Der Magier im Kreml (2025)
Manche Stoffe sind eigentlich zu groß für einen einzelnen Spielfilm – und trotzdem wagt sich Olivier Assayas mit "Der Magier im Kreml" genau daran: dem Aufstieg Wladimir Putins vom unscheinbaren Geheimdienstmann zum unangefochtenen Herrscher Russlands. Erzählt wird diese Geschichte nicht direkt aus Putins Perspektive, sondern durch die Augen seines fiktiven Spindoktors Vadim Baranov, einer Figur, die deutliche Anleihen bei Putins realem Chefberater Wladislaw Surkow nimmt. Grundlage ist der international gefeierte Roman von Giuliano da Empoli.
Die Geschichte setzt Anfang der 1990er Jahre ein, mitten im postsowjetischen Chaos. Der junge, talentierte Baranov versucht sich zunächst als Künstler in den neuen, grenzenlos erscheinenden Freiheiten der Zeit, bevor er ins Reality-TV-Geschäft wechselt und dadurch zunehmend Kontakt zu einflussreichen Kreisen bekommt. Über diesen Weg landet er schließlich beim damaligen Geheimdienstchef Putin, der als Nachfolger für den angeschlagenen Boris Jelzin aufgebaut werden soll. Baranov gestaltet fortan Schritt für Schritt das politische System mit, verwischt dabei immer geschickter die Grenze zwischen Wahrheit und Inszenierung. Der Film spannt einen weiten historischen Bogen und streift dabei zentrale Stationen der Putin-Ära – von den aufstrebenden Oligarchen über die Kursk-Katastrophe und den Tschetschenienkrieg bis hin zu Sotschi, dem Maidan und den berüchtigten Internet-Trollfabriken.
Was den Film besonders zeitgemäß macht, ist sein schonungsloser Blick auf die Mechanismen medialer Manipulation und politischer Machtausübung. Assayas interessiert sich weniger für eine dokumentarische Nacherzählung als für die grundsätzlichen Prinzipien dahinter: Wie entsteht Macht, wie wird sie zementiert – und welchen Preis zahlen diejenigen, die sie erst möglich machen?
Regisseur Olivier Assayas
Der Franzose Olivier Assayas ist alles andere als ein Neuling, wenn es um komplexe, politisch aufgeladene Stoffe geht. Bekannt wurde er unter anderem mit "Die Wolken von Sils Maria" und "Personal Shopper", zuletzt war sein Film "Hors du temps" 2024 auf der Berlinale zu sehen. Sein Gespür für vielschichtige Politbiografien hat er bereits mit "Carlos – Der Schakal", seinem als Miniserie ausgestrahlten Terroristen-Epos, sowie mit "Wasp Network" über eine kubanische Spionagegruppe unter Beweis gestellt. Diese Erfahrung mit historisch verwurzelten, politisch heiklen Themen merkt man "Der Magier im Kreml" deutlich an. Gemeinsam mit Co-Autor Emmanuel Carrère adaptierte er da Empolis Vorlage fürs Kino. Die Dialoge geraten dabei geschliffen und pointiert, wenngleich das rasante Erzähltempo, mit dem historische Ereignisse abgehandelt werden, den Zuschauer bisweilen an seine Grenzen bringt – und man sich streckenweise die ruhigere, ausführlichere Erzählweise einer Miniserie gewünscht hätte, wie Assayas sie mit "Carlos" bereits einmal gefunden hatte.
Die Besetzung
Jude Law als Wladimir Putin ist eine der gewagtesten, zugleich aber auch überzeugendsten Besetzungsentscheidungen des Jahres. Statt auf plumpe Nachahmung zu setzen, gelingt es Law, das Widersprüchliche dieser Figur einzufangen: einen Mann, der Macht wie ein Schatz hortet und dabei seltsam unberührt von gewöhnlichen menschlichen Regungen bleibt. Law verbindet eine fast charismatische, schüchtern wirkende Eigenart mit dem kalten, berechnenden Kern der Figur – eine Gratwanderung, die bemerkenswert gut aufgeht.
Die eigentliche Hauptfigur bleibt jedoch Paul Dano als Vadim Baranov. Dano interpretiert den Kreml-Strategen bewusst nicht als klassische graue Eminenz, die im Verborgenen finstere Pläne schmiedet, sondern als nahezu emotionslosen, in gleichbleibend monotoner Stimmlage sprechenden Strippenzieher, der schlicht außergewöhnlich gut in dem ist, was er tut. Diese kühle, fast soziopathisch anmutende Distanziertheit macht seine Darstellung zu einem der spannendsten Elemente des Films – ein Mann, der die eskalierende russische Politik mit der leisen Belustigung eines Autors betrachtet, der das Stück selbst geschrieben hat.
Alicia Vikander ergänzt das Hauptensemble in einer wichtigen Nebenrolle und bringt eine zusätzliche emotionale Ebene in das ansonsten kühl inszenierte Machtgefüge ein. Jeffrey Wright wiederum verkörpert einen amerikanischen Journalisten, der wie ein stilles Gewissen am Rand des Geschehens agiert – stets präsent, vom Film selbst aber nie wirklich ernst genommen, was durchaus als bewusste erzählerische Entscheidung gelesen werden kann.
Die Blu-ray von Constantin Film im Vertrieb von Leonine
Nach dem Kinostart bringt Constantin Film "Der Magier im Kreml" nun im Vertrieb von Leonine auch für die heimische Sichtung heraus – ein Zeitpunkt, der angesichts der ungebrochenen politischen Aktualität des Stoffs kaum passender sein könnte.
Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wird der ehemalige Künstler und Reality-TV-Produzent Vadim Baranov zum Spindoktor eines aufstrebenden KGB-Agenten, Wladimir Putin. Jahre später bricht er schließlich sein Schweigen und enthüllt die Machtmaschinerie, die er selbst mitgeschaffen hat. Ein spannendes politisches Intrigenspiel, das vor dem Hintergrund aktueller politischer Spannungen und medialer Manipulation besondere Brisanz gewinnt und dessen Auswirkungen bis in die heutige Zeit spürbar sind – "Der Magier im Kreml" lässt tief in die Strukturen der Macht blicken.
Als Bonusmaterial liegen der Veröffentlichung Interviews mit Cast & Crew bei, die vertiefende Einblicke in die Entstehung des Films, den Umgang mit der realen Vorlage und die Interpretation der historischen Figuren gewähren. Ergänzt wird dies durch umfangreiches B-Roll-Material, das einen unmittelbaren Blick hinter die Kulissen der aufwendigen Produktion erlaubt.
Fazit
"Der Magier im Kreml" ist ein ambitionierter, stilistisch elegant inszenierter Politthriller, der mit Jude Law und Paul Dano zwei herausragende Hauptdarsteller aufbietet und sich mutig an die filmische Aufarbeitung eines der brisantesten politischen Aufstiege unserer Zeit wagt. Olivier Assayas gelingt ein visuell beeindruckendes, intellektuell anregendes Werk, das zwar unter der Fülle des behandelten Stoffs bisweilen ächzt, dabei aber nie den Anspruch verliert, sein Publikum zum eigenständigen Denken anzuregen, statt mit erhobenem Zeigefinger zu belehren. Für die heimische Sichtung liefert Constantin Film via Leonine eine solide Ausstattung, die mit Interviews und B-Roll-Material die Beschäftigung mit diesem vielschichtigen Stoff sinnvoll vertieft.