Geheimaktion Crossbow – Mediabook-Review (Plaion Pictures)
Mit "Geheimaktion Crossbow" bringt Plaion Pictures einen jener britischen Weltkriegs-Klassiker ins deutsche Mediabook-Format, die in den sechziger Jahren mit geradezu absurder Selbstverständlichkeit halbe Hollywood- und Pinewood-Schauspielerverzeichnisse auf ein einziges Filmplakat quetschten. 1965 unter dem Originaltitel "Operation Crossbow" uraufgeführt und später auch als "The Great Spy Mission" wiederveröffentlicht, erzählt der Film die fiktionalisierte Geschichte der alliierten Bemühungen, Hitlers Vergeltungswaffenprogramm rund um Peenemünde zu sabotieren, ehe V1 und V2 London und darüber hinaus in Schutt und Asche legen konnten.
Die Handlung: Spione hinter den Linien
1943 erreicht das britische Verteidigungsministerium die alarmierende Nachricht, dass die Nationalsozialisten an einem Raketensystem arbeiten, das nicht nur London, sondern potenziell auch New York bedrohen könnte. Um an belastbare Informationen über die Fertigungsanlagen zu gelangen, entwickelt der britische Geheimdienst einen riskanten Plan: Drei Agenten mit technischem Hintergrund und Deutschkenntnissen sollen unter der Identität verstorbener oder verschollener Ingenieure ins besetzte Holland und von dort weiter ins Deutsche Reich eingeschleust werden, um sich in die Raketenfabriken einzuschmuggeln. Kaum sind die sorgfältig vorbereiteten Männer über feindlichem Gebiet abgesprungen, erhält die Führungsriege in London jedoch Zweifel an der Mission, die den Agenten selbst nicht mehr mitgeteilt werden können. Was folgt, ist ein Wettlauf gegen die Zeit, der Spionagethriller, Kriegsdrama und dokumentarisch angehauchte Rekonstruktion realer Ereignisse miteinander verwebt. Bemerkenswert und für ein Mainstream-Werk seiner Zeit ungewöhnlich mutig ist dabei der Verzicht auf durchgängige Synchronisation aller Nationalitäten: Deutsche Figuren sprechen deutsch, was dem Film eine zusätzliche Authentizität verleiht, die viele Zeitgenossen im gleichen Genre vermissen ließen.
Das Drehbuch, das auf einer Geschichte von Duilio Coletti und Vittoriano Petrilli basiert, stammt größtenteils aus der Feder von Emeric Pressburger, der als kongenialer Partner von Michael Powell in die Filmgeschichte einging und hier interessanterweise unter dem Pseudonym Richard Imrie firmierte, gemeinsam mit Derry Quinn und Ray Rigby. Diese Verbindung zu einem der großen Namen des britischen Kinos der vierziger und fünfziger Jahre verleiht dem Projekt eine erzählerische Sorgfalt, die über das reine Actionkino hinausreicht.
Regisseur Michael Anderson und Produzent Carlo Ponti
Auf dem Regiestuhl saß mit Michael Anderson ein Mann, der bereits ein Jahrzehnt zuvor mit "The Dam Busters" bewiesen hatte, wie sich reale militärische Operationen des Zweiten Weltkriegs in packendes, gleichzeitig respektvolles Kino übersetzen lassen. Diese Erfahrung mit dem Genre des britischen Kriegsfilms kommt "Geheimaktion Crossbow" spürbar zugute: Anderson wechselt geschickt zwischen halbdokumentarischer Rekonstruktion der historischen Abläufe, waschechtem Spionagethrill und ausgewachsenen Action-Sequenzen, ohne dass sich der Film in einem der Register verliert.
Für die Produktion zeichnete Carlo Ponti verantwortlich, der als einer der einflussreichsten italienischen Filmproduzenten seiner Generation gilt und unter anderem für Fellinis "La Strada" sowie später für die Großproduktion "Doktor Schiwago" verantwortlich war. Ponti, seinerzeit mit Sophia Loren verheiratet, stellte für "Geheimaktion Crossbow" einen internationalen Cast zusammen, der seinesgleichen sucht und in dem sich amerikanische, britische, italienische und deutsche Stars die Klinke in die Hand geben.
Ein Staraufgebot vor der Kamera
George Peppard, der einem breiteren deutschen Publikum vor allem durch seine spätere Rolle als Hannibal Smith in "Das A-Team" bekannt wurde, übernimmt hier die tragende männliche Hauptrolle als US-Luftwaffenoffizier John Curtis, der unter der Identität eines niederländischen Ingenieurs in die deutschen Raketenwerke eingeschleust wird. Es ist eine für den 1965 noch recht jungen Peppard bemerkenswert vielschichtige Rolle zwischen technischer Fachkompetenz, wachsender Paranoia und stiller Verzweiflung angesichts einer Mission, deren Sinnhaftigkeit zunehmend infrage steht.
