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Der DDR-Fernsehfilm Das Licht der schwarzen Kerze aus dem Jahr 1982 zählt zu den ambitioniertesten Produktionen, die das Fernsehen der Deutschen Demokratischen Republik je gewagt hat. Als dreiteiliges Serienformat nach dem gleichnamigen Roman des DDR-Autors Wolfgang Held kombiniert er Agentenfilm, Politthriller und Abenteuererzählung zu einem Werk, das weit über das hinausgeht, was man gemeinhin mit DDR-Unterhaltungsfernsehen verbindet. Dass One Gate Media diesen Dreiteiler nun in ihrer verdienstvollen Reihe DDR TV-Archiv auf einer hochwertigen 3-DVD-Box der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist ein echter Glücksfall für Freunde des ostdeutschen Fernsehens und des historischen Polit-Thrillers gleichermaßen.


Inhalt und Dramaturgie


Die Handlung beginnt 1937 inmitten des Spanischen Bürgerkriegs — einer der dunkelsten und gleichzeitig politisch komplexesten Konflikte des 20. Jahrhunderts. Dieser historische Rahmen erweist sich als außerordentlich kluge Wahl: Der Bürgerkrieg diente bekanntlich den deutschen Nationalsozialisten als Testfeld neuer Waffentechnologien, was dem Drehbuch eine erschreckend reale Grundlage verleiht. Im Zentrum steht die Geschichte des deutschen Kundschafters Fred Laurenz, der in die berüchtigte Legion Condor eingeschleust wird — jene Freiwilligeneinheit der Wehrmacht und Luftwaffe, die maßgeblich zu Francos Sieg und zu Verbrechen wie der Bombardierung Guernicas beitrug.


Das dramaturgische Herzstück ist das Nervengas Tabun, das tatsächlich im Auftrag des IG-Farben-Konzerns entwickelt wurde und hier als streng gehütetes Kriegsgeheimnis erscheint. Die Formel für dieses Massenvernichtungsmittel in die Hände der Sowjetunion zu spielen, um ihren Einsatz zu verhindern — das ist Laurenz' Mission, und sie verleiht der Geschichte eine moralische Dringlichkeit, die auch heute noch wirkt. Denn das Stück fragt implizit: Was ist ein Einzelner bereit zu opfern, damit eine Waffe, die tausende Leben auslöschen könnte, nicht in falsche Hände gerät?


Die Dramaturgie entfaltet sich in drei klar gegliederten Teilen, die in ihrer Abfolge geschickt eskalieren. Teil eins etabliert die Welt der Legion Condor, die Schmutzigkeit des Bürgerkriegs und Laurenz' gefährliche Doppelrolle mit einer Intensität und atmosphärischen Dichte, die beeindruckt. Teil zwei nimmt durch die erzwungene Verschleppung nach Rio de Oro — der spanischen Kolonie in Westafrika — eine überraschende Wendung und verwandelt den politischen Thriller in etwas, das in seiner kargen Wüstenkulisse fast an klassische Abenteuerprosa erinnert. Teil drei schließlich wird zur Fluchtgeschichte, zur Verfolgungsjagd durch die Wüste, die den Protagonisten bis an seine physischen und psychischen Grenzen bringt.


Diese Struktur funktioniert bemerkenswert gut. Jeder Teil hat eine eigene Stimmung, einen eigenen Rhythmus — und doch verliert das Werk nie den roten Faden. Die Entscheidung, Laurenz nicht nur als ideologisch gefestigten Helden darzustellen, sondern als Menschen, der im Angesicht von Isolation, Gefangenschaft und Erschöpfung über sich hinauswächst, ist dramaturgisch die klügste des gesamten Films.


Historische Substanz


Was Das Licht der schwarzen Kerze von vielen anderen DDR-Produktionen dieser Art abhebt, ist die historische Ernsthaftigkeit. Das Szenario um Tabun ist nicht aus der Luft gegriffen: Das Nervengift wurde tatsächlich in den 1930er-Jahren von deutschen Chemikern unter Gerhard Schrader bei IG Farben entwickelt, und die Frage, ob und wo es eingesetzt werden würde, beschäftigte die Geheimdienste mehrerer Länder. Die Einbettung dieses realen Geheimnisses in die Kulisse des Spanischen Bürgerkriegs und der Legion Condor verleiht der Geschichte eine Glaubwürdigkeit, die rein fiktionale Agentenstoffe selten erreichen.


Freilich darf man nicht vergessen, in welchem gesellschaftlichen Kontext der Film entstand. Die antifaschistische Grundhaltung ist nicht nur narrativer Hintergrund, sondern ideologisches Fundament — und das merkt man der Zeichnung mancher Figuren an. Der Feind ist Feind, der Kundschafter ist Held, die moralischen Koordinaten sind klar verteilt. Wer die Zwischentöne eines John le Carré sucht, wird sie hier nicht in ihrer ganzen Tiefe finden. Und doch ist das Werk klüger, als es auf den ersten Blick scheint: Laurenz ist kein Superheld, sondern ein Mensch, der zweifelt, der Fehler macht und der trotzdem — oder gerade deshalb — glaubwürdig bleibt.


