Christian v. Ditfurth – Sturz in die Hölle (Karl Raben 5)
Penguin, Hardcover, 496 Seiten, Erscheinungstermin 23. September 2026


Ein Abschied im Bombenhagel


Manche Buchreihen enden leise, andere mit einem Donnerschlag. Christian v. Ditfurth wählt für den Abschluss seiner Karl-Raben-Reihe die zweite Variante, und das Setting könnte kaum lauter sein: Berlin unter Bombenhagel, ein Regime im Todeskampf, eine Stadt, in der die Ordnung zerfällt, während der Terror des Apparats bis zum Schluss funktioniert. Nach vier Bänden, die den Berliner Kriminalbeamten von den Straßenkämpfen des Jahres 1932 über die Machtergreifung und den Kriegsbeginn bis in die Kriegsjahre geführt haben, liegt mit »Sturz in die Hölle« nun das Finale vor. Der Titel ist Programm: Er verspricht keinen Aufstieg mehr, sondern den freien Fall einer Gesellschaft und den Versuch eines einzelnen Mannes, in diesem Fall nicht das Richtige zu tun, sondern wenigstens das Menschliche zu bewahren.


Der Autor: Ein Historiker mit Gespür für das Genre


Christian v. Ditfurth, Jahrgang 1953, ist promovierter Historiker und lebt als freier Autor in Berlin und in der Bretagne. Er stammt aus einer Familie, die im deutschen Nachkriegsdiskurs keine Unbekannte ist, ist der Sohn des Wissenschaftsjournalisten Hoimar von Ditfurth, und hat sich über die Jahre ein breites Werk erarbeitet, das Sachbücher, Politthriller und Kriminalromane umfasst. Bekannt wurde er unter anderem mit der Krimiserie um den Historiker Josef Maria Stachelmann, mit Thrillern wie »Der 21. Juli« und »Das Moskau-Spiel« sowie mit der Reihe um den Berliner Hauptkommissar Eugen de Bodt, für deren Band »Zwei Sekunden« er 2016 den Stuttgarter Krimipreis erhielt. Dieser Hintergrund ist für die Raben-Romane mehr als eine Randnotiz. Ditfurth schreibt nicht als jemand, der sich ein historisches Kostüm überwirft, um einem Kriminalplot Atmosphäre zu verleihen, sondern als Historiker, der den Krimi als Vehikel nutzt, um Alltag, Mechanismen und moralische Grauzonen einer Diktatur erzählbar zu machen.


Die Reihe: Karl Raben und seine Liste


Wer »Sturz in die Hölle« liest, tut gut daran, die Vorgeschichte zu kennen. Die Reihe begann 2022 mit »Tanz mit dem Tod«, in dem Polizeikommissar Karl Raben im November 1932 antritt, eine Gruppe von SA-Männern zu stellen, die den kommunistischen Zeitungsredakteur Kurt Esser vor zahlreichen Zeugen ermordet haben. Was als Kampf um Gerechtigkeit beginnt, wird im Unrechtsregime der Nationalsozialisten schnell zu einer Gefahr für Raben selbst und für seine Frau Lena, die Jüdin ist. Es folgten »Tag des Triumphs«, »Zeit des Terrors« und zuletzt »Rabens Rache«, der Raben zu Kriegsbeginn ins besetzte Polen führte und ihm dort die Weigerung abverlangte, an einer Massenerschießung teilzunehmen. Der rote Faden all dieser Bände ist Rabens Liste: die Namen der Männer, die an Essers Ermordung beteiligt waren und die er nicht davonkommen lassen will, selbst wenn er dafür Grenzen überschreitet, die ein Polizist eigentlich nicht überschreiten dürfte. Dieser Rachegedanke gibt der Reihe ihre Spannung und zugleich ihre moralische Ambivalenz, denn Raben ist kein Held ohne Makel, sondern ein Mann, der in einem verbrecherischen System mit unsauberen Mitteln für ein sauberes Ziel kämpft.


Die Handlung: Ein Unfall, der keiner ist


Der Auftakt des fünften Bandes greift diese Konstruktion auf und öffnet sie zugleich für neue Fragen. Während eines Luftangriffs wird der Rüstungsindustrielle Josef Engel von einem Lastwagen überrollt. Für die meisten Beteiligten ist das ein Opfer des Chaos, wie es in jenen Nächten täglich vorkommt, für Kriminalhauptkommissar Karl Raben nicht. Gemeinsam mit seinem Kollegen Georg Lichtigkeit folgt er einer Spur, die ihn in ein Geflecht aus Widerstand und Verrat führt und mit der Roten Kapelle verbindet, jener Widerstandsgruppe, die zu den bekanntesten und zugleich am stärksten von der Gestapo verfolgten Netzwerken des Dritten Reichs gehörte. Parallel dazu verfolgt Raben weiter seinen persönlichen Plan, den letzten noch lebenden Mörder Kurt Essers aufzuspüren, und die Gestapo sitzt ihm längst im Nacken. Als schließlich die Rote Armee vor den Toren Berlins steht und Lena in höchster Gefahr schwebt, wandelt sich die Mörderjagd endgültig in einen Kampf ums nackte Überleben. Diese Zuspitzung ist dramaturgisch klug angelegt: Zwei Ermittlungsstränge, ein öffentlicher und ein privater, laufen aufeinander zu, während das äußere Geschehen die Zeit gnadenlos verknappt.


