Hinter jeder Maske verbirgt sich ein Mensch, hinter jedem Gesicht eine Geschichte. Doch was geschieht, wenn jemand sein ganzes Leben damit verbringt, andere Menschen darzustellen und dabei zunehmend die eigene Persönlichkeit zu verlieren droht? Mit „Der Mann mit den 1000 Gesichtern“ widmet sich Regisseur Joseph Pevney einem außergewöhnlichen Künstler, dessen Name untrennbar mit der großen Zeit des Stummfilms verbunden ist. Das bewegende Hollywood-Porträt erzählt die Lebensgeschichte des legendären Schauspielers und Verwandlungskünstlers Lon Chaney, der mit seinen außergewöhnlichen Masken und Darstellungen Filmgeschichte schrieb. One Gate Media veröffentlicht den Film nun erstmals in Deutschland auf DVD und ermöglicht damit die Wiederentdeckung eines sehenswerten Klassikers mit Oscar-Preisträger James Cagney in der Hauptrolle.
Schon in jungen Jahren lernt Lon Chaney, dass man nicht unbedingt Worte benötigt, um Gefühle auszudrücken. Als Sohn gehörloser Eltern wächst er in einer Welt auf, in der Gestik, Mimik und Körpersprache eine besondere Bedeutung besitzen. Diese Erfahrungen prägen ihn nachhaltig und entwickeln sich später zu seinem größten künstlerischen Talent. Während andere Schauspieler vor allem auf ihre Stimme und ihre Dialoge setzen, versteht es Chaney, mit seinem Gesicht und seinem Körper ganze Geschichten zu erzählen. Zunächst versucht er sich auf den Varieté-Bühnen, doch sein außergewöhnliches Können führt ihn schließlich nach Hollywood. Dort entwickelt er sich zu einem der faszinierendsten Darsteller seiner Zeit und wird als Meister der Verwandlung berühmt.
Seine Rollen in Filmen wie „Der Glöckner von Notre Dame“ und „Das Phantom der Oper“ machen ihn zu einer Legende des Stummfilms. Mit aufwendigen Masken, körperlichen Verformungen und einer beeindruckenden Ausdruckskraft erschafft er Figuren, die das Publikum gleichermaßen faszinieren und erschrecken. Besonders seine Fähigkeit, selbst unter extremen Maskierungen glaubwürdige Emotionen zu vermitteln, hebt ihn von vielen seiner Zeitgenossen ab. Für Chaney ist das Make-up weit mehr als eine äußerliche Veränderung. Es wird zu einem Werkzeug, mit dem er seinen Figuren Leben einhaucht und ihnen eine eigene Persönlichkeit verleiht. Doch während er auf der Leinwand immer neue Gesichter annimmt, sieht sein Privatleben zunehmend düsterer aus.
Im Zentrum seiner persönlichen Probleme steht die schwierige Ehe mit Cleva, die von der Oscar-Preisträgerin Dorothy Malone verkörpert wird. Die Beziehung ist von Konflikten und gegenseitigem Misstrauen geprägt und entwickelt sich immer mehr zu einer Belastung. Als die Ehe endgültig zerbricht, entbrennt ein erbitterter Streit um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn. Für Chaney wird die Situation zu einer emotionalen Zerreißprobe. Während seine Karriere immer größere Erfolge feiert, droht sein privates Glück endgültig auseinanderzubrechen. Die Angst, seinen Sohn zu verlieren, und die zunehmende Einsamkeit stehen dabei in einem starken Kontrast zu seinem öffentlichen Ruhm. Hinter den zahlreichen Masken, die ihn auf der Leinwand berühmt gemacht haben, bleibt ein Mann zurück, der selbst kaum noch weiß, wie er mit seinen eigenen Gefühlen umgehen soll.
Joseph Pevney gelingt es, diese beiden Seiten des Künstlers miteinander zu verbinden. Einerseits zeigt er Chaney als außergewöhnlichen Schauspieler, dessen Talent und Ehrgeiz ihn zu einem der großen Namen des frühen Hollywoods machen. Andererseits interessiert sich der Film für den Menschen hinter der Legende und dessen private Schicksalsschläge. Dadurch wird „Der Mann mit den 1000 Gesichtern“ weit mehr als eine reine Künstlerbiografie. Es ist zugleich eine Geschichte über Anerkennung, Einsamkeit, familiäre Konflikte und die schwierige Suche nach persönlichem Glück. Besonders interessant ist dabei die Gegenüberstellung zwischen den kunstvoll erschaffenen Filmfiguren und dem Menschen, der sich hinter ihnen verbirgt. Je perfekter Chaney seine Masken gestaltet, desto deutlicher werden die Verletzungen, die sein Privatleben bestimmen.
