The Most Heretical Last Boss Queen: From Villainess to Savior – Staffel 1 (Blu-ray, KSM Anime/Plaion Pictures)


Eine Isekai-Geschichte mit ungewöhnlich viel Herz


Wiedergeburt in eine fremde Welt gehört seit Jahren zu den verlässlichsten Zugpferden des Anime-Marktes, und die Villainess-Spielart des Genres hat sich inzwischen zu einer eigenen kleinen Subkultur entwickelt. "The Most Heretical Last Boss Queen: From Villainess to Savior" reiht sich zunächst bereitwillig in diese Tradition ein: Eine namenlose japanische Schülerin erinnert sich im Körper der achtjährigen Prinzessin Pride Royal Ivy plötzlich an ihr vorheriges Leben – und an die unangenehme Tatsache, dass sie sich in der Haut der grausamsten Figur ihres Lieblings-Otome-Spiels wiederfindet. Statt Intrigen zu schmieden und ihre Untertanen zu tyrannisieren, wie es das Original vorsah, entscheidet sich Pride für den entgegengesetzten Weg: Sie will mit den außergewöhnlichen Fähigkeiten ihrer neuen Identität Frieden stiften und all jene Menschen retten, die im ursprünglichen Spielverlauf unter ihrer Herrschaft gelitten haben. Die große Frage, die sich durch die gesamte erste Staffel zieht, bleibt dabei angenehm unaufgelöst: Lässt sich ein Schicksal, das eine ganze Geschichte lang als unausweichlich beschrieben wurde, tatsächlich umschreiben, oder holt die Rolle der "Last Boss Queen" ihre neue Trägerin am Ende doch ein?


Wer bereits Titel wie "My Next Life as a Villainess" kennt, wird die groben Strukturen wiedererkennen. Bemerkenswert ist jedoch, wie ernst die Serie ihre eigene Prämisse nimmt. Statt reiner Komödie oder eskapistischer Wohlfühlunterhaltung entwickelt sich die Handlung zu einer angenehm vielschichtigen Auseinandersetzung mit Trauma, Vergebung und der Frage, wie viel Einfluss ein Mensch tatsächlich auf sein vorgezeichnetes Umfeld nehmen kann. Die ersten Episoden wirken dabei bewusst zurückgenommen und nähern sich dem Setting fast schon behutsam an – wer schnelle Eskalation erwartet, braucht etwas Geduld. Wer sie aufbringt, wird mit einer Geschichte belohnt, die sich zunehmend von der reinen Genre-Blaupause löst.


Pride und ihr Umfeld: Charakterzeichnung als Herzstück


Der eigentliche Trumpf der Serie liegt in ihren Figuren. Pride selbst ist keine strahlende, makellose Heldin, sondern eine junge Frau, die ständig mit der Angst lebt, eines Tages doch wieder zu der grausamen Königin zu werden, die sie aus dem Spiel kennt. Diese latente Furcht vor sich selbst gibt der Figur eine psychologische Tiefe, die man in diesem Subgenre nicht selbstverständlich erwarten darf. Besonders deutlich wird das in ihrer Beziehung zu ihrem Adoptivbruder Stale Royal Ivy: Im ursprünglichen Spielverlauf war er durch einen magischen Zwangsvertrag an Pride gebunden und tötete letztlich seine eigene leibliche Mutter in ihrem Auftrag. Die neue Pride weiß um dieses Schicksal und trifft eine denkbar ungewöhnliche Entscheidung – sie bereitet ihr Umfeld gezielt darauf vor, sie im Zweifel selbst zu töten, sollte die alte, bösartige Persönlichkeit jemals wieder die Oberhand gewinnen. Aus dieser Prämisse entwickelt sich eine der interessantesten Geschwisterbeziehungen, die das aktuelle Isekai-Genre zu bieten hat.


Auch das übrige Ensemble bleibt nicht bloße Staffage: die jüngere Schwester Tiara, der treue Ritter Arthur Beresford oder Prides Ex-Verlobter Leon erhalten im Verlauf der zwölf Episoden genug Raum, um sich vom reinen Funktionscharakter zu lösen. Die Serie nimmt sich sichtlich Zeit, diese Nebenfiguren mit eigenen Motivationen und Konflikten auszustatten, was der Geschichte insgesamt eine angenehme Breite verleiht, die man einem Otome-Setting nicht sofort zutrauen würde.


