Ghost School – Filmkritik
Der Kiarostami-Widerhall in einem pakistanischen Dorf
Es gibt Filme, die sich unverhohlen zu ihren Vorbildern bekennen, ohne dabei zur bloßen Nacherzählung zu geraten. Ghost School gehört zu dieser seltenen Kategorie. Regisseurin Seemab Gul beruft sich in ihrem Spielfilmdebüt explizit auf Abbas Kiarostamis Klassiker „Wo ist das Haus meines Freundes?", jenes 1987 entstandene iranische Meisterwerk, in dem ein Junge ein ganzes Dorf durchquert, um einem Klassenkameraden ein vergessenes Schulheft zurückzubringen. Aus dieser scheinbar simplen Suchbewegung eines Kindes entwickelte Kiarostami damals ein feinsinniges Porträt gesellschaftlicher Machtstrukturen, und genau dieses Prinzip überträgt Gul nun auf das ländliche Pakistan der Gegenwart. Die zehnjährige Rabia übernimmt die Rolle der unbeirrbaren Fragestellerin, deren beharrliches Nachhaken eine ganze Gemeinschaft in Bedrängnis bringt. Wo bei Kiarostami die Suche nach einem Haus zum Motor der Erzählung wird, ist es bei Gul die Suche nach den wahren Gründen für die Schließung der einzigen Dorfschule, die sich zunehmend zu einer Reise durch ein Labyrinth aus Aberglauben, Autorität und Korruption auswächst. Die Perspektive eines Kindes wird dabei zu einem präzisen erzählerischen Werkzeug, mit dem sich die Widersprüche der Erwachsenenwelt schonungslos offenlegen lassen, ohne dass der Film je in erhobenen moralischen Zeigefinger verfällt.
Eine Regisseurin mit eigener Stimme
Seemab Gul, die sowohl das Drehbuch verfasste als auch Regie führte und den Film mit ihrer eigenen Produktionsfirma Cinelava mitproduzierte, ist im internationalen Kurzfilmzirkus längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Ihr Kurzfilm „Sandstorm" lief in Venedig und Sundance sowie auf über hundert weiteren Festivals, gewann zwanzig Preise und wurde für den British Independent Film Award nominiert. Mit Ghost School legt sie nun ihr Spielfilmdebüt vor, das seinen Weg über Toronto und die Berlinale, wo der Film in der Sektion Generation Kplus lief, bis in die deutschen Kinos fand. Für die Bildgestaltung zeichnet Kamerafrau Zamarin Wahdat verantwortlich, die dem pakistanischen Dorf und seiner kargen, gleichermaßen von Alltagsrealität und leiser Magie durchzogenen Landschaft eine ruhige, beobachtende Bildsprache verleiht. Musikalisch untermalt wird das Geschehen von Anna Bauer, deren zurückhaltender Score die magisch-realistischen Momente des Films nie zu plakativ ausschmückt, sondern sie behutsam in die sozialrealistische Grundierung der Geschichte einbettet.
Rabias Kampf um einen Schulplatz
Im Zentrum des Films steht die junge Nazualiya Arsalan als Rabia, deren Schauspiel dem gesamten Film seine emotionale Wucht verleiht. Als sie erfährt, dass die einzige Schule ihres Dorfes geschlossen wird, während die Jungen künftig einfach eine Schule im Nachbardorf besuchen dürfen, den Mädchen diese Möglichkeit jedoch verwehrt bleibt, beginnt für sie eine Odyssee durch die verschlossenen Türen der Erwachsenenwelt. Statt Antworten erhält sie Schweigen, Ausflüchte und schließlich ein Gerücht, das sich wie ein Schatten über das gesamte Dorf legt: Die Schule sei verflucht, der Lehrer von einem Dschinn besessen. Je hartnäckiger Rabia nachfragt, desto mehr beginnt sie selbst an dieser Erklärung zu zweifeln, und der Film lässt geschickt offen, wie viel von dem Übernatürlichen tatsächlich Substanz hat und wie viel davon lediglich als bequeme Nebelwand dient, um handfeste Korruption und Machtmissbrauch zu verschleiern. Samina Seher als Rabias Mutter und Adnan Shah Tipu als Schulleiter liefern dabei als erwachsene Autoritätsfiguren jene Mauer aus Ausweichen und halben Wahrheiten, an der sich Rabias kindliche Beharrlichkeit immer wieder bricht, ohne dass ihr Widerstandswille dadurch gebrochen würde.
Die reale Geisterschule hinter der Fiktion
Besonders bemerkenswert an Ghost School ist seine Verankerung in einem tatsächlichen gesellschaftlichen Phänomen. Sogenannte Geisterschulen, offiziell existierende, faktisch jedoch nicht funktionsfähige Bildungseinrichtungen, sind in Teilen Pakistans ein dokumentiertes Problem, das häufig auf veruntreute Fördergelder, Vetternwirtschaft oder schlicht politisches Desinteresse zurückgeht. Indem Gul dieses reale Phänomen mit dem Aberglauben um Dschinn-Besessenheit verknüpft, gelingt ihr eine Erzählung, die gleichzeitig als packende Kindergeschichte und als scharfe gesellschaftskritische Beobachtung funktioniert. Dass der Film in seiner pakistanischen Heimatprovinz Sindh von der zuständigen Zensurbehörde die Freigabe verweigert bekam, ohne dass eine Begründung genannt wurde, wirft dabei ein zusätzliches, unfreiwillig bestätigendes Licht auf die im Film verhandelten Themen von Machtmissbrauch und institutioneller Verschleierung.
Fazit
Ghost School ist ein leises, aber ungemein wirkungsvolles Debüt, das die kindliche Beharrlichkeit einer zehnjährigen Protagonistin nutzt, um ein ganzes Geflecht gesellschaftlicher Missstände sichtbar zu machen. Seemab Gul gelingt der seltene Balanceakt, ihre unverkennbare Anlehnung an Abbas Kiarostami mit einer eigenständigen, tief in der pakistanischen Realität verwurzelten Erzählung zu verbinden, ohne dabei ihre stilistische Eigenständigkeit zu verlieren. Getragen von einer bemerkenswert präsenten Nazualiya Arsalan und einer klugen Verschränkung von sozialrealistischer Beobachtung und magisch-realistischen Momenten, gehört Ghost School zu jenen Festivalentdeckungen, die noch lange nachwirken. Wer sich auf das ruhige Erzähltempo und die zurückhaltende Inszenierung einlässt, wird mit einem der eindringlichsten Kinderfilme des Jahres belohnt, der weit über sein junges Zielpublikum hinaus Beachtung verdient.