Mit „Brand New Day" startete 2008 eine der einschneidendsten Neuausrichtungen in der Geschichte des Netzschwingers – ein Neuanfang, der aktuell sogar dem kommenden Tom-Holland-Kinofilm seinen Titel leiht. Panini bringt die Ursprungsgeschichte dieser Ära nun in gesammelter Form zurück in die Regale.
Handlung
Eines Tages ist plötzlich alles anders im Leben von Peter Parker: Er wohnt wieder bei Tante May, hat keinen Job mehr und geht abends mit seinem besten Freund Harry feiern! Was auf den ersten Blick wie eine harmlose Rückkehr zu alten Zeiten wirkt, ist in Wahrheit die Konsequenz eines folgenschweren Deals, den Peter kurz zuvor mit dem Dämon Mephisto einging, um das Leben seiner Tante zu retten – der Preis dafür war seine Ehe mit Mary Jane sowie das kollektive Vergessen seiner öffentlich bekannten Identität als Spider-Man. Der vorliegende Band setzt genau an diesem Punkt an und lässt Peter mit spürbarer Erleichterung, aber auch einer gewissen Orientierungslosigkeit in seinen neuen, alten Alltag zurückfinden.
Als Spider-Man bekommt er es indes mit dem neuen Bösewicht Mr. Negative und dessen Schergen, Neuheldin Jackpot und einer unbekannten Gestalt auf einem Goblin-Gleiter zu tun. Außerdem sucht die Polizei Spidey wegen einer Mordserie. Der Band verknüpft dabei geschickt mehrere lose Handlungsfäden: Der ebenso mysteriöse wie gefährliche Mr. Negative sorgt mit seiner Fähigkeit, Menschen in bösartige Zerrbilder ihrer selbst zu verwandeln, für waschechte Gänsehautmomente, während die Einführung von Jackpot – einer geheimnisvollen Heldin, deren wahre Identität lange im Dunkeln bleibt – für Spekulationsfreude unter den Lesern sorgt. Parallel dazu deutet sich mit der namenlosen Gestalt auf dem Goblin-Gleiter bereits eine kommende Bedrohung aus dem Umfeld von Peters bestem Freund Harry Osborn an.
Kreativteam
Verantwortlich für die Geschichte zeichnen die Superstars Dan Slott und Marc Guggenheim, die sich die Ausgaben aufteilten und dabei jeweils eigene Akzente setzten. Dan Slott, der sich zuvor bereits mit seinem gefeierten Run an „She-Hulk" einen Namen gemacht hatte und später über ein Jahrzehnt lang die Geschicke von „Amazing Spider-Man" prägen sollte, verantwortet die einleitenden Kapitel rund um Mr. Negative und legt dabei den erzählerischen Grundstein für Peters neuen Alltag. Marc Guggenheim, bekannt unter anderem für seine Arbeit an „Wolverine", übernimmt im Anschluss die Handlungsfäden rund um die geheimnisvolle Gestalt auf dem Goblin-Gleiter und vertieft dabei das Beziehungsgeflecht um Harry Osborn und dessen Umfeld. Zeichnerisch teilen sich Steve McNiven, der zuvor mit seiner Arbeit an „Civil War" für Aufsehen sorgte, und Salvador Larroca, der später unter anderem für seine Arbeit an „Iron Man" bekannt wurde, die Ausgaben. McNivens Artwork besticht dabei durch eine beinahe fotorealistische Detailverliebtheit, während Larroca dem Geschehen eine glattere, dynamischere Note verleiht.
Handwerk und Wirkung
Der große Trumpf dieses Sammelbandes liegt in seiner bewussten Zugänglichkeit für neue Leser. Nach den komplizierten kontinuitätsbedingten Verstrickungen der vorherigen Jahre setzen Slott und Guggenheim konsequent auf eine entschlackte, wieder stärker auf Peters Alltag als Wissenschaftler, Fotograf und Sohn ausgerichtete Erzählweise, ohne dabei auf die für Spider-Man charakteristische Mischung aus Tragik und Situationskomik zu verzichten. Besonders gelungen ist die Balance zwischen den mysteriösen, fast schon Horror-artigen Momenten rund um Mr. Negative und den leichtfüßigeren, humorvollen Szenen aus Peters Privatleben. McNivens Zeichnungen verleihen den actionreichen Auseinandersetzungen mit Mr. Negatives Schergen eine beeindruckende visuelle Wucht, während Larrocas Beitrag insbesondere in den ruhigeren, dialoglastigeren Passagen überzeugt.
Fazit
Als Auftakt einer der prägendsten Spider-Man-Ären der vergangenen zwei Jahrzehnte ist „Brand New Day" ein rundum gelungener, einsteigerfreundlicher Sammelband, der neue Leser mit offenen Armen empfängt, ohne langjährige Fans zu vernachlässigen. Die Mischung aus einem faszinierenden neuen Schurken, einer geheimnisvollen neuen Heldin und den vertrauten zwischenmenschlichen Konflikten rund um Peter Parker funktioniert auch fast zwei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung noch bestens – und macht angesichts des kommenden Kinofilms gleichen Titels erst recht neugierig auf mehr.