Berlin im Untergang: Schauplatz und Atmosphäre


Berlin ist in dieser Reihe nie bloße Kulisse, sondern eine Figur mit eigener Biografie, und im Finale zeigt sich die Stadt in ihrer verwundbarsten Phase. Die Angriffe aus der Luft, das Ausfallen von Strom und Versorgung, die Verdunkelung und schließlich der Vormarsch der sowjetischen Truppen erzeugen ein Klima, in dem Ermittlungsarbeit zugleich absurd und notwendig erscheint. Was bedeutet ein Mordfall, wenn täglich Hunderte sterben? Diese Frage schwingt in jeder Szene mit und ist der eigentliche intellektuelle Reiz des Settings. Ein Kriminalroman lebt von der Vorstellung, dass Verbrechen aufgeklärt werden können und Recht am Ende eine Bedeutung hat. Ditfurth stellt diese Prämisse bewusst auf die Probe, indem er sie in eine Welt verpflanzt, in der der Staat selbst der größte Rechtsbrecher ist und der Zusammenbruch der Ordnung zugleich Bedrohung und Chance bedeutet.


Schuld, Verrat und Mut: Die Themen


Der Klappentext nennt es selbst: Schuld, Verrat und Mut. Alle drei Begriffe sind im Umfeld der Roten Kapelle keine Floskeln. Wer im Widerstand agierte, tat dies unter der ständigen Möglichkeit des Verrats, sei es aus Angst, unter Folter oder aus Opportunismus, und wer im Apparat blieb, musste mit einer Schuld leben, die sich nicht nach einem Stichtag abschütteln ließ. Ditfurth interessiert sich erkennbar weniger für die große Heldenerzählung als für die Grauzonen dazwischen, für Menschen, die mitgemacht haben, ohne zu Tätern im engeren Sinn zu werden, und für solche, die Mut bewiesen, ohne dafür Anerkennung zu erwarten. Dass er dabei den Widerstand nicht glorifiziert, sondern als ein Milieu zeigt, das ebenso von Angst, Misstrauen und Fehlern geprägt war wie die übrige Gesellschaft, passt zur nüchternen Haltung des Historikers und verleiht dem Stoff Glaubwürdigkeit.


Figuren: Raben, Lichtigkeit und Lena


Im Zentrum steht wie immer Karl Raben, ein Ermittler, der seine Integrität nicht als Pose trägt, sondern als Last. An seiner Seite steht Georg Lichtigkeit, dessen Rolle als Kollege und Gegenüber dem Roman eine menschliche Ebene gibt, auf der Loyalität nicht selbstverständlich ist, sondern jeden Tag neu verhandelt werden muss. Und dann ist da Lena, Rabens jüdische Frau, die in der Reihe von Beginn an die persönliche Fallhöhe markiert. Jeder Schritt Rabens, jede Grenzüberschreitung und jede Rachefantasie hat Folgen für sie, und im Finale, wenn sich die Gefahr durch Gestapo und vorrückende Front verdichtet, wird aus dieser Konstellation das emotionale Fundament der gesamten Handlung. Wer die Reihe von Anfang an begleitet hat, wird diesem Wiedersehen mit besonderer Anteilnahme entgegensehen.


Erzählweise und Dramaturgie


Ditfurth verbindet in seinen Raben-Romanen den klassischen Ermittlungskrimi mit der Struktur eines historischen Panoramas. Der Fall liefert das Gerüst, die Zeitgeschichte den Resonanzraum. Für einen Reihenabschluss ist das eine dankbare Konstellation, weil der Autor die offenen Fäden, allen voran die Suche nach dem letzten Mörder Kurt Essers, mit dem historischen Endpunkt des Regimes verschränken kann. Der Kalte Krieg, in den die Reihe laut Verlag den Bogen spannt, gibt dem Ganzen zusätzlich einen Ausblick, der über das Kriegsende hinausweist und daran erinnert, dass Schuld und Verantwortung 1945 nicht enden. Neueinsteiger sollten dennoch wissen, dass der Roman als Finale konzipiert ist. Wer Raben, seine Liste und seine Beziehung zu Lena nicht kennt, verpasst viel von der emotionalen Wucht, und die Lektüre der früheren Bände, beginnend mit »Tanz mit dem Tod«, ist ausdrücklich zu empfehlen.


Aufmachung


Penguin veröffentlicht den Roman als Hardcover mit 496 Seiten, ein Umfang, der Ditfurth Raum gibt, die verschiedenen Handlungsebenen sauber auszubreiten, ohne dass die Lektüre ausufern müsste. Für Sammler der Reihe ist der Band der würdige Schlusspunkt im Regal, zumal die fünfbändige Reihe damit vollständig vorliegt. Wer lieber zur Taschenbuchausgabe greift, wird sich bei den früheren Bänden bedienen können, die teils bereits als Taschenbuch erhältlich sind.


Fazit


»Sturz in die Hölle« ist der ambitionierte Schlusspunkt einer Reihe, die zeigt, was ein historischer Kriminalroman leisten kann, wenn er mehr will als Kulissenzauber. Ditfurth verbindet die Spannung einer Mörderjagd mit der Frage nach Schuld und Verantwortung in einer Diktatur, die ihrem eigenen Untergang entgegentaumelt, und gibt seinem Protagonisten ein Ende, das dem Ernst des Stoffes gerecht werden will. Wer die Reihe verfolgt hat, wird an diesem Finale nicht vorbeikommen. Wer historische Kriminalliteratur mit Substanz sucht, sollte mit dem ersten Band beginnen und sich bis zu diesem Höllensturz vorarbeiten.