Dream of the Jet-Black City – Pablo Valcárcel Castro (Knaur)
Willkommen in Onyxia, einer Stadt, die niemals zur Ruhe kommt. Über ihren Dächern tobt der Muttersturm, jene mythische Naturgewalt, aus der die Bewohner ihre Energie gewinnen und der zugleich die ständige Bedrohung ihrer Existenz darstellt. Mit "Dream of the Jet-Black City" legt der spanische Debütautor Pablo Valcárcel Castro den Auftakt einer Dark-Fantasy-Dilogie vor, die mit einem außergewöhnlich dichten Weltentwurf, drei ineinander verwobenen Schicksalen und einer Magie, die direkt aus dem Unterbewusstsein ihrer Träumer entspringt, aufwartet. Der Roman erscheint in deutscher Übersetzung bei Knaur, das Finale der Dilogie ist für das Frühjahr 2027 angekündigt.
Eine Stadt aus Träumen und Albträumen
Onyxia ist mehr als nur Kulisse, die Stadt ist selbst ein Charakter mit eigener Physiognomie und eigenen Gesetzen. Valcárcel Castro entwirft eine Metropole, deren gesamtes Machtgefüge auf der Fähigkeit einiger weniger Bewohner beruht, aus ihren Träumen reale Wesen und Kräfte zu erschaffen. Wer diese Gabe besitzt, wird zum Träumer, und Träumer sind in Onyxia zugleich hochbegehrte Ressource und gefährliches Risiko. Die titelgebenden Albträume, monströse Manifestationen kollektiver Ängste und verlorener Geschichten, durchstreifen die Gassen und Bibliotheken der Stadt und machen aus jedem nächtlichen Gang ein potenzielles Todesurteil. Besonders gelungen ist, wie der Autor diese Grundidee konsequent in Gesellschaftsstruktur, Wirtschaft und Politik der Stadt übersetzt. Klasse und Herkunft entscheiden hier nicht nur über Wohlstand, sondern buchstäblich darüber, wessen Träume Wirklichkeit werden dürfen und wessen Albträume man in Kauf nimmt.
Drei Wege durch dieselbe Verschwörung
Der Roman folgt drei Erzählsträngen, die sich im Lauf der Handlung zunehmend verflechten. Ash, ein Blitzjäger, der gemeinsam mit seiner Crew über den Dächern der Stadt lebendige Energie aus dem Muttersturm erntet, muss erkennen, dass er selbst ein Träumer ist, nachdem er im Angesicht eines Albtraum-Angriffs unwillkürlich eine Schattenkreatur erschafft. Damit gerät er zwischen die Fronten zweier Mächte, die seine Gabe für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren wollen, der berüchtigten Akademie der Träumenden und einem skrupellosen Geldgeber. Geyl wiederum ist selbst ein Produkt dieser Magie, an der Akademie geformt und untrennbar mit einer Drachengestalt verbunden, die sie einst zum Überleben beschwor. Ihre Rückkehr nach Onyxia, der Stadt, die sie eigentlich für immer hinter sich lassen wollte, ist von Schuld und einem tiefen Bedürfnis nach Wiedergutmachung geprägt. Die dritte Figur, Ordensschwester Daerna, bringt eine andere Perspektive ein: Ihre Aufgabe innerhalb der Schwesternschaft des Kummers besteht darin, durch rituellen Klagegesang den Sturm zu besänftigen, doch als eine mysteriöse Seuche unter den Ärmsten der Stadt ausbricht und ihr Orden tatenlos zusieht, bricht sie mit dessen Regeln und begibt sich auf eigene Faust in die dunkelsten Winkel Onyxias.
Diese drei Erzählperspektiven erlauben es Valcárcel Castro, seine Welt aus unterschiedlichen sozialen Schichten heraus zu beleuchten, von der Straße über die religiöse Institution bis in die Machtzentren der Stadt. Dass sich Ash, Geyl und Daerna erst allmählich und zunächst unfreiwillig zu Verbündeten zusammenfinden, verleiht der Handlung eine angenehme Portion Spannung, da ihre jeweiligen Motive und Loyalitäten lange nicht deckungsgleich sind.
Sprachlicher Anspruch und atmosphärische Dichte
Was den Roman stilistisch auszeichnet, ist seine bildreiche, fast lyrische Sprache. Valcárcel Castro, der vor seiner Schriftstellerkarriere als Anwalt und Leiter eines kleinen Videospielstudios arbeitete, beweist ein feines Gespür für Atmosphäre und sinnliche Details, sei es die knisternde Elektrizität des Muttersturms, der modrige Geruch versunkener Bibliotheken oder die klaustrophobische Enge der Gassen Onyxias. Diese Dichte hat allerdings ihren Preis: Der Weltentwurf ist außergewöhnlich komplex, mit einer Fülle an Eigennamen, Fraktionen und Begrifflichkeiten, die zu Beginn nicht immer leicht auseinanderzuhalten sind. Wer sich auf ein "Slow-Burn"-Worldbuilding einlässt und bereit ist, zunächst ohne Landkarte oder Glossar ins kalte Wasser geworfen zu werden, wird jedoch mit einer ungewöhnlich stimmigen und in sich geschlossenen Welt belohnt.
Themen zwischen Macht, Schuld und Selbstbestimmung
Unter der fantastischen Oberfläche verhandelt der Roman ernstzunehmende Themen: die Frage, wem Träume gehören dürfen und wer den Preis für ihre Verwirklichung zahlt, die Ausbeutung besonderer Fähigkeiten durch Institutionen und Kapital, sowie die Last, die aus erzwungener Loyalität und persönlicher Schuld erwächst. Gerade die Akademie der Träumenden fungiert dabei als bittere Metapher für Systeme, die außergewöhnliche Begabung in erster Linie als Ressource begreifen und ihre Trägerinnen und Träger entsprechend verwerten. Auch die Figur der Daerna, die sich gegen die starren Regeln ihres Ordens auflehnt, um Menschen zu helfen, die dieser für nicht rettenswert erklärt hat, fügt der Geschichte eine politische und moralische Tiefe hinzu, die über reine Abenteuerunterhaltung hinausgeht.
Fazit
"Dream of the Jet-Black City" ist ein ambitioniertes Dark-Fantasy-Debüt, das mit einer außergewöhnlich originellen Magie, einer atmosphärisch dichten Stadtwelt und drei vielschichtigen Hauptfiguren überzeugt. Wer bereit ist, sich auf ein komplexes, anfangs fordernde Worldbuilding einzulassen, wird mit einer Geschichte belohnt, die politische Intrige, persönliche Tragödie und kosmische Bedrohung geschickt miteinander verwebt. Für Fans dichter, bildgewaltiger Fantasy im Geiste von Werken wie "Strange the Dreamer" oder "Der Schatten des Windes" ist dieser Auftakt eine klare Empfehlung, auch wenn man sich auf eine gewisse erzählerische Einstiegshürde einstellen sollte.