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Es gibt Kochbücher, die man durchblättert, und es gibt Kochbücher, die man liest. Dirty Bistro von Max Strohe gehört klar zur zweiten Kategorie. Der Berliner Koch, SPIEGEL-Kolumnist und TV-Bekannte legt mit diesem Debütband kein gewöhnliches Rezeptbuch vor, sondern etwas, das sich schwer in eine Schublade stecken lässt – und das ist eindeutig als Kompliment gemeint. Erschienen im DK Verlag, verbindet Dirty Bistro kulinarischen Eigensinn mit persönlicher Haltung, Soulfood-Energie mit handwerklicher Ernsthaftigkeit, und das alles in einem Ton, der so unverwechselbar ist wie die Gerichte selbst.


Max Strohe ist eine der interessanteren Figuren der deutschen Gastronomieszene. Sein Dirty Bistro in Berlin hat Kultstatus, seine Kolumnen werden gelesen, weil sie nicht nur über Essen handeln, sondern über das Leben, das dahintersteckt. Diesen Anspruch bringt er in sein Debütbuch mit. Wer hier eine ordentlich sortierte Rezeptsammlung mit netten Fotos erwartet, wird überrascht sein – angenehm überrascht, aber überrascht. Strohe schreibt, als würde er am Tresen lehnen und jemandem erzählen, wie er auf ein bestimmtes Gericht gekommen ist: wortgewandt, direkt, mit Humor und ohne die geringste Neigung zur Selbstgefälligkeit. Die Texte zwischen den Rezepten sind kein Füllmaterial, sondern eigenständige Leseerlebnisse, die Geschichten über Genuss, Kreativität, Scheitern und die Schönheit des Unvollkommenen erzählen.


Die Rezepte selbst decken eine Bandbreite ab, die den Dirty-Bistro-Geist treffend einfängt. Nussbutter-Lauch mit Haselnuss-Mayonnaise und frittierten Kapern steht neben einer klassischen Bouillabaisse, ein Chicken Caesar neben einem Choux Paris Brest – mal rebellisch kombiniert, mal klassisch veredelt, immer mit einer Kühnheit im Zugriff, die man entweder liebt oder die einem zu weit geht. Letzteres dürfte aber die Ausnahme sein. Strohe hat ein feines Gespür dafür, wann ein Gericht Mut braucht und wann es Zurückhaltung verlangt, und er setzt beides mit einer Selbstverständlichkeit ein, die zeigt, dass hier jemand schreibt, der wirklich kocht – und nicht nur darüber spricht. Comfort Food in Reinform, nennt er es selbst, und das trifft es gut: Es sind Gerichte, die überraschen können, aber nie um des Überraschens willen. Sie wecken Erinnerungen, verführen die Sinne und haben diesen seltenen Qualität, dass man beim Lesen der Anleitungen bereits weiß, wie das Ergebnis schmecken wird.


Was die Rezepte angeht, sollte man ehrlicherweise festhalten: Dirty Bistro ist kein Einsteigerbuch. Wer zum ersten Mal einen Roux ansetzt oder noch nie eine Bouillabaisse zubereitet hat, wird an manchen Stellen etwas mehr Vorkenntnisse mitbringen müssen, als der lockere Ton des Buches zunächst vermuten lässt. Das ist jedoch kein Kritikpunkt, sondern eine Einordnung. Strohe schreibt für Menschen, die Kochen ernst nehmen – nicht zwingend professionell, aber mit echtem Interesse. Wer das mitbringt, wird die Anleitungen klar, präzise und gut umsetzbar finden. Die Rezepte sind handwerklich solide ausgearbeitet, und der Mut zur Imperfektion, den Strohe in seinen Texten propagiert, macht das Nachkochen zu einer einladenden, nicht einschüchternden Erfahrung.


Die Aufmachung des Bandes ist, wie man es von DK kennt, hochwertig. Das Layout atmet dieselbe Energie wie der Inhalt: lebendig, nicht überladen, mit Fotografien, die Appetit machen ohne zu stylen, bis kein Leben mehr im Bild ist. Das passt zu Strohe, der in Hochglanz-Perfektion erkennbar keine besondere Freude findet. Das Buch sieht aus wie jemand, der gerade aus der Küche kommt – gut aussehend, aber nicht frisiert.


Fazit: 

Dirty Bistro ist eines der eigenwilligsten und ehrlichsten Kochbücher, die der deutsche Markt in letzter Zeit hervorgebracht hat. Max Strohe liefert keinen braven Rezeptband, sondern eine kulinarische Haltung – laut, leidenschaftlich, mit Geschichten, die man lesen will, und Gerichten, die man kochen will. Für alle, die beim Kochen mehr suchen als eine Anleitung, und die bereit sind, sich auf eine Küche einzulassen, die Emotion als Zutat begreift, ist das hier ein absolutes Muss. Rock'n'Roll für den Gaumen, in Buchform.