Abel Ferrara zählt zu den schillerndsten Figuren des amerikanischen Genrekinos der späten siebziger und achtziger Jahre. Mit dem berüchtigten „Video Nasty" Driller Killer und dem Rape-Revenge-Thriller Ms. 45 hatte er sich bereits einen Ruf als kompromissloser Chronist urbaner Verwahrlosung erarbeitet, bevor er sich 1984 erstmals auf ein Studio-Auftragsprojekt einließ. Fear City war für Ferrara die erste „Director-for-hire"-Produktion seiner Karriere, und man spürt dem Film diesen Balanceakt in jeder Einstellung an: Einerseits bewegt er sich mit dem Sujet – Gewalt, Sexarbeit, das schmutzige New York der Reagan-Ära – exakt auf dem Terrain, das Ferrara ohnehin bevorzugt. Andererseits zwingt ihn die Präsenz etablierter Stars und ein größeres Budget zu einer erzählerischen Disziplin, die seinen frühen Arbeiten fehlte. Das Ergebnis ist ein Film, der weniger roh und anarchisch daherkommt als seine Vorgänger, dafür aber überraschend nuanciert mit seinen Figuren umgeht – ein erster Hinweis auf den Regisseur, der später mit Bad Lieutenant und King of New York zum gefeierten Autorenfilmer des amerikanischen Independentkinos aufsteigen sollte.
Die Handlung: Jagd durch das nächtliche Manhattan
New York City im Würgegriff der Angst: Ein psychopathischer Serienkiller hat es auf Stripperinnen abgesehen und lauert ihnen nach den nächtlichen Shows in den dunklen Gassen von Times Square auf. Im Zentrum der Ereignisse stehen Matt Rossi und Nicky Parzeno, zwei Vermittler, die Tänzerinnen an die zwielichtigen Clubs der Stadt verkuppeln. Als mehrere ihrer Schützlinge grausam ermordet werden, geraten die beiden zunehmend unter Druck – von panischen Kunden, von einer überforderten Polizei und nicht zuletzt von der eigenen Angst, die eigene Vergangenheit könnte sie einholen. Detective Al Wheeler versucht derweil, das Muster hinter den Taten zu entschlüsseln, während klar wird, dass der Täter alles andere als wahllos vorgeht.
Für Matt wird der Albtraum zur persönlichen Zerreißprobe. Der frühere Boxer trägt schwer an einem tödlichen Unfall im Ring, der ihn bis in die Gegenwart verfolgt – eine Vergangenheit, die Ferrara in kurzen, fiebrigen Rückblenden andeutet, ohne sie je vollständig auszuerzählen. Als die Gewalt immer näher rückt und auch Matts Freundin Loretta ins Visier des Killers gerät, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich seinen Dämonen zu stellen. In den regennassen, neonbeleuchteten Straßen Manhattans steuert alles unaufhaltsam auf eine finale Konfrontation zu – ein brutales Kräftemessen zwischen einem gebrochenen Mann und einem eiskalten Mörder.
Ein Ensemble im Aufbruch
Tom Berenger verkörpert Matt Rossi mit jener grüblerischen Intensität, die ihn wenige Jahre später in Platoon zum Star machen sollte. Seine Darstellung des vom Schuldgefühl zerfressenen Ex-Boxers trägt den Film in seinen ruhigeren Momenten und verleiht der ansonsten reißerischen Prämisse eine unerwartete emotionale Tiefe. An seiner Seite agiert Jack Scalia als Nicky Parzeno, dessen impulsivere, actionorientierte Herangehensweise einen wirkungsvollen Kontrast zu Berengers zurückgenommenem Spiel bildet.
Billy Dee Williams, dem Publikum durch seine Rolle als Lando Calrissian in der Star-Wars-Saga vertraut, bringt als Detective Al Wheeler eine coole Autorität in die Ermittlerfigur ein, die dem Film seine kriminalistische Erdung verleiht. Melanie Griffith, damals noch am Anfang ihrer Karriere und einige Jahre vor ihrem Durchbruch mit Something Wild, spielt Loretta mit einer verletzlichen Präsenz, die sie schnell zur emotionalen Zielscheibe der Handlung macht. Rossano Brazzi, ein italienischer Charakterdarsteller mit langer Hollywood-Historie, die bis in die fünfziger Jahre zurückreicht, steuert als Clubbesitzer Carlo Balacontano eine Figur mit europäischem Schliff bei, die den Widerspruch zwischen mondäner Fassade und kriminellem Milieu verkörpert. Rae Dawn Chong rundet das Ensemble als eine der bedrohten Tänzerinnen ab und bringt der Riege der weiblichen Figuren eine eigenständige Präsenz, die über die reine Opferrolle hinausweist.
