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Es gibt Comics, die unterhalten, und es gibt Comics, die etwas mit einem machen. Loving Reaper: Hiraeth gehört zur zweiten Kategorie – und das mit einer Wucht, die man nach dem Lesen nicht so schnell abschüttelt. Jenny Jinya, die mit ihrer Loving-Reaper-Reihe bereits international eine treue und große Leserschaft gefunden hat, legt mit diesem zweiten Band ein Werk vor, das in seiner stillen Radikalität bemerkenswert ist. Erschienen bei Panini, trägt der Band einen Titel, der bereits alles über seine emotionale Absicht verrät: Hiraeth, jenes walisische Wort für eine tiefe, unerreichbare Sehnsucht nach etwas unwiederbringlich Verlorenem – nach einer Stimme, einer Wärme, einem Wesen, das nicht mehr da ist und dessen Fehlen sich in den Alltag eingräbt wie ein Schatten, der nie ganz weicht. Dass Jinya dieses Wort als Überschrift für ihren zweiten Band gewählt hat, ist kein Zufall. Es ist ein Versprechen – und sie löst es auf jeder Seite ein.


Jenny Jinya ist eine Zeichnerin und Geschichtenerzählerin, die ihren Weg nicht über den klassischen Comicmarkt genommen hat, sondern über das Internet, wo ihre kurzen, emotional aufgeladenen Geschichten rund um die Figur des Loving Reaper zunächst viral gingen und dann zu einem Phänomen wurden, das weit über die üblichen Grenzen des Mediums hinausreichte. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Jinya spricht etwas an, das universell ist. Die Trauer um ein Tier. Das Gefühl, ein Lebewesen verloren zu haben, das einem bedingungslos zugetan war. Die Stille, die bleibt, wenn etwas, das immer da war, plötzlich nicht mehr da ist. Dieses Thema ist in der Popkultur erstaunlich selten ernsthaft behandelt worden, und Jinya hat diese Lücke mit einer Konsequenz und einer emotionalen Aufrichtigkeit gefüllt, die ihresgleichen sucht.


Hiraeth versammelt, wie schon der erste Band, eine Reihe von in sich geschlossenen Kurzgeschichten, die alle um denselben thematischen Kern kreisen: Tiere, die durch menschliches Versagen, Gleichgültigkeit, Grausamkeit oder schlichte Gedankenlosigkeit leiden oder sterben, und ein Reaper, der ihnen in ihren letzten Momenten zur Seite steht. Der Sensenmann als Trostfigur – das ist der zentrale Kunstgriff der Reihe, und er funktioniert, weil Jinya ihn mit absoluter Ernsthaftigkeit behandelt. Ihr Reaper ist kein ironischer Kommentar, keine Subversion des Klischees um des Effektes willen. Er ist einfach da. Groß, dunkel, still – und vollkommen mitfühlend. In einer Welt, die ein bestimmtes Tier im Stich gelassen hat, ist er derjenige, der bleibt. Der sieht. Der hält. Und genau diese Schlichtheit ist es, die so tief trifft.


Die einzelnen Geschichten variieren in Länge, Ton und Ausgangssituation, eint sie aber in ihrer Bereitschaft, das Schwere nicht zu umgehen. Jinya zeigt vernachlässigte Tiere, ausgesetzte Tiere, Tiere, die in Würdelosigkeit sterben müssen – und sie zeigt es ohne Beschönigung, ohne billige Auflösung, ohne den Trost, der eigentlich keiner wäre. Was sie stattdessen anbietet, ist etwas Selteneres: die Anerkennung des Verlustes. Das Sichtbarmachen von Lebewesen, die in der Welt oft unsichtbar sind. Und die stille Botschaft, dass jedes Leben – wie kurz, wie unbeachtet auch immer – Würde verdient hat. Das klingt nach erhobenem Zeigefinger, ist aber das Gegenteil davon. Jinya moralisiert nicht. Sie zeigt, und sie lässt den Leser mit dem umgehen, was er gesehen hat.


