Sweet and Lowdown (1999)
Regie: Woody Allen | DVD: One Gate Media
Es gibt Filme, die sich einer eindeutigen Einordnung verweigern – die zu komisch sind, um als Drama zu gelten, und zu traurig, um als Komödie durchzugehen. Woody Allens Sweet and Lowdown aus dem Jahr 1999 gehört zu diesen seltenen Werken, die irgendwo in dem bittersüßen Niemandsland zwischen Lachen und Melancholie angesiedelt sind, das der Altmeister des New Yorker Kinos wie kein zweiter zu kartografieren versteht. Dass der Film nun durch One Gate Media auf DVD erhältlich ist, gibt Anlass, dieses oft unterschätzte Juwel aus Allens umfangreichem Œuvre neu zu entdecken und zu würdigen.
Emmett Ray und der Jazz der Dreißiger
Der Film spielt in der amerikanischen Jazzwelt der 1930er Jahre und folgt dem fiktiven Gitarristen Emmett Ray, der sich selbst unerschütterlich für den zweitbesten Jazzgitarristen der Welt hält – gleich nach Django Reinhardt, dem einzigen Musiker, bei dessen bloßem Anblick Emmett in Ohnmacht fällt. Diese Prämisse ist sowohl komisch als auch psychologisch präzise: Emmett hat die Größe seines eigenen Talents erkannt, aber auch seine unüberwindliche Grenze. Django ist sein Gott und sein Fluch zugleich, die ewige Erinnerung daran, dass Genialität allein nicht vor dem Bewusstsein der eigenen Zweitrangigkeit schützt.
Allen inszeniert seinen Film als Mockumentary, unterbrochen von Talking-Head-Interviews mit fiktiven Jazzexperten und Zeitzeugen, die sich an Emmett Ray erinnern – widersprüchlich, nostalgisch, fasziniert. Dieses Stilmittel verleiht dem Film eine eigentümliche Distanz, die gleichzeitig entlarvend und liebevoll ist. Emmett wird nie vollständig verurteilt, aber auch nie vollständig entschuldigt. Er ist Trinker, Schürzenjäger, Spielsüchtiger, chronischer Narzisst – und dennoch, wenn er die Gitarre in die Hand nimmt, entsteht etwas Unbestreitbar Schönes. Allen besteht darauf, dass beides wahr sein kann, dass Kunst und Charakter keine kommunizierenden Röhren sind.
Die Jazzmusik selbst – eingespielt von dem Gitarristen Howard Alden, dessen Hände in den Nahaufnahmen für Sean Penn zu sehen sind – ist keine Dekoration, sondern das emotionale Herz des Films. Allen, selbst passionierter Klarinettist und glühender Jazzkenner, behandelt die Musik mit dem Respekt und der Sachkenntnis eines Eingeweihten. Die Nummern, die Emmett in verrauchten Clubs, auf Parkbänken oder einsamen Bahnhöfen spielt, erzählen mehr über seine innere Verfassung als jede Szene des Films.
Sean Penn: Exzentrik als Hochseilakt
In der Titelrolle liefert Sean Penn eine Leistung ab, die zurecht Oscar-nominiert wurde – er gewann in jenem Jahr nicht, eine Entscheidung, über die man trefflich streiten kann. Penn spielt Emmett Ray als eine Figur, die in ihrer Selbstbezogenheit so vollständig ist, dass sie an Autismus grenzt: nicht im klinischen Sinne, aber in dem Sinne, dass Emmetts Bewusstsein für andere Menschen immer gefiltert wird durch die Frage, was sie für sein eigenes Seelenleben bedeuten. Er hört anderen nicht zu, er beobachtet sie. Er liebt nicht, er besetzt.
Was Penn dabei gelingt, ist das Kunststück, diese Figur nicht unsympathisch werden zu lassen, zumindest nicht dauerhaft. Emmetts Naivität hat etwas Entwaffnendes. Wenn er sich in einem Gespräch über seine eigene Größe verliert, wirkt er nicht arrogant im kalkulierten Sinne, sondern fast kindlich – wie jemand, der schlicht keine andere Sprache gelernt hat. Die Momente echter Verletzlichkeit, wenn die Musik aufhört und der Lärm im Kopf beginnt, sind sparingly gesetzt, aber von beträchtlicher Wucht. Penn spielt diese Brüche mit einer physischen Präzision, die an seine Arbeit in Dead Man Walking erinnert, wenngleich in einem vollkommen anderen Register.