Schauspieler und Inszenierung


Die darstellerischen Leistungen tragen das Werk. Der Hauptdarsteller überzeugt in der schwierigen Doppelrolle eines Mannes, der nach außen als überzeugter Nationalist auftritt und nach innen seine eigentliche Identität schützen muss — eine Gratwanderung, die mit sparsamen Mitteln und ohne Hysterie bewältigt wird. Die Nebenrollen sind ebenfalls sorgfältig besetzt, und auch die Figuren aus dem Lager der Antagonisten besitzen zumindest Konturen, die über das Klischee hinausgehen.


Regisseur Horst E. Brandt gelingt es, aus den begrenzten Produktionsmitteln das Maximum herauszuholen. Die Westafrika-Sequenzen — optisch das Aufregendste des gesamten Dreiteilers — erzeugen durch die karge Wüstenlandschaft eine beklemmende Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Dass hier überhaupt Außendrehs in einer so außergewöhnlichen Kulisse realisiert wurden, ist für eine DDR-Fernsehproduktion der frühen 1980er-Jahre bemerkenswert.


Bild- und Tonqualität der DVD-Box


Die 3-DVD-Box von One Gate Media präsentiert den Dreiteiler in der für historische DDR-Archivmaterialien üblichen Qualität. Das Bild ist weitgehend stabil, zeigt aber erwartungsgemäß die Zeichen seiner Zeit: leichtes Rauschen, gelegentliche Farbschwankungen und die charakteristische Weichzeichnung analoger Videotechnik der frühen 1980er-Jahre. Eine digitale Restaurierung hat offensichtlich nicht stattgefunden — was Puristen befriedigend finden mögen, Neulinge aber mitunter irritieren könnte.


Der Ton ist mono und klar verständlich, wenngleich ohne den Raumklang, den moderne Produktionen selbstverständlich bieten. Untertitel sind leider nicht vorhanden. Für eine Neuveröffentlichung wäre dies ein wünschenswertes Merkmal gewesen, zumal das Werk damit auch für hörgeschädigte Zuschauer zugänglich geworden wäre.


Das Bonusmaterial: »Sprungbrett«


Dem Hauptwerk beigefügt ist ein rund 15-minütiger Ausschnitt aus der DDR-Unterhaltungssendung Sprungbrett von 1987, in dem Wolfgang Dehler — der Darsteller der Figur Otto Holz — als Stargast auftritt. Dieser Clip ist ein nettes zeithistorisches Dokument, das Einblick in den DDR-Unterhaltungskontext des Films gibt und Dehler als Persönlichkeit jenseits der Rolle zeigt. Als echter Mehrwert für den heutigen Zuschauer ist das Segment allerdings begrenzt: Es ersetzt weder ein Making-of noch einen Audiokommentar, noch bietet es historische Einordnung des Films. Wer gehofft hat, durch das Bonusmaterial mehr über die Entstehungsgeschichte, die Außendrehs oder die Buchvorlage zu erfahren, wird leider enttäuscht.


Dass One Gate Media kein schriftliches Begleitheft beifügt, ist ein weiteres Manko. Gerade bei einem so historisch voraussetzungsreichen Stoff wie diesem — Spanischer Bürgerkrieg, Legion Condor, Nervengas, IG Farben — hätte ein informativer Booklet-Text die Rezeption erheblich bereichert.


Fazit


Das Licht der schwarzen Kerze ist ein Werk, das seinen Platz in der Geschichte des deutschsprachigen Fernsehens verdient — und dessen Wiederveröffentlichung durch One Gate Media deshalb ausdrücklich zu begrüßen ist. Der Dreiteiler vereint politische Substanz, erzählerische Spannung und schauspielerische Qualität auf eine Weise, die für seine Zeit außergewöhnlich ist. Die historische Verortung im Spanischen Bürgerkrieg und das Sujet um das Nervengas Tabun verleihen ihm eine Ernsthaftigkeit, die weit über konventionelle Agentenkost hinausgeht.


Die ideologische Eindimensionalität, die man dem DDR-Fernsehen der frühen 1980er-Jahre nun einmal als Systemmerkmal zugestehen muss, ist vorhanden, trübt den Genuss aber weniger, als man erwarten würde — denn das Abenteuerliche, das Menschliche, das Spannungshandwerk überwiegen. Die DVD-Box selbst ist technisch solide, wenn auch ohne den Ehrgeiz einer aufwendigen Restaurierung oder eines editorischen Mehrwerts durch umfangreiches Bonusmaterial.


Wer einen gedankenreichen, historisch fundierten und atmosphärisch dichten Thriller aus dem DDR-Fernsehen sucht, wird mit Das Licht der schwarzen Kerze bestens bedient. Für Freunde des Genres, Liebhaber der DDR-Fernsehgeschichte und alle, die sich für die Epoche des Spanischen Bürgerkriegs interessieren, ist diese Box eine klare Empfehlung.


Empfohlen für: Fans des DDR-Fernsehens, Liebhaber historischer Polit-Thriller, Interessierte am Spanischen Bürgerkrieg und der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs.