fremdartigkeit, sondern echte Empathie gegenüber westlichen Leserinnen und Lesern, die dem Thema Tod lieber ausweichen. Man spürt, dass hier nicht nur Wissen weitergegeben, sondern aufrichtig geholfen werden soll.
Wer eine kurze, fundierte und dabei gut lesbare Einführung in die tibetisch-buddhistische Sicht auf Sterben und Vergänglichkeit sucht, wird hier fündig – und dürfte überrascht sein, wie viel dieses uralte Wissen über das Sterben auch über das Leben zu sagen hat.
Fazit:
Eine kluge, mitfühlende Einführung, die ohne Esoterik-Kitsch auskommt und dem großen Thema Tod mit Würde und Zugänglichkeit begegnet. Empfehlenswert für alle, die sich ernsthaft – und ohne Vorwissen – mit buddhistischen Vorstellungen von Vergänglichkeit und Wiedergeburt auseinandersetzen möchten.
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