Das Invincible-Universum endlich im Spiel
Es hat lange gedauert — zu lange, würden viele Fans sagen. Robert Kirkmans Invincible, die Comic-Reihe, die gemeinsam mit Cory Walker und Ryan Ottley 15 Jahre lang bei Image Comics lief und in 146 Ausgaben zu einem der bedeutendsten Superhelden-Comics überhaupt wurde, hatte bis heute kein ernstzunehmendes Videospiel. Die Amazon-Animationsserie hat das Universum einem weltweiten Publikum erschlossen. Jetzt ist Invincible VS da — und es ist tatsächlich gut.
Entwickler mit Fighting-Game-DNA
Hinter Invincible VS steckt Quarter Up, das erste eigene Entwicklerstudio von Skybound Games, gegründet von ehemaligen Kernmitgliedern des Killer Instinct (2013)-Teams. Wer mit Killer Instinct aufgewachsen ist, weiß, was das bedeutet: tiefe Mechaniken, knackiges Kampfgefühl, ein Spiel, das sowohl Gelegenheitsspieler abholt als auch kompetitive Kämpfer begeistert. Genau das ist das Versprechen — und es wird zum größten Teil eingehalten.
Spielmechanik: Das Omni-Tag-System
Das Herzstück des Spiels ist das 3v3-Tag-System. Drei Charaktere bilden ein Team, zwischen denen jederzeit gewechselt werden kann. Der sogenannte Active Tag erlaubt es, mitten in einer Kombo den Charakter zu wechseln und die Angriffskette nahtlos fortzusetzen — ein aus Marvel vs. Capcom bekannter, aber hier eigenständig weiterentwickelter Ansatz. Der Counter Tag wiederum erlaubt es, während eines gegnerischen Active Tags zu entkommen — das eröffnet eine taktische Ebene, die das Spiel weit über simples Knopfhämmern hinaushebt.
Die Angriffssystematik folgt dem klassischen Dreiklang aus leichten, mittleren und schweren Attacken, ergänzt durch charakterspezifische Specials, verheerende Super-Moves und Ultimate-Finisher, bei denen Köpfe explodieren und ganze Körper atomisiert werden. Das Spiel nimmt die Brutalität des Ausgangsmaterials ernst — im besten Sinne.
Die Zugänglichkeit ist bemerkenswert. Im Gegensatz zu vielen modernen Prügelspielen ist Invincible VS auch ohne jahrelange Fighting-Game-Erfahrung sofort spielbar. Das Comeback-Potenzial und die Lesbarkeit der Kämpfe sind durchweg hoch. Gleichzeitig bietet das System genug Tiefe für erfahrene Spieler, die in Kombos, Team-Synergien und Frame-Daten abtauchen wollen.
Das Roster: 18 Charaktere zum Launch
Das Basisspiel enthält 18 spielbare Charaktere, alle aus dem Invincible-Universum bekannt:
Mark Grayson (Invincible), Omni-Man, Atom Eve, Battle Beast, Conquest, Anissa, Allen the Alien, Rex Splode, Robot, Monster Girl, Dupli-Kate, Bulletproof, Cecil, Titan, Powerplex, Lucan, Thula — und Ella Mental, ein komplett originaler Charakter, der in Zusammenarbeit mit Kirkman und Walker für das Spiel entwickelt wurde und von Rapperin Tierra Whack gesprochen wird.
Vier weitere Charaktere folgen über den Year 1 Character Pass als DLC, darunter Universa und The Immortal, die für Sommer 2026 angekündigt sind.
Kritiker bemängeln, dass 18 Charaktere für ein 3v3-Spiel etwas mager ist — insbesondere, da sich ein Großteil des Rosters aus Viltrumites zusammensetzt, was die Spielstil-Vielfalt einschränkt. Drei bis vier echte Archetypen bei 18 Kämpfern sind tatsächlich ein schwacher Punkt, der im Spielverlauf spürbar wird.
Stimmen & Präsentation
Mehrere Sprecher der Amazon-Animationsserie kehren zurück. J.K. Simmons gibt erneut Omni-Man seine unverwechselbare Stimme, Gillian Jacobs spricht Atom Eve. Aleks Le als Invincible wird in Kritiken ausdrücklich gelobt — er kommt dem Original-Sprecher Stephen Yeun erstaunlich nah.
Das Spiel sieht aus wie eine spielbare Episode der Serie: Charakterdesigns, Schauplätze, Referenzen, Easter Eggs — Quarter Up hat offensichtlich als echte Fans der Vorlage gearbeitet. Die Liebe zum Ausgangsmaterial ist in jedem Detail spürbar.
Spielmodi
Invincible VS bietet zum Launch folgende Modi:
Story Mode, Arcade Mode, Training Mode, lokaler Versus-Modus sowie Online-Multiplayer mit Rollback-Netcode. Cross-Play zwischen PS5, Xbox Series X/S und PC ist vollständig unterstützt — ein wichtiger Faktor für die Langlebigkeit der Online-Community.
Der schwächste Punkt: Der Story Mode
Einigkeit besteht unter Kritikern vor allem in einem Punkt: Der Story Mode enttäuscht. Die ursprüngliche Handlung spielt irgendwo in der Timeline der Serie und dauert — je nach Spielweise — rund 90 Minuten. Das entspricht in etwa einer Serienfolge, was konzeptionell reizvoll ist, inhaltlich aber zu wenig Substanz bietet. Wer nach einem vollwertigen narrativen Erlebnis à la Mortal Kombat sucht, wird hier nicht fündig.
Die Produktion des Story Modes zeigt zudem einige Schwächen: sichtbare Artefakte in vorgerenderten Videos, sprunghafte Framerate-Wechsel zwischen verschiedenen Präsentationsstilen. Was an sich kreativ klingen mag, wirkt in der Praxis eher inkonsistent und reißt aus dem Spielfluss heraus.
Die Arcade-Modi bieten immerhin charakter-spezifische Abschlusssequenzen, die das Invincible-typische Blutbad besser einfangen als der Story Mode — und letztlich mehr erzählerischen Biss haben.
Fazit
Invincible VS ist ein solider bis richtig guter Tag-Team-Fighter, der das Beste aus seinem Ausgangsmaterial herausholt: Brutalität, Charme, Fanservice und ein mechanisch sauberes Kampfsystem mit echtem Tiefgang. Die Killer-Instinct-DNA der Entwickler ist spürbar — und das ist ein Kompliment. Das Spiel weiß, was es sein will, und es ist es mit Überzeugung.
Die Schwächen sind real: Der Story Mode ist zu kurz und uneben, der Roster zu Teilen zu homogen, das Angebot für Einzelspieler außerhalb des Online-Betriebs dünn. Für Fans des Invincible-Universums und Liebhaber von Prügelspielen ist es dennoch ein klares Kaufargument — insbesondere mit dem starken Netcode und dem Cross-Play als Fundament für eine aktive Community.
Wer beide Welten — Invincible und Fighting Games — liebt, hat hier sein Spiel des Frühjahrs 2026.