Die Neuveröffentlichung: Deutsche HD-Premiere in doppelter Fassung
Wicked Vision bringt Fear City als sechste Nummer seiner Thrill Kill Collection erstmals in Deutschland in HD-Qualität auf den Markt – und das gleich in einer 2K-Restaurierung, die sich am aktuellen amerikanischen Master orientiert. Besonders erfreulich: Erstmals liegen hierzulande sowohl die Unrated- als auch die R-Rated-Fassung in vollständiger HD-Qualität vor, während frühere internationale Veröffentlichungen die ungeschnittenen Szenen bestenfalls in VHS-artiger Bildqualität nachreichen konnten. Wer sich für die längere Fassung entscheidet, bekommt gegenüber der Kinoversion vor allem einige zusätzliche, intimere Szenen zwischen zwei der weiblichen Figuren zu sehen, die der Beziehungsdynamik im Film zusätzliche Facetten verleihen, ohne die Grundstruktur der Geschichte zu verändern. Bild und Ton profitieren hörbar wie sichtbar von der neuen Abtastung: Die nächtlichen Neonlichter Manhattans leuchten satter, die körnige, aber charakteristische Bildstruktur der frühen Achtziger bleibt dabei erhalten, ohne dass digitale Nachschärfung die ursprüngliche Anmutung des Films verwässert.
Verpackung und Ausstattung
Wicked Vision präsentiert Fear City im gewohnt hochwertigen Scanavo-Case, ergänzt um ein Wendecover, das sich bewusst ohne aufgedrucktes Vertriebslogo zeigt und damit Sammlern die Möglichkeit gibt, die Optik ganz nach eigenem Geschmack zu gestalten. Diese kleine, aber liebevolle Geste kommt der Sammlerschaft entgegen, die bei limitierten Editionen zunehmend Wert auf ein möglichst „reines" Artwork legt.
Abgerundet wird die Ausstattung durch ein 28-seitiges Booklet, das einen ausführlichen Essay von Christoph N. Kellerbach enthält. Kellerbach, der in der Wicked-Vision-Reihe immer wieder als verlässlicher Autor für kontextualisierende Hintergrundtexte in Erscheinung tritt, ordnet Fear City in Ferraras Frühwerk ein und beleuchtet die Produktionsumstände sowie die Rezeptionsgeschichte des Films, der zwischen Kinostart und heutigem Kultstatus einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt hat.
Bonusmaterial: Fundierte Einordnung statt bloßer Zugabe
Das Bonusmaterial der Veröffentlichung setzt konsequent auf inhaltliche Tiefe statt auf reine Quantität. Den Kern bildet ein Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann und Christopher Klaese, der den Film durchgehend begleitet und dabei sowohl produktionsgeschichtliche Details als auch stilistische Beobachtungen zu Ferraras Inszenierung liefert. Das Zusammenspiel der beiden Kommentatoren funktioniert angenehm ausgewogen: Während der eine eher die filmhistorische Verortung im Blick behält, widmet sich der andere den handwerklichen und atmosphärischen Qualitäten der Inszenierung, sodass ein rundes Bild des Films entsteht, das über reine Anekdoten hinausgeht.
Ergänzt wird der Kommentar durch die Featurette „Abel Ferrara: Ein Porträt", die sich der Karriere des Regisseurs jenseits von Fear City widmet und den Film in den größeren Kontext von dessen kompromisslosem Gesamtwerk einordnet. Wer mit Ferraras späteren Arbeiten wie Bad Lieutenant oder King of New York vertraut ist, findet hier interessante Bezugspunkte, die zeigen, wie konsequent sich bestimmte thematische Obsessionen – Schuld, Erlösung, die Dunkelheit der Großstadt – durch das gesamte Schaffen des Regisseurs ziehen. Den Abschluss des Bonusmaterials bildet der Originaltrailer, der die reißerische Vermarktung des Films zu seiner Entstehungszeit dokumentiert und einen interessanten Kontrast zur heutigen, differenzierteren Wahrnehmung des Films bildet.
Fazit
Fear City mag im Werk Abel Ferraras nicht zu den radikalsten oder formal gewagtesten Arbeiten zählen, doch gerade als Übergangswerk zwischen Undergroundkino und größerer Studioproduktion besitzt der Film einen eigenen Reiz. Die Balance aus reißerischem Thriller-Plot und der überraschend ernsthaft verhandelten Figur des traumatisierten Ex-Boxers Matt Rossi macht den Film zu mehr als einer bloßen Fußnote der Achtziger-Genreproduktion. Wicked Vision liefert mit dieser Veröffentlichung die bislang beste deutsche Zugangsmöglichkeit zu diesem Titel: technisch überzeugend restauriert, mit beiden Schnittfassungen in vollständiger HD-Qualität und einem Bonusmaterial, das dem Film die inhaltliche Würdigung zukommen lässt, die er verdient. Für Fans des Regisseurs und Sammler des amerikanischen Genrekinos der Achtziger ist diese Ausgabe eine klare Empfehlung.