Produktion: Studio OLM und ein Drehbuch mit Ambition


Verantwortlich für die Animation zeichnet Studio OLM, das sich zuletzt mit der gefeierten Umsetzung von "Die Tagebücher der Apothekerin" einen Namen gemacht hat und auch hier ein visuell stimmiges, farbenfrohes Fantasy-Setting erschafft. Die Inszenierung liegt in den Händen von Norio Nitta, der bereits mit dem stilistisch ganz anders gelagerten "Odd Taxi" sein Gespür für ungewöhnliche Erzählrhythmen unter Beweis gestellt hat, während am Skript unter anderem Akao Deko mitwirkte, bekannt durch ihre Arbeit an "Noragami". Diese Kombination aus erfahrener Regie und einem Schreibteam mit Gespür für emotionale Untertöne zahlt sich merklich aus: Die Serie bringt trotz ihres bunten, dem Otome-Genre entlehnten Erscheinungsbilds erstaunlich viel erzählerisches Gewicht auf die Waage. Die Vorlage stammt aus der Feder von Autor Tenichi, dessen Light-Novel-Reihe bei Ichijinsha erscheint und international unter anderem von Seven Seas Entertainment betreut wird – ein Beleg dafür, dass die Geschichte auch über das ursprüngliche Web-Novel-Format hinaus ihr Publikum gefunden hat.


Die deutsche Fassung


Für die deutsche Synchronisation zeichnen die G&G Studios in Kaarst verantwortlich. Regie und Dialogbuch lagen in den Händen von Sebastian Hollmann, der auch die Prä- und Postproduktion betreute, während Lukas Hüls für die Mischung und Charlyn Rulf für die Aufnahmetechnik zuständig waren; um die Disposition kümmerte sich Lilo Tucholsky. Damit liegt die erste Staffel erstmals überhaupt in deutscher Sprachfassung vor – bislang war die Serie hierzulande lediglich im japanischen Originalton mit deutschen Untertiteln verfügbar gewesen. Für Fans, die die Serie bereits im Simulcast verfolgt haben, dürfte allein diese Neusynchronisation ein guter Grund sein, noch einmal in die erste Staffel einzutauchen.


Bild und Ton auf der Scheibe


Die von KSM Anime im Vertrieb von Plaion Pictures veröffentlichte Gesamtausgabe bringt alle zwölf Episoden der ersten Staffel – mit einer Gesamtlaufzeit von etwa 280 Minuten – auf zwei Blu-ray-Discs unter. Das Bild liegt im für die TV-Produktion typischen Format von 1.85:1 vor und überträgt die satten Farben und detailreichen Kostümdesigns von Studio OLM angenehm sauber auf die Scheibe. Tontechnisch steht sowohl die japanische Originalfassung als auch die neue deutsche Synchronisation jeweils in DTS-HD 5.1 zur Verfügung, deutsche Untertitel liegen ebenfalls bei. Damit lässt sich die Serie wahlweise im Originalton mit Untertiteln oder komplett eingedeutscht genießen, ohne dass eine der beiden Fassungen technisch benachteiligt würde.


Bonusmaterial


An zusätzlichem Material legt die Veröffentlichung ein Booklet bei, das sich für Sammler als hübsche Ergänzung zur reinen Episodensammlung eignet und Hintergrundinformationen sowie Artwork rund um die Produktion bündelt. Hinzu kommen die Opening- und Ending-Songs der Staffel in ungestörter Form, die gerade Fans der musikalischen Untermalung freuen dürften, sowie eine Auswahl an Promotion-Videos, die ursprünglich zur Bewerbung der japanischen Ausstrahlung entstanden sind und einen netten Blick hinter die Marketingkulissen der Serie erlauben. Ein umfangreiches Extra-Paket im Sinne von Interviews oder Audiokommentaren darf man hier zwar nicht erwarten, für eine Genre-Produktion dieser Größenordnung ist die Ausstattung aber durchaus solide und typisch für vergleichbare KSM-Veröffentlichungen.


Fazit


"The Most Heretical Last Boss Queen: From Villainess to Savior" beweist, dass im Villainess-Isekai-Genre noch längst nicht alle Geschichten erzählt sind. Wer der behutsamen Anfangsphase eine Chance gibt, wird mit einer emotional durchdachten Erzählung über Schuld, Angst vor sich selbst und die Möglichkeit echter Veränderung belohnt, getragen von einer liebevoll gezeichneten Pride und einem Ensemble, das mehr zu bieten hat als reine Genre-Klischees. Die deutsche Blu-ray-Gesamtausgabe von KSM Anime rundet das Gesamtpaket mit ordentlicher Bild- und Tonqualität, der lange erwarteten deutschen Synchronisation und einer soliden, wenn auch nicht überbordenden Extra-Ausstattung ab.