Die Römer in Germanien: Wie eine antike Weltmacht Deutschland prägte (Herausgegeben von Solveig Grothe und Martin Pfaffenzeller, DVA) – Wie das Imperium unter unseren Füßen weiterlebt


Einleitung: Ein Erbe, das man täglich benutzt


Wer von Trier nach Aachen fährt, folgt einer Trasse, die schon Legionäre kannten. Wer an der Mosel einen Riesling trinkt, kostet das Ergebnis einer Anbaukultur, die vor fast zweitausend Jahren aus dem Süden importiert wurde. Und wer sich fragt, warum die Grenzen des Römischen Reiches auch heute noch in Statistiken sichtbar werden, findet in diesem Band überraschende Antworten. Die Römer in Germanien, erschienen im Mai 2026 bei der DVA als SPIEGEL-Buch, geht dem Erbe einer antiken Weltmacht nach, die sich vor gut 1700 Jahren weitgehend aus dem Südwesten des heutigen Deutschlands zurückzog und dennoch nie ganz verschwand. Der Band kostet 20 Euro und erscheint als Paperback mit Abbildungen und Zeittafeln.


Konzept und Herausgeber: Ein Chor statt eines Solisten
Wer bei dem Namen Solveig Grothe eine klassische Monografie erwartet, wird zunächst überrascht. Die 1975 geborene Journalistin, die ihre Laufbahn mit einem Volontariat bei der Altmark Zeitung begann, verantwortet den Band gemeinsam mit Martin Pfaffenzeller als Herausgeberin. Statt eines durchgehenden Textes versammelt das Buch 22 Aufsätze und Interviews von Historikerinnen und Historikern, vor allem aber von Redakteurinnen und Redakteuren des SPIEGEL. Dieser Ansatz hat Vor- und Nachteile. Er sorgt für Abwechslung, verschiedene Blickwinkel und einen journalistisch geschärften Ton, verzichtet aber auf die eine erzählerische Linie, die ein einzelner Autor hätte ziehen können. Für Leser, die kurze, in sich abgeschlossene Kapitel schätzen, ist das Format ideal, denn man kann an beliebiger Stelle einsteigen und muss keinem roten Faden folgen.


Römer und Germanen: Das Bild vom Helden mit Flügelhelm


Besonders lohnend sind die Beiträge, die sich mit der Wahrnehmung der Germanen beschäftigen. Der Band macht deutlich, dass der Begriff eine Schöpfung der Römer ist und keineswegs eine homogene Gruppe beschreibt, sondern viele Stämme mit unterschiedlichen Traditionen und nicht einmal einer gemeinsamen Sprache. Mehrere Kapitel gehen der Frage nach, wie das heroische Bild der Germanen mit Flügelhelm entstand, das sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts im aufkommenden Nationalismus verfestigte. Die Germanen boten sich damals als glorreiche Urahnen an, und pseudowissenschaftliche Belege sollten dieses Selbstbild stützen. Wie weit die Verfälschung schließlich in der NS-Ideologie getrieben wurde, dokumentiert der Band mit Beispielen, die auch heute noch erschüttern. Gerade dieser kritische Blick auf die Rezeptionsgeschichte macht das Buch über die reine Altertumskunde hinaus relevant.


Varusschlacht und ihre Nachgeschichte


Als zentrales Ereignis der gemeinsamen Geschichte behandelt der Band die Varusschlacht, in der ein germanisches Heer unter Arminius drei römische Legionen vernichtete. Mehrere Aufsätze nehmen darauf Bezug und zeigen, wie aus einem militärischen Desaster im Kaiserreich eine germanische Heldengeschichte wurde. Das ist ein Gewinn, denn es trennt den historischen Kern von der späteren Aufladung und macht sichtbar, wie stark Geschichtsbilder von ihrer jeweiligen Gegenwart geprägt sind. Dass diese Themen in mehreren Beiträgen auftauchen, führt bei einem Sammelband dieser Art allerdings zu gelegentlichen Überschneidungen, die man beim Durchlesen bemerkt.
Alltag, Stadt und Umwelt


Neben Politik und Militär widmet sich das Buch ausdrücklich dem Alltag. Dank neuer Grabungsfunde lassen sich römische Metropolen, Thermen und Tavernen heute lebendiger rekonstruieren als je zuvor, und der Band macht daraus keine trockene Fundgeschichte, sondern eine Reise durch das Leben zwischen Rhein und Donau. Die sichtbarsten Hinterlassenschaften sind die römischen Stadtgründungen wie Köln, Regensburg, Trier oder Nijmegen, die sich über zwei Jahrtausende zu urbanen Zentren entwickelten. Überraschend modern wirkt ein Aspekt, der zeigt, wie schon in der Antike Luftverschmutzung zum Problem wurde und riesige Müllhalden entstanden, die bis heute als Hinterlassenschaft existieren. Solche Querverbindungen zur Gegenwart machen die Lektüre kurzweilig und geben der Antike eine Aktualität, die man in vergleichbaren Büchern selten findet.


Ein Erbe mit zwei Seiten


Der Band macht es sich nicht leicht und verklärt das Imperium nicht. Neben Architektur, Recht und Politik stehen Sklaverei, brutale Gewalt und die Entvölkerung ganzer Landstriche in der Bilanz. Das ist eine wichtige Balance, denn die Faszination für Rom kippt leicht ins Bewundernde. Besonders spannend ist der Blick auf statistische Langzeiteffekte. Aktuelle Daten zum seelischen Wohlbefinden legen nahe, dass Menschen in ehemals römischen Gebieten länger leben, was den Limes bis in die Gegenwart wirken lässt. Solche Befunde sind faszinierend, erfordern aber eine vorsichtige Deutung, denn aus Korrelationen lassen sich nicht ohne Weiteres Ursachen ableiten, und ein Band dieses Formats kann diese Komplexität nur bedingt entfalten. Umso wichtiger ist es, dass die Autorinnen und Autoren die Ergebnisse als Anregung zum Weiterdenken präsentieren.


Stil und Zugänglichkeit


Der journalistische Grundton prägt das Buch. Die Texte sind lebendig, verständlich und auf den Punkt geschrieben, ohne an fachlicher Substanz zu verlieren. Für Leser ohne Vorkenntnisse ist das ein Vorteil, denn die Beiträge bieten kompakte Überblicke und eignen sich als Einstieg in ein Thema, das oft nur mit schulischem Halbwissen verbunden wird. Die ergänzenden Zeittafeln helfen bei der Orientierung. Wer tiefer einsteigen möchte, wird eher zu wissenschaftlichen Überblickswerken greifen, doch als Auftakt und als Anregung ist der Band bestens geeignet.


Fazit


Die Römer in Germanien ist ein informativer, abwechslungsreicher und angenehm lesbarer Streifzug durch fünf Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte und ihre Nachwirkungen bis heute. Die Stärke des Bandes liegt in seiner Vielfalt, in der Verbindung von neuesten Forschungsergebnissen mit journalistischer Erzählkunst und in dem kritischen Blick auf die Geschichte der Rezeption. Kleine Abstriche gibt es wegen gelegentlicher Überschneidungen und der zwangsläufig unterschiedlichen Tiefe der einzelnen Beiträge. Wer sich für Geschichte interessiert, aber keinen Wälzer wälzen möchte, bekommt hier einen hervorragenden Überblick, der Lust auf mehr macht und den Blick auf die eigene Umgebung verändert.