In der Hauptrolle liefert James Cagney eine bemerkenswerte Darstellung ab. Der Oscar-Preisträger, der vor allem durch seine intensiven Auftritte in Gangsterfilmen wie „Der öffentliche Feind“ und „Chicago – Engel mit schmutzigen Gesichtern“ bekannt wurde, beweist hier eine ganz andere Seite seines schauspielerischen Könnens. Auch mit seiner Rolle in Billy Wilders Komödie „Eins, zwei, drei“ zeigte er später seine enorme Vielseitigkeit. Als Lon Chaney muss Cagney nicht nur einen berühmten Schauspieler darstellen, sondern zugleich dessen körperliche Ausdruckskraft und die emotionale Verletzlichkeit vermitteln. Gerade diese Kombination macht seine Leistung so interessant. Er verkörpert einen Mann, der auf der Bühne und vor der Kamera eine unglaubliche Kontrolle über seinen Körper besitzt, im Privatleben jedoch immer wieder an seine Grenzen stößt.
Dorothy Malone, die unter anderem durch „In den Wind geschrieben“ und „Tote schlafen fest“ bekannt wurde, überzeugt als schwierige Ehefrau Cleva. Ihre Darstellung verleiht der Beziehung eine zusätzliche emotionale Spannung und macht nachvollziehbar, warum das Zusammenleben der beiden zunehmend scheitert. Ebenfalls sehenswert ist Jane Greer, die als Hollywoods Femme Fatale des Film Noir in Produktionen wie „Goldenes Gift“ und „Die rote Schlinge“ Filmgeschichte geschrieben hat. Sie ergänzt die Besetzung um eine weitere interessante Persönlichkeit. Jeanne Cagney, die Schwester von James Cagney, übernimmt die Rolle von Carrie Chaney und rundet das Ensemble ab.
Auch aus filmhistorischer Sicht besitzt die Geschichte einen besonderen Reiz. Lon Chaney gehörte zu den großen Pionieren der Maskenbildnerei und wurde nicht ohne Grund als Mann mit den tausend Gesichtern bezeichnet. Seine Darstellungen in „Der Glöckner von Notre Dame“, „Das Phantom der Oper“ und dem verschollenen Film „London after Midnight“ sind bis heute eng mit der Geschichte des Horror- und Stummfilmkinos verbunden. Gerade die Tatsache, dass er seine Verwandlungen zu einem großen Teil selbst entwickelte und umsetzte, macht seine Bedeutung für die Filmgeschichte deutlich. Joseph Pevney greift diese außergewöhnliche Karriere auf und verbindet sie mit einer persönlichen Geschichte, die auch unabhängig vom historischen Hintergrund emotional funktioniert.
Natürlich ist „Der Mann mit den 1000 Gesichtern“ ein klassisches Hollywood-Biopic seiner Zeit. Die Inszenierung folgt einer eher traditionellen Erzählweise und nimmt sich entsprechend viel Zeit, um die wichtigsten Stationen aus Chaneys Leben nachzuzeichnen. Wer moderne, besonders dynamische Biografiefilme gewohnt ist, muss sich zunächst auf das Erzähltempo und die klassische Dramaturgie einlassen. Dafür bekommt man ein interessantes Porträt eines Mannes, dessen künstlerische Leistungen bis heute nachwirken. Besonders James Cagney sorgt dafür, dass die Geschichte nicht nur als historische Rückschau funktioniert, sondern auch emotional berührt.
Mit der DVD-Veröffentlichung von One Gate Media wird dieser Filmklassiker nun erstmals in Deutschland auf DVD zugänglich gemacht. Gerade für Liebhaber des klassischen Hollywoodkinos, für James-Cagney-Fans und für alle, die sich für die Geschichte des Stummfilms interessieren, ist diese Veröffentlichung eine schöne Ergänzung der heimischen Filmsammlung. Zugleich bietet der Film einen faszinierenden Einblick in das Leben eines Künstlers, dessen Name bis heute für außergewöhnliche Verwandlungskunst steht.
Fazit:
„Der Mann mit den 1000 Gesichtern“ ist ein bewegendes Hollywood-Porträt über einen außergewöhnlichen Künstler, dessen Leben von großen Erfolgen und persönlichen Tragödien geprägt war. James Cagney überzeugt in einer seiner ungewöhnlichsten Rollen und zeigt eindrucksvoll, dass er weit mehr als nur der typische Gangsterdarsteller war. Unterstützt von Dorothy Malone und Jane Greer entsteht ein sehenswertes Schauspielerdrama, das die Faszination für Lon Chaney und seine legendären Filmfiguren gelungen einfängt. Wer sich für die goldene Ära Hollywoods, die Geschichte des Stummfilms und große Schauspielkunst interessiert, sollte sich diese DVD-Veröffentlichung von One Gate Media nicht entgehen lassen. Ein sehenswerter Klassiker, der erstmals in Deutschland auf DVD erhältlich ist.