Der Film
Häusliche Gewalt, ein toter Exmann, eine Frau auf der Anklagebank – und die bange Frage, ob die Wahrheit jemals vollständig ans Licht kommt. Noch war es Nacht ist das zweite Spielfilmprojekt des italienischen Regisseurs Leonardo D'Agostini und basiert auf dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Antonella Lattanzi, der bereits 2017 erschien – just in dem Jahr, in dem die #MeToo-Debatte die Welt erschütterte. Kein Zufall, denn das Thema des Films ist hochaktuell: die unsichtbaren Narben, die jahrelange Gewalt in einer Familie hinterlässt, und die Frage, wie weit ein Mensch getrieben werden muss, bis er zurückschlägt.
Im Mittelpunkt steht Carla, gespielt von Laetitia Casta – Mutter dreier Kinder, die nach einer langen, von Gewalt und Eifersucht zerstörten Ehe endlich den Absprung geschafft hat. Ihr Exmann Vito lebt sein eigenes Leben, die Kinder pendeln zwischen den Elternteilen. Als Vito eines Nachts spurlos verschwindet und kurz darauf tot aufgefunden wird, gerät Carla sofort ins Visier der Ermittler. Sie gibt an, in Notwehr gehandelt zu haben. Aber stimmte das wirklich so? Oder steckt hinter allem ein sorgfältig eingefädelter Plan – ein kühler Akt später Rache, sorgfältig vorbereitet und auf den richtigen Moment gewartet?
Genau diese Frage hält den Film über weite Strecken in Atem. D'Agostini baut bewusst auf Ambiguität: Carla bleibt schwer zu greifen, weder eindeutige Täterin noch unzweideutiges Opfer. Der Zuschauer wird in einer permanenten moralischen Grauzone gehalten, was dem Film eine Spannung verleiht, die rein konstruierte Thriller dieser Art selten erreichen.
Inszenierung & Darstellung
D'Agostini hat ein sicheres Auge für Bilder und inszeniert seinen Film mit kühler Präzision. Die Kameraarbeit von Michele Paradisi verleiht dem Film eine unaufgeregte, fast dokumentarische Qualität, die dem ernsten Stoff gut zu Gesicht steht. Rom – wo der Film entstand – tritt dabei nicht als pittoreske Kulisse in Erscheinung, sondern als beiläufige, fast nüchterne Alltagsstadt, was die Erdung der Geschichte zusätzlich unterstreicht.
Laetitia Casta trägt den Film mit einer Intensität, die überrascht. Das Supermodel, das man vor allem von Magazintiteln und Modenschauen kennt, liefert hier eine nuancierte, körperlich präsente Leistung ab – ein Blick, der Erschöpfung und Entschlossenheit zugleich ausdrückt, ein Gesicht, das vieles zu verbergen und noch mehr erlitten zu haben scheint. Ihr zur Seite steht Andrea Carpenzano als Nicola, der älteste Sohn, der zwischen Loyalität zum toten Vater und instinktivem Schutzreflex für die Mutter hin- und hergerissen wird. Carpenzano ist eine der stärksten Entdeckungen des neueren italienischen Kinos und verleiht dem Film in seinen besten Momenten echte emotionale Tiefe. Lea Gavino überzeugt als verängstigte Tochter Rosa, die sich in die Obhut der Vaterfamilie zurückzieht – ein stilles, berührendes Gegengewicht zur aufgeladenen Gerichtsatmosphäre.
Stärken & Schwächen
Wo der Film seine stärksten Momente hat, ist im Kleinen: in den Blicken zwischen Mutter und Sohn, in den halbausgesprochenen Vorwürfen, in der bedrückenden Stille einer Familie, die seit Jahren unter der Last des Verschwiegenen leidet. D'Agostini gelingt es, die toxischen Nachwirkungen häuslicher Gewalt auf ein ganzes Familiengefüge spürbar zu machen, ohne dabei in Betroffenheitskitsch abzugleiten.
Die Schwäche des Films liegt in seiner strukturellen Zerrissenheit. Er versucht gleichzeitig Film noir, Gerichtsthriller und soziologisches Drama zu sein – und schafft es nicht immer, diese drei Ebenen zu einem stimmigen Ganzen zu verbinden. Manche Nebenfiguren, allen voran die Staatsanwältin, wirken überzeichnet und reißen den Zuschauer aus der ansonsten realistisch gezeichneten Welt des Films heraus. Und der finale Twist – der die moralische Frage rund um Carlas Schuld oder Unschuld nochmals auf den Kopf stellen soll – polarisiert: Manche werden ihn als mutig empfinden, andere als billigen Schachzug, der dem bis dahin ehrlichen Ton des Films zuwiderläuft.
Mit rund 101 Minuten ist der Film nicht überlang, aber er hätte von etwas mehr Mut zur erzählerischen Konzentration profitiert. Gerade im Mittelteil verliert die Handlung an Fahrt, bevor sie in der Schlussphase wieder anzieht.
Die Blu-ray (Busch Media Group)
Die Busch Media Group veröffentlicht den Film im schlichten Keep Case, aufgewertet durch ein Wendecover, das das FSK-Logo verbirgt – eine für Sammler wie selbstverständlich willkommene Option. Technisch präsentiert sich die Scheibe ordentlich: Das Bild liegt in 1080p vor und gibt den kühlen, entsättigten Look des Films angemessen wieder. Auf der Tonseite stehen sowohl die deutsche Synchronfassung als auch das italienische Original in DTS-HD Master Audio 5.1 zur Verfügung. Letzteres ist klar die empfehlenswertere Wahl – Casta und Carpenzano verleihen ihren Figuren im Original eine Unmittelbarkeit, die die Synchronisation naturgemäß nicht vollständig einfangen kann. Deutsche Untertitel sind ebenfalls vorhanden.
Das Bonusmaterial beschränkt sich auf den Originaltrailer sowie eine Trailershow. Weiterführende Hintergrundinformationen zum Film, zum literarischen Ursprungsmaterial oder zu den Darstellern sucht man vergeblich. Für eine thematisch so gewichtige Vorlage, die obendrein auf einem bekannten Bestseller basiert, ist das eine vertane Chance. Angesichts des Preispunkts ist es aber verschmerzbar.
Fazit
Noch war es Nacht ist ein ambitionierter, gut gespielter Thriller, der wichtige Fragen stellt und sie bewusst nicht leichtfertig beantwortet. Laetitia Casta und Andrea Carpenzano tragen den Film mit überzeugender Stärke, D'Agostinis Inszenierung ist kompetent und gelegentlich sogar bemerkenswert eindringlich. Dass der Film zwischen seinen verschiedenen Genre-Ambitionen nicht immer den richtigen Weg findet und sein letzter Akt die sorgfältig aufgebaute Spannung teilweise wieder verspielt, verhindert den großen Wurf.
Für Fans anspruchsvoller europäischer Kriminal- und Justizdramen ist die Blu-ray der Busch Media Group dennoch eine lohnenswerte Anschaffung – zumal der Film in Originalsprache deutlich stärker wirkt, als es die Synchronfassung vermuten lässt.
Noch war es Nacht | Italien 2024 | Originaltitel: Una storia nera | Regie: Leonardo D'Agostini | Mit: Laetitia Casta, Andrea Carpenzano, Cristiana Dell'Anna, Lea Gavino, Giordano De Plano | FSK 12 | Blu-ray: Busch Media Group / Alive AG | Erschienen: 16. April 2026