München Beats – Als der Beat den Knödelstaub aufwirbelte: Eine Miniserie über den Kunstpark Ost
Mit „München Beats" bringt One Gate Media eine vierteilige ZDF-Produktion auf DVD, die sich einem faszinierenden, aber im kollektiven Gedächtnis oft übersehenen Kapitel der bayerischen Landeshauptstadt widmet: der Entstehungsgeschichte des Kunstpark Ost, jenes legendären Vergnügungsareals, das in den 1990er-Jahren auf dem stillgelegten Gelände der Pfanni-Werke entstand und München zeitweise zur größten Techno-Party-Location Europas machte. Regie führte Mimi Kezele, bekannt unter anderem durch ihre Arbeit am „Tatort", nach einem Drehbuch von Christian Schnalke, Stefani Straka und Julie Fellmann, das sich lose von den wahren Ereignissen rund um den Kunstpark Ost inspirieren lässt, ohne dabei den Anspruch einer dokumentarischen Nacherzählung zu erheben.
Zwischen Landidylle und Technorausch
Im Zentrum der Handlung steht die junge Linda Bierwirth, gespielt von Jule Hermann, die bereits durch die Serie „Almania" Bekanntheit erlangte. Auf einem Bauernhof außerhalb Münchens aufgewachsen, gerät Linda Mitte der 1990er-Jahre erstmals mit der aufkeimenden Techno-Bewegung in Kontakt und findet darin eine Welt, die weit entfernt scheint von der bäuerlichen Enge ihres Elternhauses. Fasziniert vom pulsierenden Sound der Subkultur bricht sie aus ihrem ländlichen Umfeld aus, zieht in die Großstadt und verfolgt fortan mit aller Konsequenz ihren Traum, als DJane Fuß zu fassen. Parallel dazu verdichtet sich ein familiäres Drama: Lindas Eltern Georg und Veronika Bierwirth, langjährige Kartoffellieferanten des Traditionsunternehmens Pfanni, sehen sich wie zahlreiche andere Landwirte der Region plötzlich vor dem wirtschaftlichen Ruin, als Firmenpatriarch Theo Meinhardt – verkörpert von Tobias Moretti – sein Werk schließen muss.
Ein Generationenkonflikt auf brachliegendem Terrain
Die eigentliche dramaturgische Klammer der Serie bildet das leerstehende Fabrikgelände, das zum Schauplatz eines vielschichtigen Generationenkonflikts wird. Während Theo Meinhardt den Umbau des Areals in ein modernes Stadtquartier vorantreiben will, verfolgt sein Sohn Marius eine gänzlich andere Vision und möchte aus der Industriebrache einen Ort für Raves, alternative Kunstprojekte und kreative Freiräume machen. Gemeinsam mit Linda legt er so den fiktionalen Grundstein für jene Clubszene, die später als Kunstpark Ost in die Münchner Stadtgeschichte eingehen sollte. Bemerkenswert ist dabei, wie das Autorentrio die reale historische Figur des Pfanni-Firmenchefs, der die Zwischennutzung des Geländes tatsächlich ermöglichte, trotz eingebauter familiärer Verfehlungen und autoritärer Züge letztlich als grundsätzlich fairen Geschäftsmann zeichnet, der seinen Bauern eine verlässliche Lösung verspricht und eigene Fehler einzugestehen bereit ist. Moretti verleiht dieser Ambivalenz spürbar Glaubwürdigkeit.
Figurenzeichnung und Zeitkolorit
Die Hauptfiguren der Serie sind größtenteils frei erfunden, wobei sich das Drumherum bewusst um authentisches Lokalkolorit bemüht – etwa durch die Gaststätte Deutsche Eiche, in der Linda arbeitet und wohnt und die in der Realität als Stammlokal für Künstlerinnen, Künstler und ein queeres Publikum bekannt war. Eine reale Vorlage für Lindas Figur oder für den planungsfreudigen Juniorchef gab es dagegen nicht. Eine kleine, ausgesprochen gelungene Hommage stellt hingegen die Nebenfigur des Harald Prell dar, hinter der sich unschwer der tatsächliche Initiator und Visionär des Kunstpark Ost, Wolfgang Nöth, erkennen lässt – verkörpert von Tim Seyfi mit sichtlichem Vergnügen an der Rolle. Insgesamt gelingt es der Serie durchaus, das Lebensgefühl der Aufbruchsjahre und die Härten einzufangen, denen sich insbesondere queere Menschen in den 1990er-Jahren noch stellen mussten.
Ein ambitionierter Spagat mit kleinen Schwächen
Mit gerade einmal vier Folgen zu je rund 45 Minuten fährt „München Beats" ein bemerkenswert dichtes Figuren- und Konfliktgeflecht auf – möglicherweise sogar ein wenig zu dicht, denn die Geschichte eilt streckenweise so zügig durch ihren Plot, dass ihre stärksten Ansätze nie ganz jenen erzählerischen Raum bekommen, den man ihnen wünschen würde. Als Serien-Hybrid, der eine jugendliche Aufbruchsgeschichte mit einem klassischen Familiendrama verknüpft, wagt die Produktion durchaus einen Spagat, der nicht jeden Zuschauer und jede Zuschauerin restlos überzeugen dürfte. Dennoch gelingt es der Serie bemerkenswert gut, den gemeinsamen Nenner zwischen Techno-Nische und breitem Familienpublikum auszuloten, und sie mutet dabei durchaus mehr als die übliche Familiensaga zu.
Fazit
„München Beats" ist eine ambitionierte, atmosphärisch dichte Miniserie, die sich einem bislang selten erzählten Kapitel deutscher Popkulturgeschichte annimmt und dabei vor allem durch ihr starkes Ensemble sowie ihre spürbare Liebe zum Detail überzeugt. Wer sich für die Anfänge der deutschen Technoszene interessiert oder generell ein Faible für moderne Historienserien im Stil von „Eldorado KaDeWe" hat, findet hier ein durchaus lohnendes, wenn auch nicht ganz perfekt austariertes Stück Zeitgeschichte.