NBA 2K27 – Ultra Edition (Xbox Series X) im Test
Wer sich in den letzten Jahren durch die alljährlichen NBA-2K-Ausgaben gespielt hat, kennt das vertraute Ritual: neue Coverstars, ein paar frische Schlagworte und die Hoffnung, dass sich unter der Haube tatsächlich etwas Substanzielles getan hat. NBA 2K27 tritt in diesem Jahr mit einem ungewöhnlich dicken Neuerungspaket an – und mit einer Ultra Edition, die sich ganz bewusst an jene richtet, die ohnehin schon wissen, dass sie einsteigen werden. Auf der Xbox Series X zeigt sich das Spiel technisch gewohnt souverän, doch die eigentliche Geschichte dieses Jahrgangs spielt sich nicht auf dem Papier der Pressemappe ab, sondern in den vielen kleinen und großen Systemumbauten, die sich über Gameplay, Die Stadt, den MeinSPIELER-Builder und die Karrieremodi ziehen.
Ein neues Gesicht für Die Stadt
Die auffälligste strukturelle Veränderung betrifft den sozialen Kern der Serie. Erstmals treten männliche und weibliche MeinSPIELER gemeinsam in sämtlichen Multiplayer-Umgebungen an, von Das REC über Das Theater bis zum Wetteinsatz. Wichtig dabei: Körpergröße, Armspannweite, Attribute und Badges hängen weiterhin ausschließlich vom gewählten Build ab, nicht vom Aussehen der Spielfigur, sodass sportlich niemand benachteiligt wird, nur weil er oder sie sich für eine weibliche MeinSPIELER-Figur entscheidet. Die Umgebungen selbst wurden spürbar aufgefrischt. Das REC lost nun zufällig einen von fünf Austragungsorten aus, von der klassischen Sporthalle bis zur vollen Arena, was dem sonst arg repetitiven Modus eine willkommene Abwechslung verleiht. Das Theater ist unter freien Himmel in einen Stadtblock gezogen, während der Wetteinsatz-Modus nun auf einem Hochhausdach ausgetragen wird – ein optisch reizvoller Szenenwechsel, der auf der Xbox Series X mit sauberen Beleuchtungseffekten und stabiler Bildrate überzeugt.
Wer im Team antreten möchte, findet im neuen Crew HQ eine echte Heimbasis: Trainingsplätze für 1v1 bis 3v3, vollwertige Courts für größere Partien, integrierter Sprachchat und ein eigenes Fortschrittssystem mit anfänglich 40 Stufen sorgen dafür, dass sich Crews erstmals wie richtige Vereine anfühlen. Besonders alteingesessene Fans dürften sich über die originalgetreue Nachbildung des legendären Rucker Park im Modus Street Kings freuen, die dem berüchtigten New Yorker Streetball-Court eine angemessen ehrfürchtige Würdigung verschafft. Neueinsteiger:innen wiederum profitieren von der Casual Corner, einem sinnvollen Vorzimmer, in dem man sich zunächst an PvE-Gegnern erproben kann, bevor man in die raue Realität der vollen PvP-Community entlassen wird – eine Einstiegshürde, die in früheren Jahrgängen schlicht gefehlt hat.
ProPLAY und ein spürbar physischeres Spielgefühl
Auf dem Court selbst liefert NBA 2K27 nach eigener Aussage das ausgewogenste Gameplay der Seriengeschichte, und tatsächlich lässt sich dieser Eindruck nach einigen Stunden Spielzeit nachvollziehen. Über 7.000 neue Animationen, größtenteils via ProPLAY-Technologie aus echtem NBA-Filmmaterial gewonnen, sorgen für ein spürbar organischeres Bewegungsbild. Offensiv dürfen sich Spieler:innen erstmals am Step-through Up-and-under versuchen, jenem Move, den Stars wie Shai Gilgeous-Alexander, Anthony Edwards und Luka Dončić zu einer wahren Kunstform erhoben haben. Die neue, in 29 einzelne Bewegungen zergliederte Dribbling-Anpassung erlaubt es, sich einen wirklich individuellen Handling-Stil zusammenzubauen, während die Dynamic Layup Engine Abschlüsse noch in der Luft anpasst und dadurch deutlich sauberer wirkende Korbleger produziert.