Die eigentliche Attraktion des Filmplakats, Sophia Loren, bereits damals durch Filme wie "Arabeske" ein internationaler Weltstar, spielt dagegen eine vergleichsweise kurze, aber prägnante Nebenrolle als Nora Van Ostamgen, die Witwe des Ingenieurs, dessen Identität Curtis für seine Undercover-Mission annimmt. Dass Loren trotz ihres begrenzten Leinwandanteils die Spitzenposition in der Besetzungsliste einnimmt, verdankt sich nicht zuletzt der Tatsache, dass ihr Ehemann Ponti hinter der Kamera die Fäden zog – ein damals durchaus übliches Arrangement, das dem Film aber keinen Abbruch tut, da Loren ihre wenigen Szenen mit der ihr eigenen Präsenz füllt.
Trevor Howard, ein britisches Schauspielerschwergewicht, das dem Kriegsfilmgenre bereits durch "Cockleshell Heroes" verbunden war, gibt den skeptischen Wissenschaftler Professor Frederick Lindemann, während John Mills, ebenfalls ein Veteran zahlreicher Kriegsfilmproduktionen wie "Ice Cold in Alex", als General Boyd die militärische Führungsebene in London verkörpert. Beide Darsteller bringen jene britische Zurückhaltung und Autorität mit, die dem Film seine glaubwürdige Verankerung in der historischen Kommandostruktur verleihen. Ergänzt wird das Ensemble durch deutsche Stars wie Lilli Palmer, die für ihre Darstellung der Frieda auf dem Filmfestival von San Sebastián sogar als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, sowie Barbara Rütting, die dem Film eine zusätzliche kontinentaleuropäische Authentizität verleihen.
Bild und Ton der Plaion-Veröffentlichung
Die vorliegende Mediabook-Ausgabe präsentiert "Geheimaktion Crossbow" in seiner ungekürzten, 116 Minuten langen Fassung und stützt sich dabei auf eine neue 4K-Abtastung, die dem seinerzeit in Panavision und Metrocolor gedrehten Bildmaterial sichtbar zugutekommt. Farben und Texturen wirken deutlich frischer und stabiler, als es ältere, teils grobkörnige Fassungen aus dem Streaming-Bereich vermuten ließen, ohne dass dabei der ursprüngliche, leicht körnige Charakter des Filmmaterials künstlich getilgt würde. Tontechnisch liegt der Film sowohl in deutscher Synchronisation als auch im englischen Original jeweils in DTS-HD Master Audio 2.0 vor, was der Zeit und den ursprünglichen technischen Gegebenheiten des Films angemessen Rechnung trägt und den markanten Score von Ron Goodwin klar und ohne störende Nebengeräusche zur Geltung bringt.
Bonusmaterial
Das Bonusprogramm fällt bei dieser Klassiker-Veröffentlichung angenehm kompakt, aber sinnvoll kuratiert aus. Ein Featurette beleuchtet die Entstehungsgeschichte des Films und ordnet die historischen Hintergründe rund um das echte Operation-Crossbow-Programm sowie die Produktionsumstände unter Carlo Ponti ein, während der Original-Kinotrailer als zeittypisches Werbematerial die damalige Vermarktung des Films dokumentiert. Den inhaltlichen Mehrwert der Veröffentlichung rundet ein Booklet mit einem Text von Stefan Jung ab, das dem Sammler eine vertiefende schriftliche Auseinandersetzung mit Film und historischem Kontext an die Hand gibt und damit gerade jenen Käufern entgegenkommt, die an einer Mediabook-Ausgabe stets auch das begleitende Textmaterial zu schätzen wissen.
Verpackung
Plaion Pictures verortet "Geheimaktion Crossbow" in seiner fortlaufenden Reihe klassischer Filmveröffentlichungen und präsentiert den Film entsprechend im gewohnten Mediabook-Format mit Blu-ray und DVD im gemeinsamen Digipack samt Booklet. Die Aufmachung orientiert sich an der historischen Vermarktung des Films und dürfte damit sowohl Sammler klassischer Kriegs- und Spionagefilme als auch Fans der beteiligten Stars ansprechen, die auf eine hochwertige, aber nicht überladene Präsentation Wert legen.
Fazit
"Geheimaktion Crossbow" ist ein bemerkenswertes Zeitdokument britischen Genrekinos der sechziger Jahre, das seine beeindruckende Starbesetzung geschickt in den Dienst einer im Kern ernsthaften, historisch fundierten Erzählung stellt. Michael Andersons routinierte Inszenierung, das von Emeric Pressburger mitverfasste Drehbuch und ein Ensemble, das von George Peppards zentraler Performance bis zu Sophia Lorens prominent platziertem Kurzauftritt reicht, ergeben einen Spionagethriller, der auch sechzig Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner Spannung eingebüßt hat. Die Plaion-Veröffentlichung tut diesem Klassiker mit einer erkennbar verbesserten Bildqualität und einem angemessenen, wenn auch nicht überbordenden Bonusprogramm alle Ehre.