Terrinoth: Heroes of Descent (PS5)
Entwickler: Artefacts Studio
Publisher: New Tales / Asmodee
Plattformen: PS5, Xbox Series X|S, PC
Genre: Taktik-Rollenspiel / Dungeon Crawler
Spielmodi: Solo oder Koop bis zu vier Spieler online
Vom Brettspieltisch auf die Konsole
Wer in den letzten zwei Jahrzehnten regelmäßig an Spieleabenden teilgenommen hat, ist der Marke Terrinoth vermutlich schon einmal begegnet. Die von Fantasy Flight Games erdachte Fantasywelt bildete den Schauplatz für Brettspielklassiker wie Runebound und zuletzt Descent: Legends of the Dark und genießt unter Tabletop-Enthusiasten längst Kultstatus. Mit Terrinoth: Heroes of Descent wagt sich das französische Studio Artefacts Studio, bekannt für Disciples: Domination und Crown Wars: The Black Prince, nun erstmals an eine waschechte Videospieladaption dieser Welt. Das Ergebnis ist ein waschechtes Taktik-Rollenspiel, das sich unübersehbar an XCOM und Baldur’s Gate 3 orientiert, dabei aber bewusst kompakter und einsteigerfreundlicher bleibt als seine großen Vorbilder.
Eine Gruppe Abenteurer und der Kampf gegen die Dunkelheit
Die Handlung siedelt sich ein Jahr vor den Ereignissen von Descent: Legends of the Dark an und erzählt eine eigenständige, aber im Kanon verankerte Geschichte: Dunkle Mächte streben nach einem sagenumwobenen Artefakt, das über das Schicksal von ganz Terrinoth entscheiden könnte, und es liegt an einer Gruppe zusammengewürfelter Abenteurer, dieses Relikt vor dem Zugriff eines okkulten Meisters zu bewahren. Zur Auswahl stehen acht feste Heldenfiguren mit jeweils eigener Vorgeschichte, eigenem Kampfstil und vollständiger Vertonung, darunter der Drachling Kharaz, dessen ritterliche Verlässlichkeit ihm rasch Sympathiepunkte einbringt, oder Cedwin mit seinem mechanischen Arm, der abseits des Kampfgeschehens beim Erklimmen von Hindernissen hilft. Die Kampagne ist in vier thematische Kapitel unterteilt, die sich wiederum in einzelne, in sich geschlossene Missionen gliedern – ein Aufbau, der bewusst an einen klassischen Spieleabend erinnert, an dem eine Session an einem Abend abgeschlossen werden kann.
Rundenkämpfe mit Brettspiel-Erbe
Das Herzstück des Spiels sind die taktischen Rundenkämpfe, die klar von Vorbildern wie XCOM und Baldur’s Gate 3 inspiriert sind, ohne deren Komplexität zu übernehmen. Positionierung, Höhenunterschiede, Sichtlinien und Timing entscheiden über Sieg oder Niederlage, während sich Mehrfachkombinationen zwischen den Heldenfiguren zu wuchtigen Synergieangriffen verbinden lassen. Ein interessantes Detail ist eine gemeinsame Leiste für ultimative Fähigkeiten, die von der gesamten Gruppe geteilt wird und dadurch taktische Absprachen im Koop-Modus zusätzlich belohnt. Zwischen den insgesamt zwanzig handgebauten Dungeons bewegt sich die Gruppe frei, sammelt Ausrüstung, neue Fertigkeiten und Gold und kann ihre Helden über ein Level- und Perksystem sowie an der sogenannten Schmiede stetig weiterentwickeln. Auf eine offene Welt oder Sandbox-Elemente verzichtet Artefacts Studio bewusst – die Stärke des Spiels liegt in seinen dicht gestalteten, individuell gestalteten Arealen, nicht in schierer Weitläufigkeit.
Zwischen Zugänglichkeit und tabletop-typischer Tiefe
Erklärtes Ziel der Entwickler war es, das Spielgefühl eines angespannten Dungeon-Crawls am Spieltisch einzufangen, ohne dabei mit dicken Regelwerken oder steilen Lernkurven abzuschrecken. Dieses Versprechen löst Heroes of Descent über weite Strecken ein: Einsteiger werden über Tutorials und Hinweisboxen behutsam an die Mechaniken herangeführt, während erfahrene Taktik-Fans durch unterschiedliche Klassenkombinationen, Ausrüstungsbuilds und Synergien genügend Tiefgang finden, um sich länger mit dem System zu beschäftigen. Wer allerdings die Regelvielfalt und den strategischen Umfang etwa eines Baldur’s Gate 3 erwartet, sollte seine Erwartungen etwas herunterschrauben – Heroes of Descent positioniert sich bewusst als kompaktere, geradlinigere Alternative für einen entspannten Spieleabend statt als episches Wochenendprojekt.
Koop als Königsdisziplin
Besonders zur Geltung kommt das Spiel im Mehrspielermodus, der auf der PS5 online bis zu vier Teilnehmende zusammenbringt. Die geteilte Ultimative-Leiste, die aufeinander abgestimmten Klassenrollen und die in sich geschlossenen Missionen machen Heroes of Descent zu einem naheliegenden Kandidaten für regelmäßige Spielerunden mit Freunden, bei denen an einem Abend eine vollständige Mission bewältigt werden kann, ohne dass ein größerer Spielstand im Vordergrund stehen muss. Diese Struktur unterscheidet das Spiel wohltuend von vielen anderen Koop-Rollenspielen, die eher auf lange, zusammenhängende Sitzungen ausgelegt sind.
Präsentation und technische Umsetzung
Optisch bewegt sich Heroes of Descent im soliden Mittelfeld aktueller Taktik-Rollenspiele: Die Dungeons sind liebevoll und thematisch abwechslungsreich gestaltet, die Charaktermodelle und Umgebungen wirken stimmig zur düster-fantastischen Ausrichtung der Terrinoth-Welt, auch wenn man an der einen oder anderen Stelle spürt, dass hier kein Blockbuster-Budget im Spiel war. Die volle Vertonung sämtlicher Hauptfiguren sowie dynamische Dialoge, die auf die jeweilige Gruppenzusammenstellung reagieren, sorgen für überraschend viel erzählerische Würze innerhalb der einzelnen Missionen, auch wenn die übergeordnete Story insgesamt eher zweckmäßig als überragend ausfällt.
Fazit
Terrinoth: Heroes of Descent gelingt der Spagat, die Atmosphäre eines packenden Tabletop-Dungeon-Crawls in ein zugängliches, digitales Taktik-Rollenspiel zu übersetzen, ohne sich dabei wie ein interaktives Regelheft anzufühlen. Acht markante Heldenfiguren, kompakt geschnittene Missionen und ein durchdachtes Koop-Konzept mit geteilter Ultimative-Leiste machen das Spiel besonders für gesellige Spielerunden attraktiv, während die bewusst überschaubare Komplexität Genre-Veteranen möglicherweise nicht vollständig auslastet. Wer auf der Suche nach einem gemütlichen, aber fordernden Dungeon-Crawler für Fans klassischer Taktik-Rollenspiele und Terrinoth-Kenner ist, macht mit diesem Titel wenig falsch.