Mother Mary – Blu-ray-Review
Ein Popstar, der auf der Bühne strahlt und im Verborgenen zerbricht, eine Modedesignerin, die einst sein Spiegelbild formte und heute nichts mehr mit ihm zu tun haben will – aus diesem Ausgangspunkt entwickelt Regisseur David Lowery mit „Mother Mary" ein Kammerspiel, das mehr sein will als ein gewöhnliches Musikdrama. Ab dem 2. Oktober 2026 bringt Leonine den Film hierzulande auf Blu-ray und DVD in den Handel, nachdem er im Mai desselben Jahres in den deutschen Kinos lief. Wer sich auf eine klassische Popstar-Biografie im Stile eines „A Star Is Born" einstellt, wird schnell merken, dass Lowery ganz andere Pfade beschreitet.
Zwischen Bühne und Abgrund: Die Handlung
Mother Mary, verkörpert von Anne Hathaway, ist der unangefochtene Superstar ihrer Generation – eine Kunstfigur irgendwo zwischen Popikone und religiöser Erscheinung, deren Konzerte einem sakralen Ritual gleichen. Doch hinter der glitzernden Fassade verbirgt sich eine Frau, die von der eigenen Legende erdrückt wird. Als ihr lang erwartetes Comeback bevorsteht, sucht sie ausgerechnet die Person auf, mit der sie seit einem folgenschweren Zerwürfnis vor vielen Jahren kein Wort mehr gewechselt hat: Sam Anselm, gespielt von Michaela Coel, die einstige beste Freundin und die Modedesignerin, die den unverwechselbaren visuellen Kosmos von Mother Mary überhaupt erst erschaffen hat. Auf Sams abgelegenem Landsitz außerhalb Londons bittet Mary um ein letztes, ein alles entscheidendes Kleid für ihren großen Auftritt. Während der Entwurf entsteht, brechen alte Wunden wieder auf, Verschwiegenes drängt an die Oberfläche, und die Grenze zwischen Erinnerung und Gegenwart beginnt sich aufzulösen – Lowery lässt offen, wie viel von dem, was die beiden Frauen erleben, tatsächlich geschieht und wie viel reine Projektion ist.
Zwei Frauen, ein Kraftfeld: Hathaway und Coel
Der Film lebt fast ausschließlich von seinen beiden Hauptdarstellerinnen, und beide liefern hier etwas ab, das weit über bloße Starpower hinausgeht. Anne Hathaway, seit „Der Teufel trägt Prada" und ihrem Oscar für „Les Misérables" eine der verlässlichsten Größen des amerikanischen Kinos, verleiht ihrer Mother Mary eine Mischung aus Verletzlichkeit und einstudierter Erhabenheit, die deutlich an reale Popikonen erinnert, ohne je zur reinen Persiflage zu werden. Michaela Coel, die sich spätestens mit ihrer preisgekrönten Serie „I May Destroy You" als eigenständige künstlerische Stimme etabliert hat, begegnet ihr dabei auf Augenhöhe: Ihre Sam ist misstrauisch, verletzt und zugleich von einer stillen Autorität, die den Machtausgleich zwischen den beiden Frauen ständig neu verschiebt. Es ist bezeichnend, dass Lowery seinem Film über weite Strecken die Form eines reinen Zweipersonenstücks gibt – Nebenfiguren wie die von Hunter Schafer, Sian Clifford, Kaia Gerber oder Jessica Brown Findlay bleiben bewusst am Rand, während FKA Twigs, die auch an der Musik des Films mitgeschrieben hat, in einer kleineren Rolle auftaucht.
