Batman 110 – Der Löwe brüllt, die Uhr tickt
Gotham unter Quarantäne
Jeff Lemire, der Gotham bereits in den vorangegangenen Ausgaben mit einer zunehmend klaustrophobischen, bedrohlichen Grundstimmung ausgestattet hat, treibt die Stadt in diesem Heft in eine ihrer existenziellsten Krisen. Ein Virus, verantwortlich gezeichnet vom Schurken, der sich selbst schlicht der Löwe nennt, breitet sich über Gotham aus und stellt Bruce Wayne vor ein Problem, das sich nicht mit Fäusten allein lösen lässt. Die tickende Uhr, die über der Stadt hängt, ist dabei mehr als nur ein erzählerisches Stilmittel – sie durchzieht das gesamte Heft als spürbarer Zeitdruck, unter dem Batman agieren muss. Zur allgemeinen Bedrohungslage gesellt sich eine zusätzliche Komplikation: Scarecrow ist verschwunden, und ausgerechnet in dieser kritischen Phase muss der Dunkle Ritter auch noch den Meister der Angst aufspüren, bevor dessen Rückkehr die ohnehin schon fragile Lage in Gotham vollends kippen lässt.
Lemire versteht es, die Bedrohung durch den Löwen weniger als klassisches Schurken-gegen-Held-Duell zu inszenieren, sondern vielmehr als schleichende, fast body-horror-artige Krise, die Gotham von innen heraus zersetzt. Diese erzählerische Entscheidung passt sich nahtlos in die düstere, unheilvolle Tonalität ein, die Lemires Batman-Run seit geraumer Zeit prägt.
Ein zweiter Handlungsstrang: Wraith und der junge Jason
Neben der Hauptgeschichte liefert das Heft mit Tom Taylor einen weiteren gewichtigen Namen der aktuellen DC-Autorenriege. Sein Beitrag rückt das Duell zwischen Batman und Wraith in den Fokus – eine Konfrontation, die dem Heft zusätzliche Action-Dichte verleiht und einen deutlichen tonalen Kontrapunkt zur bedrückenden Virus-Handlung setzt. Besonders interessant gerät dabei die Rückblende auf den jungen Jason Todd, der hier eine folgenschwere, unkluge Entscheidung trifft. Wer die Entwicklung der Robin-Figur und ihre spätere, tragische Wendung kennt, liest diese Sequenzen mit einem besonderen Grundrauschen an Unbehagen – Taylor nutzt geschickt das Wissen der Leserschaft um Jasons Schicksal, um der scheinbar harmlosen Szene zusätzliches Gewicht zu verleihen.
Zeichnerische Doppelspitze
Für die visuelle Umsetzung der beiden Handlungsstränge zeichnen sich mit Dustin Nguyen und Mikel Janín zwei Künstler verantwortlich, die beide für ihren atmosphärisch dichten, schattenreichen Zeichenstil bekannt sind. Nguyen, dessen aquarellartige, oft morbide Bildsprache Gotham seit Jahren immer wieder eine ganz eigene, alptraumhafte Note verleiht, dürfte für die bedrückende Löwe-Handlung prädestiniert sein, während Janíns präziser, actionorientierter Stil sich hervorragend für die dynamischere Wraith-Konfrontation eignet. Das Zusammenspiel beider Handschriften sorgt dafür, dass sich das Heft trotz der unterschiedlichen Tonlagen seiner Geschichten nie zerfasert anfühlt, sondern als stimmiges Gesamtpaket funktioniert.
Fazit
Batman 110 ist ein dicht gepacktes Heft, das gleich mehrere erzählerische Fäden geschickt miteinander verwebt, ohne dabei an Klarheit zu verlieren. Jeff Lemires bedrückende Virus-Handlung um den Löwen und die drohende Rückkehr von Scarecrow entfaltet einen packenden Spannungsbogen, während Tom Taylors Wraith-Episode mit dem folgenschweren Jason-Todd-Moment zusätzliche erzählerische Tiefe liefert. Mit Dustin Nguyen und Mikel Janín stehen zwei erfahrene Künstler bereit, die den unterschiedlichen Tonlagen des Heftes jeweils die passende visuelle Sprache verleihen. Ein rundum gelungenes Heft für alle, die Gothams düstere Gegenwart mit ebenso düsterer Vergangenheit verknüpft sehen wollen.
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