Earth Must Die im Test: Wenn der schlechteste Herrscher der Galaxie an die Macht kommt
Mit Earth Must Die liefert das britische Studio Size Five Games, bekannt für seinen respektlosen Humor und bereits mit einem BAFTA-Award ausgezeichnet, eine Point-and-Click-Adventure-Perle ab, die sich mit erfrischender Boshaftigkeit über die Genrekonventionen des klassischen Heldenepos hinwegsetzt. Veröffentlicht von No More Robots und seit Anfang des Jahres auch für PlayStation 5 erhältlich, stellt das Spiel die altbekannte Frage „Was wäre, wenn der Bösewicht die Hauptfigur wäre?“ und beantwortet sie mit einer erfrischenden Mischung aus britischem Sarkasmus, absurder Science-Fiction und altmodischem Klickabenteuer. Ich habe mich für diesen Test durch bürokratischen Wahnsinn, außerirdische Intrigen und jede Menge fragwürdiger Entscheidungen geklickt.
Ein Möchtegern-Tyrann auf dem Weg nach unten
Im Zentrum der Geschichte steht VValak Lizardtongue, mit zwei V geschrieben, der ursprünglich lediglich Dritter in der Thronfolge der Tyrythischen Ascendancy war. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, an denen VValak selbst nicht ganz unschuldig ist, findet er sich dennoch unverhofft auf dem Thron wieder. Dass die Führung eines ganzen Weltraumimperiums deutlich komplizierter ist, als er es sich vorgestellt hat, wird ihm allerdings schnell schmerzhaft bewusst. Kaum an der Macht, wird sein Reich von den sogenannten Terranoiden, also uns Menschen, überfallen, was VValak seiner Herrschaft beraubt und ihn in eine bedeutungslose Nebenrolle verbannt. Statt sich mit dieser Demütigung abzufinden, fasst er einen ebenso simplen wie radikalen Entschluss: Die Erde muss sterben, koste es, was es wolle.
Diese Prämisse liefert die perfekte Grundlage für eine der unterhaltsamsten Bösewicht-Perspektiven der letzten Zeit. Statt einer klassischen Heldenreise erlebt man hier das Porträt eines selbstverliebten, unglaublich inkompetenten Weltraumprinzen, der weit mehr an seinem eigenen Komfort interessiert ist als am Wohl seines Volkes. An seiner Seite steht Milky, ein eigentlich für die Betreuung von Säuglingen konzipierter Pflegeroboter, von dem sich VValak bis heute nicht abgestillt hat. Milky übernimmt dabei nicht nur die Rolle des komödiantischen Sidekicks, sondern hält gleichzeitig sämtliche Fortschritte und offenen Aufgaben fest, sodass man auch bei den verwinkelteren Rätselketten stets den Überblick behält und in bestimmten Momenten sogar aktiv mit ihr interagieren muss, um neue Handlungsoptionen freizuschalten.
Rein dialogbasiertes Spielprinzip statt Action
Wer bei einem Adventure-Titel automatisch an Verfolgungsjagden, Feuergefechte oder Quicktime-Events denkt, wird bei Earth Must Die eines Besseren belehrt. Die gesamte Spielmechanik ist konsequent auf Dialoge ausgelegt: VValaks einzige wahre Waffe ist seine scharfe, wenn auch selten wirklich kluge Zunge. Um sich durch sämtliche Situationen zu manövrieren, muss man sich buchstäblich freireden, was angesichts der usurpierten Position als vermeintlicher Friedensstifter eines ganzen Sternenreichs für herrlich absurde Momente sorgt. So simpel dieses Prinzip auf den ersten Blick klingen mag, gelingt es dem Team von Size Five Games doch immer wieder, daraus derart komische Wortgefechte zu zaubern, dass sich Charaktere und Universum nahtlos zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen.
Wer sich zumindest ein wenig Action zwischen all dem geistreichen Schlagabtausch wünscht, könnte an dieser Stelle enttäuscht werden. Für alle anderen, die einfach die Beine hochlegen und einen größenwahnsinnigen Möchtegern-Diktator verkörpern möchten, ohne dabei auf Verfolgungsjagden oder Feuergefechte angewiesen zu sein, ist genau dieser Verzicht auf klassische Action jedoch ein echter Gewinn. Die Rätsel selbst bewegen sich dabei überwiegend auf einem erfreulich kreativen und liebenswert-abgedrehten Niveau, auch wenn das Spiel gelegentlich etwas zu eifrig darin ist, die Lösung fast von selbst zu servieren, statt die Spielerschaft wirklich selbstständig knobeln zu lassen. In einzelnen Passagen zeigt sich zudem, dass die Rätsel mitunter arg simpel geraten sind und sich mehr auf das schlichte Anklicken sämtlicher interaktiver Objekte reduzieren, als auf echtes logisches Kombinieren zu setzen, was dem Spielspaß in diesen Abschnitten etwas die Spannung nimmt.