Die Handschrift eines Grenzgängers: David Lowery
Wer die bisherige Filmografie von David Lowery kennt, weiß, dass er sich nie auf ein Genre festlegen lässt. Zwischen Studioarbeiten wie „Peter Pan & Wendy" oder „Der Buckelwal und ich" (im Original „Pete's Dragon") und eigenwilligen Autorenfilmen wie dem meditativen „A Ghost Story" oder dem mittelalterlichen Fiebertraum „The Green Knight" hat sich Lowery den Ruf eines Regisseurs erarbeitet, der lieber Fragen aufwirft, als Antworten zu liefern. „Mother Mary" setzt diese Linie konsequent fort und treibt sie womöglich noch weiter: Der Film verweigert sich klaren Genregrenzen, oszilliert zwischen Melodram, Psychodrama und einer beinahe gespenstischen Atmosphäre, in der man nie ganz sicher sein kann, ob man gerade Erinnerung, Fantasie oder Realität sieht. Diese Unentschlossenheit ist zugleich die größte Stärke und die größte Schwäche des Films: Wer sich auf Lowerys hypnotischen Rhythmus einlässt, wird mit einer visuell und emotional intensiven Erfahrung belohnt, wer klare Antworten erwartet, dürfte sich streckenweise im Stich gelassen fühlen. Ein Teil der internationalen Kritik hat genau diesen Balanceakt bemängelt und dem Film vorgeworfen, sich zu sehr in seiner eigenen Rätselhaftigkeit zu verlieren, während andere Stimmen gerade diese Kompromisslosigkeit als mutigen und seltenen Fall von echtem Autorenkino im Popstar-Gewand gefeiert haben.
Klang, Kostüm und Konzertrausch
Musikalisch profitiert „Mother Mary" von einem beachtlichen Aufgebot: Jack Antonoff, Charli xcx und die bereits erwähnte FKA Twigs haben gemeinsam die Songs geschrieben, die Mother Mary auf der Bühne performt, und man merkt den Nummern die popkulturelle Handschrift ihrer Urheberinnen deutlich an. Die Konzertsequenzen selbst gehören zu den visuell opulentesten Momenten des Films – überbordende Bühnenbilder, kunstvoll drapierte Kostüme mit halo-artigen Kopfbedeckungen und eine Lichtregie, die zwischen sakraler Andacht und Popexzess changiert. Gerade in diesen Passagen zeigt sich, wie sehr Lowery und sein Team die visuelle Sprache großer Konzertfilme und Musikvideos studiert haben, ohne sie bloß zu kopieren.
Bild, Ton und technische Präsentation
Leonine liefert „Mother Mary" in einer technisch soliden, wenn auch nicht überbordend ausgestatteten Fassung aus. Das Bild liegt im ursprünglichen Kinoformat von 2,39:1 vor und wird in 1080p mit AVC-Kodierung dargestellt, was der bildgewaltigen Ästhetik des Films – den satten Farben der Bühnenshows ebenso wie den kühleren, gedeckten Tönen der Rückblenden – durchaus gerecht wird. Tonseitig stehen sowohl die deutsche als auch die englische Originalfassung in DTS-HD Master Audio 5.1 zur Verfügung, was besonders den musikalischen Sequenzen und ihrer raumfüllenden Soundgestaltung zugutekommt. Untertitel liegen in deutscher Sprache sowie als Fassung für Hörgeschädigte vor, zusätzlich wurde eine deutsche Hörfilmfassung für sehbehinderte Zuschauerinnen und Zuschauer produziert – eine Geste, die man bei einem Film, dessen visuelle Opulenz eine derart zentrale Rolle spielt, besonders zu schätzen weiß.
Verpackung
Leonine verzichtet bei „Mother Mary" auf jeden Sammlerextravaganz und bringt den Film in einem schlichten Keep Case auf den Markt. Wer auf ein Mediabook, ein Steelbook oder zusätzliche Beigaben gehofft hatte, wird hier enttäuscht – die Veröffentlichung setzt klar auf die schnörkellose Standardauswertung, wie sie bei aktuellen Kinostart-Titeln ohne ausgeprägte Sammlerfangemeinde inzwischen die Regel geworden ist.
Fazit
„Mother Mary" ist kein Film, der es seinem Publikum leicht macht, und genau darin liegt sein eigentümlicher Reiz. David Lowery inszeniert die Geschichte zweier entfremdeter Frauen als hypnotisches, formal gewagtes Kammerspiel, das sich klaren Kategorien konsequent verweigert und dabei von zwei herausragenden Hauptdarstellerinnen getragen wird. Wer sich auf die visuelle und atmosphärische Dichte des Films einlässt, wird mit einer intensiven, streckenweise fast rauschhaften Kinoerfahrung belohnt – wer klare erzählerische Antworten sucht, dürfte an manchen Stellen ratlos zurückbleiben. Die Leonine-Veröffentlichung präsentiert den Film in solider technischer Qualität, bleibt bei Verpackung und Bonusmaterial jedoch bewusst schlicht.