Deutlich spürbarer ist allerdings der Umbau der Verteidigung, die in den vergangenen Jahren oft das Stiefkind der Serie war. Die überarbeitete Mechanik für die Verteidigung mit erhobenen Händen erlaubt eine feinere Abstufung zwischen aggressivem und vorsichtigem Stören von Würfen, unterstützt durch ein farbcodiertes Feedback-System, das sowohl Qualität als auch Richtung der Defensivaktion anzeigt. Das ausgebaute Defensive-Cutoff-System belohnt erfahrene Verteidiger:innen, die explosiven Kombinationen Schritt für Schritt folgen, und das neue Ballkollisionssystem berücksichtigt erstmals die Werte beider beteiligter Spieler:innen, um zu entscheiden, ob ein Kontakt tatsächlich zum Ballverlust führt. In der Praxis bedeutet das: Wer sauber und getimt verteidigt, wird belohnt, während Ballhandler weiterhin eine faire Chance behalten, sich aus der Bedrängnis zu befreien. Ergänzt wird das Ganze durch ein neues, in fünf Disziplinen gegliedertes Takeover-System – Werfen, Abschluss, Spielaufbau, Verteidigung und Rebounding lassen sich einzeln aktivieren und steigern sich abhängig von der eigenen Leistung in Echtzeit, was taktisches Rollenspiel innerhalb eines Teams deutlich attraktiver macht als die pauschalen Takeover-Leisten früherer Jahre.
Auch das zurückkehrende Rhythm Shooting wurde überarbeitet und ist nun zwingend an ein perfektes, grünes Timing gekoppelt, was Wurfversuche insgesamt anspruchsvoller, aber auch befriedigender macht, sobald man den Dreh heraus hat. Erstmals lässt es sich zudem auch von der Freiwurflinie aus nutzen. Unterstützt wird das gesamte Geschehen von einer sichtlich verbesserten KI: Ein neues Set-AI-System sorgt dafür, dass Spielmacher vom Format eines Nikola Jokić tatsächlich zum Dreh- und Angelpunkt des Offensivspiels werden, während sich Team-Gameplans in Echtzeit an vorteilhafte Matchups anpassen.
Der MeinSPIELER-Builder: mehr Tiefe, mehr Freiheit
Der wohl vielseitigste Builder der Reihe wartet mit einem völlig neuen Erstellungspfad auf. Die bisherigen Vorlagen weichen sogenannten Signature Blueprints, vorgefertigten Templates, die jeweils Attribute und Animationen von drei realen NBA- und WNBA-Stars kombinieren – 40 davon stehen zum Start bereit, weitere folgen im Laufe der Season. Wer lieber selbst Hand anlegt, greift auf die 53 Badges zurück, von denen 19 neu hinzugekommen sind und für eine spürbar ausgewogenere Balance sorgen sollen. Jeder Build startet mit 20 Badge-Plätzen über sechs Disziplinen hinweg, darunter die neu eingeführte Kategorie Physis, und wird über strategisch einsetzbare Badge Tokens gefüllt, die sich jederzeit neu zuweisen lassen.
Wirklich interessant wird es beim neuen Synergy-System, das gewissermaßen die nächste Evolutionsstufe von Badges und Boosts darstellt. Über 16 Synergy-Plätze, unterteilt in Fuse- und Reaction-Badges, lassen sich Kombinationen erzeugen, die im Spielverlauf einen erheblichen Schub verleihen und Badges bis zur Legend-Stufe aufwerten können. Wer taktisch flexibel bleiben möchte, freut sich über die neuen Badge-Loadouts, mit denen sich verschiedene Kombinationen speichern und vor dem Spiel je nach Gegnertyp wechseln lassen. Erstmals lassen sich zudem weibliche MeinSPIELER erstellen, wobei auch hier gilt: Das Aussehen ist rein kosmetisch, entscheidend bleiben Körpergröße, Gewicht, Armspannweite und die gewählten Attributswerte.
Wer lieber unterwegs am Build feilt, kann dies über die neue, mobile NBA 2K HQ-App tun, die bereits fünf Tage vor dem Early Access verfügbar ist. Erstellte Builds lassen sich direkt auf die Konsole übertragen und stehen beim ersten Spielstart sofort bereit – ein praktisches Feature für alle, die ihre Pause bei der Arbeit sinnvoll nutzen wollen, um am perfekten Spielstil zu tüfteln.
Meine KARRIERE: Zeitreise durch die NBA-Geschichte
Der wohl kreativste Neuzugang des Jahrgangs ist zweifellos der Modus Meine KARRIERE-Äras. Statt sich zwangsläufig in der modernen NBA zu etablieren, können Spieler:innen nun ihre gesamte Karriere in einer von fünf historischen Epochen bestreiten: der Magic-vs.-Bird-Ära von 1984, der Jordan-Ära von 1991, der Kobe-Ära von 2003, der LeBron-Ära von 2010 sowie der Steph-Ära von 2016. Jede dieser Epochen bringt nicht nur zeittypische Kader und Regeln mit, sondern auch eine eigene visuelle Präsentation samt passender Umkleidekabinen, Anzeigen und Bildschirmfiltern, die an die jeweiligen TV-Übertragungen jener Jahre erinnern. Der Fortschritt orientiert sich an sogenannten Ära-Momenten, historischen Meilensteinen, deren Erfüllung Belohnungen auf einer 40-stufigen Fortschrittsleiste freischaltet. Für Fans, die schon immer wissen wollten, wie sich eine Karriere neben Magic Johnson und Larry Bird angefühlt hätte, ist das eine der charmantesten Ideen, die die Serie seit Langem hervorgebracht hat.
Der moderne Karriereweg wird dagegen von der neuen Story „Fire and Concrete“ getragen, die mit elf Kapiteln mehr als doppelt so umfangreich ausfällt wie im Vorjahr. Erzählt wird der Aufstieg der Hauptfigur MP von der Highschool über die G League bis in die NBA, mit einem Abstecher in den nachgebildeten Rucker Park. Für zusätzliches popkulturelles Gewicht sorgt Rapper und Schauspieler Vince Staples, der die Rolle von MPs Cousin Cam per Motion Capture verkörpert und einspricht – begleitet von einer erstmals durchgehend musikalisch untermalten Handlung, was der Geschichte einen deutlich cineastischeren Anstrich verleiht als frühere Karrieregeschichten der Reihe. Neu ist außerdem die Möglichkeit, Meine KARRIERE erstmals kooperativ mit einer zweiten Person zu bestreiten. Möglich macht dies Teamkamerad Trace Miller, der bereits in der G League eingeführt wird und die gesamte NBA-Laufbahn begleitet; ist niemand zum Mitspielen da, übernimmt schlicht die KI seine Rolle, ohne dass Nachteile bei VC oder Season-EP entstehen.
Meine WNBA, The W und Meine NBA: Management mit mehr Tiefgang
Wer sich lieber der reinen WNBA-Karriere widmet, findet in The W ein eigenständiges Erlebnis mit neuem Build-as-You-Go-Fortschrittsmodell vor, das erlaubt, bereits vergebene Attributpunkte zu entfernen und flexibel neu zu verteilen. Fünf neue Team-Abzeichen und zwölf Teammitglieder-Abzeichen stärken zudem die Chemie auf dem Court und eröffnen zwei unterschiedliche Upgrade-Pfade. Meine WNBA wiederum übernimmt sämtliche Franchise-Mechaniken aus dem großen Bruder Meine NBA und erlaubt damit ebenso ambitionierte Dynastie-Aufbauten wie auf der NBA-Seite.
Apropos Meine NBA: Der Verwaltungsmodus hat mit über 20 von der Community gewünschten Aktualisierungen einen der umfangreichsten Umbauten der letzten Jahre erfahren. Ein neues Menü während der Moratoriumsphase ermöglicht bereits Verhandlungen mit Top-Free-Agents, bevor offizielle Verträge unterschrieben werden dürfen, während die CBA-Mechaniken realistischere Vertragsstrukturen mit garantierten, wahrscheinlichen oder unwahrscheinlichen Anreizen abbilden. Trades lassen sich nun mit bis zu vier Teams und neun Trade-Assets gleichzeitig einfädeln, ergänzt durch Barzahlungen und einen Buyout-Markt für Vertragsauflösungen. Besonders interessant für Vielspieler:innen dürfte der neue Solomodus Meine NBA-Legacy sein, der eine einzelne Legende über einen Zeitraum von sage und schreibe 100 Jahren begleitet und Karriere auf dem Feld mit Front-Office-Management verschmilzt.
