Captain Tsubasa 2: World Fighters (PS5) im Test
Die Vorlage: Ein Manga, der eine ganze Generation zum Fußball gebracht hat
Bevor man sich dem eigentlichen Spiel widmet, lohnt ein Blick zurück auf jenes Werk, aus dem Captain Tsubasa 2: World Fighters seine gesamte DNA bezieht. Yoichi Takahashi, geboren 1960 in Tokio, schuf mit Captain Tsubasa Anfang der 1980er-Jahre einen der einflussreichsten Sport-Manga überhaupt. Von April 1981 bis Mai 1988 erschien die Geschichte um den fußballverrückten Jungen Tsubasa Ohzora wöchentlich im Shueisha-Magazin Weekly Shōnen Jump und wuchs schließlich auf 37 gesammelte Bände an, ehe zahlreiche Fortsetzungsreihen folgten, die Takahashi über Jahrzehnte hinweg weiterspann. Erzählt wird die Karriere eines Jungen, der bereits im Kleinkindalter kaum von seinem Ball zu trennen war und sich von der Schulmannschaft bis in die japanische Nationalelf hocharbeitet – begleitet von Rivalen und späteren Weggefährten wie dem Torwart-Ausnahmetalent Genzo Wakabayashi oder dem technisch brillanten Kojiro Hyuga.
Hierzulande wurde die Serie vor allem durch die Anime-Adaption bekannt, die zwischen 2002 und 2006 unter dem eingedeutschten Titel „Die tollen Fußballstars" ausgestrahlt wurde und dem Original mit seinen ebenso spektakulären wie physikalisch großzügig ausgelegten Spezialschüssen zu Kultstatus im deutschsprachigen Raum verhalf. Wer die Serie aus Kindertagen kennt, erinnert sich zuverlässig an Tsubasas Tiger Shot oder Hyugas Raketenschuss, die im Manga wie im Anime gleichermaßen für Begeisterung sorgten. Captain Tsubasa 2: World Fighters bedient sich nun gezielt beim sogenannten World-Youth-Arc, jenem Abschnitt der Vorlage, in dem sich Japans Nachwuchsnationalmannschaft bei einem internationalen Jugendturnier mit Teams aus aller Welt misst. Das Spiel versteht sich dabei ausdrücklich als direkte Fortsetzung zu Captain Tsubasa: Rise of New Champions aus dem Jahr 2020 und wurde von der Story-Seite her erneut unter der Aufsicht Takahashis selbst entwickelt, was der Handlung eine erfreuliche erzählerische Kontinuität zur Manga-Vorlage verleiht, ohne sich sklavisch an das Quellmaterial zu klammern – die eigentliche Geschichte des Spiels ist eine eigenständige Erzählung, die vier Jahre nach den Ereignissen der Junior-Youth-Weltmeisterschaft ansetzt.
Zurück auf den Platz: Story und neue Wege
Wer bereits Rise of New Champions gespielt hat, findet sich in der Fortsetzung schnell zurecht. Tsubasa und seine Mitstreiter müssen sich diesmal an neuen, formidablen Rivalen aus aller Herren Länder messen, während die japanische Auswahl versucht, sich auf dem Weg zum Weltsieg zu behaupten. Insgesamt 22 Nationalteams und mehr als 110 spielbare Charaktere sorgen für einen beachtlichen Umfang, der sowohl bekannte Gesichter aus der Vorlage als auch bislang ungesehene Mannschaften und Figuren aus dem Manga umfasst. Über 150 Zwischensequenzen inszenieren die spektakulärsten Momente auf dem Platz in liebevoll animierten Cutscenes, die dem überzeichneten Manga-Stil sichtlich treu bleiben und gerade in Torszenen für regelrechte kleine Actionfilme sorgen.
Wer lieber eine eigene Geschichte erleben möchte, greift zur sogenannten New-Stars-Route. Hier lässt sich ein eigener Charakter erstellen, der sich der japanischen Nationalmannschaft anschließt und gemeinsam mit Tsubasa auf dem Weg zum internationalen Titel kämpft. Dieser Modus funktioniert als eine Art Bindeglied zwischen den bekannten Figuren der Serie und der eigenen Spielerfahrung und dürfte insbesondere jene ansprechen, die sich nicht nur als Zuschauer, sondern als aktiver Teil von Tsubasas Team fühlen wollen.
Spielgefühl: Fußball, wie es nur im Anime funktioniert
Spielerisch bewegt sich Captain Tsubasa 2: World Fighters bewusst zwischen klassischem Arcade-Fußball und komplett überzogener Anime-Action. Grundsätzlich handelt es sich um ein traditionelles Sportspiel: Zweikämpfe um den Ball, Pässe zu Mitspielern und Dribblings gegen Verteidiger bilden das Fundament. Wer allerdings mit realistischem Fußball im Stil von EA Sports FC rechnet, wird schnell eines Besseren belehrt, sobald die ersten Spezialtechniken zum Einsatz kommen. Zahlreiche neue Super-Moves intensivieren praktisch jede Facette des Spiels, sodass sich selbst beim Passen, Dribbeln, Tackeln oder Blocken eigene, hochstilisierte Fähigkeiten einsetzen lassen. Besonders gelungen ist das überarbeitete System für Torschüsse, das Schütze und Torwart nun in einer Art direktem Duell gegenüberstellt, in dem sich spektakuläre Superschüsse und ebenso spektakuläre Paraden der Originalcharaktere gegenseitig kontern lassen – ein Kniff, der die übertriebene Wucht der Vorlage spielmechanisch angenehm greifbar macht, statt sie nur hübsch zu animieren.
Untermalt wird das Geschehen von einem beeindruckend umfangreichen Soundtrack: Komponist Tadayoshi Makino, der bereits für die mitreißende musikalische Untermalung des Vorgängers gelobt wurde, liefert für World Fighters mehr als 100 neue, energiegeladene Tracks, die dem hitzigen Tempo der Partien einen angemessen dramatischen Rahmen verleihen und gerade in entscheidenden Spielphasen ordentlich Gänsehaut erzeugen.
Umfang und Wiederspielwert
Mit 22 Nationalteams und über 110 Charakteren bietet World Fighters eine beachtliche Bandbreite an Konstellationen, die sich sowohl im Story-Modus als auch in lokalen und Online-Partien gegen andere Spieler:innen austoben lässt. Die schiere Menge an Teams aus der Vorlage, ergänzt um bislang ungesehene Mannschaften, dürfte insbesondere Manga-Kenner:innen freuen, die auf bestimmte Nationalmannschaften oder Nebenfiguren gewartet haben. Für zusätzlichen Umfang über die Basisversion hinaus sorgen die Deluxe- und Ultimate-Editionen des Spiels, die zusätzliche spielbare Charaktere, alternative Trikots und Ballanpassungen sowie exklusive Menüthemen mit Illustrationen von Yoichi Takahashi persönlich bereitstellen, ergänzt um früh freigeschaltete, besonders mächtige Spezialschüsse wie den Neo Drive Shot und den Neo Tiger Shot.
Technische Umsetzung auf der PS5
Auf Sonys Konsole überzeugt World Fighters vor allem in den zahlreichen Zwischensequenzen, in denen die comichaft überzeichnete Bildsprache der Vorlage mit sauberer Bildqualität und flüssiger Animation zur Geltung kommt. Auch während der eigentlichen Matches bleibt die Bildrate durchweg stabil, selbst wenn gleich mehrere Spezialtechniken gleichzeitig über den Bildschirm fliegen. Ladezeiten zwischen Menüs und Partien fallen angenehm kurz aus, sodass dem zügigen Turnier-Marathon durch alle 22 Nationalteams nichts im Wege steht.
Fazit
Captain Tsubasa 2: World Fighters ist eine gelungene Fortsetzung, die ihre Hausaufgaben macht: Sie baut auf dem soliden Fundament von Rise of New Champions auf, erweitert Inhalt und Umfang spürbar und verfeinert die spielerischen Ideen des Vorgängers zu einem insgesamt runderen Erlebnis. Entwickler Tamsoft gelingt dabei erneut der seltene Spagat, echten Fußball mit der komplett übertriebenen Anime-Action der Vorlage zu einer stimmigen Einheit zu verschmelzen. Wer mit Captain Tsubasa respektive „Die tollen Fußballstars" aufgewachsen ist, findet hier eine liebevolle, von Yoichi Takahashi persönlich mitbetreute Fortsetzung der eigenen Kindheitshelden vor. Aber auch Neueinsteiger:innen, die klassischen Sportspielen etwas mehr Wahnsinn wünschen, kommen mit dem neuen Charakter-Modus der New-Stars-Route auf ihre Kosten. Kleinere Abzüge gibt es für die insgesamt doch recht vertraute Formel, die sich gegenüber dem Vorgänger eher verfeinert als neu erfindet – wer schon mit Rise of New Champions nichts anfangen konnte, wird auch hier nicht bekehrt.