Optik und Präsentation: Wie eine Cartoon-Serie aus den Nullerjahren
Der erst Eindruck, den Earth Must Die hinterlässt, ist zweifellos sein außergewöhnlicher Kunststil. Das Spiel wirkt, als wäre es direkt einer schrägen, spätabends ausgestrahlten Zeichentrickserie aus den frühen 2000er-Jahren entsprungen. Farbenfroh, surreal und vollgestopft mit einfallsreichen außerirdischen Designs, die von elegant bis regelrecht widerlich reichen, entfaltet die Präsentation eine Alienwelt, die sich glaubwürdig fremdartig und zugleich lebendig anfühlt. Diese visuelle Extravaganz wird von einer beeindruckenden Riege britischer Sprecherinnen und Sprecher getragen, die dem Skript noch einmal deutlich mehr Schwung verleihen. Joel Fry, bekannt aus Serien wie Plebs und Our Flag Means Death, verleiht dem anspruchsvollen Möchtegern-Imperator VValak eine fast schon charismatische Note, während unter anderem Mike Wozniak, Alex Horne und Tamsin Greig eine bunte Riege schräger Außerirdischer und Roboter zum Leben erwecken. Martha Howe-Douglas rundet als Gegenpart Milky die Besetzung ab und liefert einige der komischsten Momente des gesamten Spiels.
Humor mit Ecken und Kanten
Earth Must Die scheut sich nicht davor, für den einen oder anderen billigen Lacher tief in die Klischeekiste zu greifen, was durchaus für den ein oder anderen Schmunzler sorgt, sich in der Summe aber auch etwas ermüdend anfühlen kann, gerade wenn dadurch clevere, eigentlich gut konstruierte Momente unnötig verwässert werden. Die politische Satire, die sich immer wieder durch die Handlung zieht, nimmt aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen aufs Korn, ohne dabei den Anspruch zu erheben, tiefgründige Kommentare abzugeben. Wer britischen Humor mit seiner Vorliebe für derbe, mitunter vulgäre Pointen zu schätzen weiß, dürfte hier bestens bedient werden, während Spielerinnen und Spieler mit geringerer Toleranz für deftige Scherze gelegentlich mit den Augen rollen dürften.
Umfang und Spielgefühl
Mit einer Spielzeit von rund acht Stunden bis zum Abspann bleibt Earth Must Die angenehm kompakt und verzichtet bewusst auf unnötige Längen. Am besten lässt sich das Spiel in Sitzungen von etwa zwei Stunden genießen, da sich die Rätseldichte in längeren Sessions mitunter etwas zäh anfühlen kann. Zum Ende hin wirkt die Geschichte zudem spürbar überstürzt, als hätte man dem großen Finale gerne noch etwas mehr Raum zum Atmen gegönnt. Dennoch bleibt unterm Strich ein rundum stimmiges kleines Sci-Fi-Märchen, das mit seiner konsequent eskalierenden Absurdität immer wieder für Überraschungen sorgt und einen dazu bringt, geduldig weiterzuklicken, ohne dass sich dabei jemals echter Frust einstellt.
Fazit
Earth Must Die beweist eindrucksvoll, dass gute Dialoge und klassisches Adventure-Gameplay auch im Jahr 2026 noch eine überzeugende Kombination ergeben können. Size Five Games gelingt mit dem selbstverliebten VValak Lizardtongue eine der unterhaltsamsten Anti-Helden-Figuren der jüngeren Vergangenheit, unterstützt von einer hervorragenden Sprecherriege und einem visuellen Stil, der an die besten Cartoon-Serien seiner Zeit erinnert. Kleinere Abstriche muss man bei der teils zu simplen Rätselstruktur und dem gelegentlich etwas zu deftigen Humor machen, die nicht bei jeder Spielerin und jedem Spieler gleichermaßen gut ankommen dürften. Wer klassische Point-and-Click-Adventures mit einer ordentlichen Portion schwarzem britischem Humor zu schätzen weiß, bekommt hier dennoch eine der originellsten und kurzweiligsten Genrevertreter der letzten Zeit.