Es gibt Geschichten im Superhelden-Genre, die sich mit dem begnügen, was das Genre am besten kann: Spektakel, Action, ikonische Konfrontationen. Und dann gibt es Geschichten, die das Genre als Vehikel nutzen, um etwas Tieferes zu verhandeln – Fragen nach Pflicht, Moral, Loyalität und dem Konflikt zwischen verschiedenen Rechtssystemen, die alle für sich Gültigkeit beanspruchen. Hiketeia gehört zur zweiten Kategorie, und das macht diesen Band zu einem der interessantesten und ungewöhnlichsten DC-Graphic-Novels der letzten Jahrzehnte. Dass er nun im Rahmen der Must-Have-Reihe bei Panini einem neuen Publikum zugänglich gemacht wird, ist eine ausgezeichnete Entscheidung – denn diese Geschichte hat den Staub der Jahre nicht angesetzt.
Der Titel verweist auf ein antikes griechisches Schutzritual: die Hiketeia, ein Akt der Schutzflehung, bei dem ein Bittender sich unter den Schutz einer höhergestellten Person begibt und diese damit in eine unauflösliche moralische Verpflichtung nimmt. Wer Hiketeia gewährt, muss den Schutzbefohlenen verteidigen – koste es, was es wolle. Greg Rucka, einer der klügsten und einfühlsamsten Autoren, die das amerikanische Superhelden-Comic je hervorgebracht hat, nutzt dieses uralte Konzept als Ausgangspunkt für eine Geschichte, die Wonder Woman auf eine Weise herausfordert, die kein Schurke je könnte: durch ihre eigenen Werte, ihre eigene Herkunft und die unerbittliche Logik eines Versprechens, das sie nicht brechen kann.
Die Handlung beginnt mit einer jungen Frau namens Danielle Wellys, die sich in Dianas Residenz flüchtet, das Ritual der Hiketeia vollzieht und damit Dianas Schutz einfordert. Wonder Woman gewährt ihn – und ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Last damit verbunden ist. Denn Danielle ist nicht unschuldig. Sie ist auf der Flucht vor Batman, der sie wegen eines schweren Verbrechens verfolgt. Was folgt, ist ein moralisches Dilemma von klassischer Tragödiendimension: Diana kann Danielle nicht ausliefern, ohne ihren Eid zu brechen und damit die Göttinnen der Rache auf sich zu ziehen. Aber sie kann Batman auch nicht dauerhaft aufhalten, ohne in offenen Konflikt mit einem Verbündeten zu treten, der in seinem Recht ist. Es gibt keinen Ausweg, der nicht mit einem Verlust verbunden ist – und genau das ist die Stärke dieser Geschichte.
Rucka versteht Wonder Woman wie kaum ein anderer Autor. Er schreibt sie nicht als weibliche Variante eines männlichen Superhelden, sondern als das, was sie ist: eine Prinzessin und Kriegerin, die aus einer Kultur stammt, in der Ehre, Pflicht und das Wort eines Versprechens keine abstrakten Konzepte sind, sondern gelebte Realität mit realen Konsequenzen. Diese kulturelle Verwurzelung ist der Schlüssel zur Geschichte. Dianas Entscheidung, die Hiketeia zu gewähren, ist keine Naivität – sie ist Konsequenz. Und ihre Bereitschaft, diese Konsequenz bis zum Ende zu tragen, macht sie zur tragischen Heldin in einem klassischen Sinne, der dem amerikanischen Superhelden-Comic selten so gut steht.
Batman funktioniert in dieser Geschichte als Gegengewicht und als Folie. Er ist nicht der Antagonist im eigentlichen Sinne – er hat Recht, Danielle zu verfolgen, sein Anliegen ist legitim, und Rucka gibt ihm genug Würde, um ihn nicht zum bloßen Hindernis zu degradieren. Aber er repräsentiert ein Rechtssystem, einen moralischen Rahmen, der mit Dianas antikem Ehrenkodex schlicht inkompatibel ist. Beide haben Recht. Beide können nicht nachgeben. Und genau diese Unmöglichkeit eines Kompromisses ist das eigentliche Drama. Die Szene, in der Batman buchstäblich zu Dianas Füßen liegt – ein Bild von ikonischer Umkehrung der üblichen Kräfteverhältnisse im DC-Universum – ist eines der stärksten visuellen Statements, die der Band zu bieten hat, und J. G. Jones setzt es mit einer Selbstverständlichkeit um, die zeigt, wie sehr Text und Zeichnung hier Hand in Hand arbeiten.
J. G. Jones ist eine Klasse für sich. Sein Stil verbindet eine malerische Qualität mit narrativer Präzision, die für das Medium Comic alles andere als selbstverständlich ist. Die Figuren haben Gewicht und Körperlichkeit, die Hintergründe sind durchgearbeitet ohne den Blick zu überlasten, und die emotionalen Momente – und davon gibt es viele – werden mit einer Zurückhaltung inszeniert, die mehr sagt als ausgedehnte Actionsequenzen je könnten. Besonders die Rückblenden, die Danielles Geschichte erzählen, sind zeichnerisch von einer Dichte und Wärme, die den Leser in eine emotionale Verbindung zu einer Figur zwingt, deren Taten eigentlich keine Sympathie verdienen. Das ist kein kleines Kunststück.
Die Rahmung durch die Erinyen, die Göttinnen der Rache aus der griechischen Mythologie, verleiht dem Band eine weitere Dimension. Sie sind keine Bösewichte, sondern Kräfte einer kosmischen Ordnung, die ebenfalls ihre eigene Logik hat – eine Logik, die mit menschlichem Mitgefühl so wenig kompatibel ist wie Marmor mit Wärme. Rucka nutzt sie, um die thematische Spannung des Bandes zu verstärken: Alte Ordnungen und neue Welt, antike Pflicht und moderne Gerechtigkeit, das Unwandelbare und das Menschliche. Dass all diese Ebenen in einer Geschichte von überschaubarem Umfang ohne Überforderung zusammenkommen, ist das Verdienst eines Autors, der weiß, wie man Komplexität destilliert.
Die Must-Have-Aufmachung bei Panini tut dem Band gut. Hochwertig produziert, mit sauberer Übersetzung und einem Format, das Jones' Artwork den Raum gibt, den es verdient, ist dies die ideale Ausgabe für alle, die Hiketeia noch nicht kennen – und eine würdige Neuauflage für alle, die sie kennen und schätzen. Die Tatsache, dass der Band in sich vollständig und ohne Vorkenntnisse zugänglich ist, macht ihn zu einem idealen Einstieg für Leser, die Wonder Woman bislang nur flüchtig kennen.
Fazit:
Hiketeia ist ein Meisterwerk des Superhelden-Comics – thematisch anspruchsvoll, zeichnerisch makellos und mit einer emotionalen Konsequenz ausgestattet, die lange nachhallt. Greg Rucka liefert eine Wonder Woman, die dem Charakter vollständig gerecht wird, und J. G. Jones setzt diese Geschichte in Bilder, die sich einprägen. Wer glaubt, das Superhelden-Genre sei nicht zu tiefer Tragödie fähig, wird hier eines Besseren belehrt. Ein absolutes Muss – nicht nur für DC-Fans, sondern für alle, die das Comic-Medium in seiner erzählerischen Reife erleben möchten.