Was die Geschichten trotz ihrer Schwere nicht nur erträglich, sondern zutiefst anrührend macht, ist Jинyas Zeichenstil. Weiche Linien, warme, oft gedämpfte Farben, Figuren von einer Schlichtheit, die dennoch erstaunlich ausdrucksstark ist – ihr visueller Ansatz steht in bewusstem Kontrast zu den Inhalten, die er transportiert. Diese Spannung zwischen der optischen Sanftheit und der inhaltlichen Härte ist kein Widerspruch, sondern das eigentliche Herzstück ihrer Arbeit. Es ist diese Kombination, die verhindert, dass die Geschichten in Tristesse oder Betroffenheitskitsch abgleiten. Die Bilder halten das Emotionale in einem Gleichgewicht, das zerbrechlich wirkt und doch nie kippt. Man weint, aber man fühlt sich nicht manipuliert. Man wird berührt, aber nicht überrumpelt. Das ist handwerklich wie emotional eine beachtliche Leistung.


Der Titelzusatz Und wir bleiben zurück benennt präzise die zweite emotionale Ebene des Bandes: nicht nur die der Tiere, die gehen, sondern die der Menschen, die zurückbleiben. Wer jemals ein Tier geliebt und verloren hat, wird in diesen Seiten etwas wiederfinden, das sich kaum in Worte fassen lässt – und das Jinya dennoch in Bilder übersetzt. Die Sehnsucht nach dem Gewicht eines Körpers auf der Bettdecke. Nach dem Klappern von Krallen auf dem Parkettboden. Nach einem Schnurren, einer Wärme, einer Gewohnheit, die so selbstverständlich war, dass man sie erst in ihrer Abwesenheit wirklich bemerkt. Es ist genau dieses Hiraeth, das der Band beschwört und dem er Raum gibt – nicht um darin zu verweilen, sondern um es anzuerkennen, zu benennen und damit ein Stück weit erträglicher zu machen.


Jinya verbindet diesen emotionalen Kern mit einem aufklärerischen Impuls, der in ihrer Arbeit von Anfang an präsent war und der auch in Hiraeth nie aufdringlich wird, aber immer spürbar bleibt. Die Geschichten machen auf rücksichtsloses Verhalten der Menschen gegenüber Tieren aufmerksam – auf Vernachlässigung, auf das Ausliefern, auf die alltägliche Gedankenlosigkeit, die so viel Leid verursacht. Das geschieht nicht mit dem Tonfall einer Anklageschrift, sondern mit der Stille einer Bestandsaufnahme. Jinya urteilt nicht laut. Aber sie lässt nichts ungesagt. Wer diesen Band liest, wird danach anders durch die Welt gehen – das ist keine Übertreibung, sondern die logische Konsequenz dessen, was diese Geschichten beim Lesen auslösen.


Die Aufmachung des Bandes bei Panini ist dem Inhalt angemessen: sorgfältig, hochwertig, mit einer Gestaltung, die den Geschichten Raum lässt, ohne sie zu überwältigen. Das Format passt zu Jинyas Stil, der nie auf große Gesten angewiesen ist, sondern in der Stille seine Stärke findet. Für bestehende Fans der Reihe ist Hiraeth eine konsequente und in vielerlei Hinsicht reifere Fortsetzung des ersten Bandes. Für Neueinsteiger ist es ein vollständig eigenständiges Leseerlebnis, das keiner Vorkenntnisse bedarf.


Ein ehrlicher Hinweis sei dennoch gegeben: Hiraeth ist kein leichtes Buch. Es ist kein Buch, das man nebenbei liest, und es ist kein Buch, das man unberührt weglegt. Wer emotional leicht ansprechbar ist, wer gerade selbst einen Verlust verarbeitet oder wer eine besonders enge Bindung zu Tieren hat, wird an manchen Stellen Pausen brauchen. Das ist vollkommen in Ordnung – mehr noch, es ist vielleicht genau das, wofür dieses Buch gemacht ist. Es schafft einen Raum für Trauer, der in der Popkultur selten so würdevoll und aufrichtig gestaltet ist. Einen Raum, in dem das Vermissen seinen Platz hat. In dem Hiraeth nicht überwunden werden muss, sondern einfach sein darf.


Fazit: 

Loving Reaper: Hiraeth ist ein außergewöhnliches Werk – still, schmerzhaft ehrlich und von einer emotionalen Tiefe, die lange nachhallt und die weit über das hinausgeht, was man von einem Comicband gemeinhin erwartet. Jenny Jinya beherrscht die Kunst, mit wenigen Mitteln sehr viel zu sagen, und sie tut es mit einer Wärme, einem Mitgefühl und einer zeichnerischen Konsequenz, die ihrem Werk eine ganz eigene, unverwechselbare Stimme verleihen. Ein Buch, das man nicht vergisst. Und das vielleicht genau deshalb so wichtig ist.