Mein TEAM: Freiheit für Sammler:innen
Der Sammelkartenmodus Mein TEAM erfährt in diesem Jahr eine der spielerfreundlichsten Änderungen der Serienhistorie: Die Tauschbörse akzeptiert nun jede Spielerkarte aus der eigenen Sammlung, wodurch auch längst obsolet gewordene Karten endlich ihren Wert entfalten können. Ergänzt wird das durch ein neues Player-XP-System, mit dem sich jede einzelne Karte durch Einsätze und starke Leistungen auflevelt, was Attributverbesserungen, ein von Beginn an aktives Takeover und zusätzliche Turboanzeigen freischaltet. Erfreulich ist zudem die Rückkehr beliebter Community-Modi wie Triple Threat Online und Clutch Time Online sowie das erstmals plattformübergreifende Auktionshaus, das PlayStation 5, Xbox Series X|S und Nintendo Switch 2 zu einem gemeinsamen, deutlich liquideren Kartenmarkt zusammenführt.
Technische Präsentation auf der Xbox Series X
Auf Microsofts Konsole läuft NBA 2K27 durchweg flüssig und mit stabiler Bildrate, selbst in vollen Arenen mit dichtem Publikum und aufwendiger Lichtstimmung. Die neuen Umgebungen in Die Stadt profitieren sichtlich von der zusätzlichen Rechenleistung, und auch die über 7.000 neuen ProPLAY-Animationen fügen sich weitgehend nahtlos in den Spielfluss ein, ohne dass es zu spürbaren Rucklern oder Ladeaussetzern kommt. Ladezeiten beim Wechsel zwischen Modi bleiben angenehm kurz, was insbesondere im hektischen Treiben von Die Stadt einen echten Unterschied macht.
Die Ultra Edition: Für wen lohnt sich der Aufpreis?
Die zeitlich limitierte Ultra Edition setzt mit Chicago-Bulls-Legende Derrick Rose auf ein nostalgisches Coverbild – für den dreimaligen NBA All-Star und einstmals jüngsten MVP der Liga-Geschichte bereits der zweite Auftritt auf einem NBA-2K-Cover nach NBA 2K13. Wer sich für diese Edition entscheidet, erhält neben dem eigentlichen Spiel in der Regel großzügig bemessene virtuelle Währung, exklusive kosmetische Inhalte für den MeinSPIELER sowie einen beschleunigten Fortschritt in den frühen Wochen der Season. Für Vielspieler:innen, die ohnehin viel Zeit in Die Stadt oder Mein TEAM investieren, amortisiert sich der Aufpreis durch den Zeitgewinn recht schnell. Wer das Spiel eher gelegentlich und primär für Meine KARRIERE oder Meine NBA nutzt, fährt preislich mit der Standard Edition und Coverstar Victor Wembanyama womöglich vernünftiger.
Fazit
NBA 2K27 ist der seltene Fall eines Jahrgangs, der sich nicht auf kosmetische Retuschen verlässt, sondern an mehreren echten Baustellen gleichzeitig ansetzt. Die überarbeitete Verteidigung macht das Gameplay endlich wieder zweiseitig spannend, der MeinSPIELER-Builder gewinnt mit dem Synergy-System und den Badge Tokens spürbar an taktischer Tiefe, und die geschlechterübergreifende Stadt ist ein längst überfälliger, sauber umgesetzter Schritt. Die größte erzählerische Überraschung liefert jedoch Meine KARRIERE-Äras, das der Serie eine willkommene historische Dimension verleiht und für Abwechslung sorgt, die über Jahre hinweg gefehlt hat. Auf der Xbox Series X präsentiert sich das Ganze technisch rundum souverän. Kleinere Kritikpunkte bleiben die gewohnt tief verschachtelten Mikrotransaktionssysteme in Mein TEAM und Die Stadt, die trotz spielerfreundlicherer Tauschregeln weiterhin ein Kernbestandteil der Monetarisierung bleiben. Wer darüber hinwegsehen kann, bekommt mit NBA 2K27 dennoch die bislang ausgewogenste und inhaltlich vielseitigste Ausgabe der Serie seit Langem.