Wenn die Sirenen verstummt sind und die Uniformierten das Areal abgesperrt haben, beginnt für die Spielfigur in Forensics: Crime Scene Detective die eigentliche Arbeit. Kein Colt im Holster, kein dramatisches Verhör, keine filmreife Verfolgungsjagd – stattdessen Wattestäbchen, Fingerabdruckpulver und ein geschulter Blick für das, was andere übersehen. Aerosoft bringt gemeinsam mit den Studios Binary Impact und Alchemical Works ein forensisches Investigations-Simulationsspiel auf die PS5, das explizit mit der Zusammenarbeit des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz wirbt und Authentizität statt Hollywood-Pathos verspricht. Ob dieser nüchterne Ansatz auch spielerisch überzeugt, zeigt sich erst im Detail.
Der Tatort als Ausgangspunkt
Die Spielstruktur folgt einem klaren Zweiklang. Zunächst wird der Tatort selbst untersucht: Wohnungen, Kneipen, Kellerräume, in denen sich etwas Unfassbares zugetragen hat oder zugetragen haben soll. Mit professionellem Werkzeug ausgestattet, sucht man nach dem diskreten Fingerabdruck auf einem Weinglas, der gelöschten Nachricht auf einem Smartphone, dem winzigen Blutspritzer, der eine Zeugenaussage in Zweifel zieht. Die Grundidee ist reizvoll und wendet sich bewusst an Spielerinnen und Spieler, die sich für die stille, akribische Seite der Verbrechensaufklärung interessieren, statt für schnelle Actionsequenzen. Sirenen, Verhöre und Verfolgungsjagden bleiben bewusst außen vor – hier zählt Geduld, Beobachtungsgabe und die Bereitschaft, jede Ecke eines Raumes gründlich abzusuchen.
Im Labor: Wo die Beweise sprechen sollen
Nach der Sicherung der Spuren wandert man ins Labor, wo DNA-Profile abgeglichen, Schusstrajektorien rekonstruiert und digitale Geräte entschlüsselt werden. Aus einzelnen Fragmenten soll sich so ein stimmiges Gesamtbild ergeben, das am Ende belastet oder entlastet. Die Grundidee, dass nicht jeder blutige Tatort zwangsläufig ein Mord ist und nicht alles, was offensichtlich erscheint, auch der Wahrheit entspricht, ist erzählerisch reizvoll und hebt sich von der üblichen Krimikost angenehm ab. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass die eigentliche Schlussfolgerung häufig nicht bei der Spielfigur, sondern anderswo gezogen wird – man sammelt und analysiert, doch die entscheidenden Verknüpfungen zwischen den Indizien bleiben oft dem Spiel selbst überlassen, was dem Anspruch einer "echten" Ermittlungsarbeit einen Teil seiner Wirkung nimmt.
Bedienung und Werkzeugumgang
Ein Aspekt, der die eigentlich gute Grundidee ausbremst, ist die Handhabung der forensischen Werkzeuge. Diese lassen sich nicht parallel einsetzen, was den Arbeitsfluss am Tatort spürbar verlangsamt und unnötig umständlich macht. Die DNA-Analyse geriet in der getesteten Fassung fummelig, und bei der Fingerabdruckauswertung war mitunter nicht nachvollziehbar, weshalb augenscheinlich passende Merkmale als nicht übereinstimmend gewertet wurden. Für ein Spiel, das seine Stärke gerade aus der Genauigkeit und Nachvollziehbarkeit forensischer Methodik ziehen will, ist das ein empfindlicher Dämpfer, da Frustration durch intransparente Spielmechanik nicht mit der angestrebten Seriosität des Sujets zusammenpasst.
Fallstruktur und Authentizität
Die Fälle orientieren sich an realen Szenarien und wurden mit fachlicher Beratung des LKA Rheinland-Pfalz entwickelt, was dem Spiel grundsätzlich Glaubwürdigkeit verleiht. Leider bleiben die einzelnen Fälle in der Präsentation recht trocken und stehen kaum in einem größeren erzählerischen Zusammenhang zueinander. Wer sich eine fortlaufende Ermittlungsgeschichte oder wiederkehrende Figuren erhofft, wird enttäuscht – stattdessen wirkt die Fallabfolge eher episodisch und lose aneinandergereiht. Für Hobby-Forensiker und Menschen mit Interesse an kriminaltechnischen Abläufen steckt dennoch erkennbares Potenzial in der Grundidee, das in dieser Form aber noch nicht vollständig ausgeschöpft wird.
Technischer Rahmen
Forensics: Crime Scene Detective erschien am 13. Juli 2026 gleichzeitig für PC über Steam, PlayStation 5 und Xbox Series X|S, wobei für die PlayStation 5 sowohl eine digitale als auch eine physische Fassung verfügbar ist. Das Spiel ist PEGI 7 eingestuft und unterstützt neben Deutsch auch Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Polnisch und Chinesisch. Entwickelt wurde es vom Studio Alchemical Works aus Mainz gemeinsam mit Binary Impact aus Rheinland-Pfalz, während Aerosoft aus Paderborn als Publisher fungiert.
Fazit
Forensics: Crime Scene Detective hat eine spannende Grundidee: Tatorte untersuchen, Beweise sichern und anschließend im Labor Fingerabdrücke, DNA-Proben, Projektile und elektronische Geräte analysieren. Gerade für alle, die sich für die nüchterne, wissenschaftliche Seite der Verbrechensaufklärung begeistern können, liegt hier ein interessanter Ansatz vor, der sich bewusst von actionlastigen Krimispielen absetzt. In der vorliegenden Fassung wird dieses Potenzial jedoch nicht ausgeschöpft. Die Fälle wirken trocken und lose verbunden, echte Ermittlungsarbeit im Sinne eigenständiger Schlussfolgerungen findet kaum statt, und die umständliche Bedienung der Werkzeuge sowie intransparente Auswertungsmechaniken trüben den Gesamteindruck zusätzlich. Wer der Faszination forensischer Detailarbeit dennoch eine Chance geben möchte, findet hier einen soliden, aber ausbaufähigen Einstieg.