Samantha Morton: Stille als Eloquenz
Die eigentliche Offenbarung des Films ist Samantha Morton als Hattie, das taubstumme Mädchen, das Emmett auf einer Landstraße aufgabelt und in sein turbulentes Leben mitschleppt. Morton spricht keine einzige Zeile – und ist trotzdem in nahezu jeder ihrer Szenen die emotional komplexeste Figur auf der Leinwand. Ihre Performance ist ein Meisterkurs in körperlicher Expressivität: Wie sie Emmetts Selbstinszenierungen mit einem stillen, nicht urteilenden Blick beobachtet, wie ihre Zuneigung langsam wächst und sich in kleinen Gesten artikuliert, wie sie Verletzungen einsteckt ohne zu klagen – das ist Schauspielkunst von hoher Güte, zu Recht mit einer Oscar-Nominierung honoriert.
Die Beziehung zwischen Emmett und Hattie ist das dramatische Zentrum des Films und sein melancholischstes Kapitel. Denn Hattie liebt ihn wirklich – bedingungslos, geduldig, mit einer Ausdauer, die angesichts von Emmetts Verhalten fast schmerzhaft ist. Und Emmett? Er liebt die Idee, geliebt zu werden. Er genießt es, dass jemand dasitzt und ihm zuhört, ihm zuhören muss, ohne Widerworte zu geben. Dass Hattie taubstumm ist, ist Allens doppeldeutiger Kommentar: der perfekte Zuhörer für einen Mann, der im Grunde immer nur Monologe führt.
Uma Thurman und das Ensemble
Als Gegenentwurf zu Hattie fungiert Blanche, gespielt von Uma Thurman, die Emmett in einer zweiten Lebensphase begegnet. Thurman spielt eine gebildete, eloquente, selbstbewusste Frau, die Emmett intellektuell herausfordert und ihn mit einer Welt konfrontiert, in der er nicht der Mittelpunkt ist. Thurman bringt ihrem Part eine angenehme Leichtigkeit mit, ohne die Figur zu verniedlichen – Blanche ist keineswegs die bessere Wahl für Emmett, nur die kompliziertere.
Das Ensemble des Films ist, wie der Pressetext richtigerweise betont, bis in die Nebenrollen außergewöhnlich sorgfältig besetzt. Gretchen Mol tritt als eine frühere Flamme Emmetts auf und verleiht einer kurzen Szene eine Wärme, die länger nachhallt, als die Laufzeit vermuten lässt. Tony Darrow, ein Veteran des Allen-Kosmos, liefert als Hinterwäldler-Gauner jene trocken-komödiantische Energie, für die er bekannt ist. Besonders vergnüglich ist John Waters in einem kurzen Cameo-Auftritt – der Kultregisseur von Cry-Baby und Hairspray, hier selbst vor der Kamera, bringt eine leise Ironie mit, die perfekt zum Gesamtton des Films passt. Woody Allen selbst tritt als einer der Talking-Head-Experten auf, diskret und mit der für ihn typischen selbstironischen Understatement-Energie.
Inszenierung und Ausstattung
Kameramann Zhao Fei, der für Allen auch Celebrity fotografierte, taucht den Film in ein warmes, leicht entsättigtes Licht, das an Fotografien aus den 1930er Jahren erinnert, ohne aufdringlich nostalgisch zu wirken. Die Ausstattung evoziert das Amerika der Weltwirtschaftskrise mit den richtigen Details – Blechdächer, Neonlichter, Schiebermützen, Jalousiestreifen in verrauchten Hinterzimmern – ohne zum Kostümfilm zu werden. Allen interessiert sich nicht für historische Rekonstruktion, sondern für das emotionale Klima einer Epoche, und das trifft er mit Sicherheit.
Die DVD von One Gate Media
Die neue DVD-Veröffentlichung von One Gate Media macht Sweet and Lowdown einem neuen Publikum zugänglich, das diesen Film im Strom des Allen'schen Œuvres vielleicht übersehen hat. Das Bild ist sauber, der Ton tut der Jazzmusik Gerechtigkeit – was bei einem Film, dessen emotionale Sprache so fundamental auf Gitarrenklang beruht, keine Kleinigkeit ist. Sweet and Lowdown ist kein Film für einen flüchtigen Abend, aber für einen, an dem man bereit ist, sich von einer Musik tragen zu lassen, die schöner ist als die Menschen, die sie spielen.