„Sardinien – Das Kochbuch" von Francesco Mattana: Eine kulinarische Liebeserklärung an die Insel der Hundertjährigen
Kaum eine italienische Region wird kulinarisch so oft übersehen wie Sardinien, das im Schatten der großen Küchentraditionen der Toskana, Siziliens oder Kampaniens gerne ein Nischendasein fristet. Mit „Sardinien – Das Kochbuch" bringt der DK Verlag nun ein Werk auf den deutschen Markt, das genau diese Lücke schließen möchte und sich dabei ganz bewusst auf einen Küchenchef verlässt, der die Insel nicht nur bereist, sondern dort aufgewachsen ist.
Der Autor und seine kulinarische Reise
Francesco Mattana wuchs inmitten einer kochbegeisterten sardischen Familie auf und lernte das Handwerk zunächst von den Frauen seiner Verwandtschaft, bevor er seinen beruflichen Weg konsequent in Richtung Gastronomie fortsetzte. Nach ersten Erfahrungen in sardischen Küchen eröffnete er im australischen Brisbane sein eigenes italienisches Restaurant Ajó, ehe er 2018 nach Großbritannien übersiedelte, um sich dort verstärkt dem Unterrichten zu widmen. Über Stationen an renommierten Londoner Kochschulen führte ihn dieser Weg schließlich als Chefkoch und Lehrer an Jamie Olivers Kochschule, eine Station, die seinem didaktischen Zugang zur sardischen Küche noch einmal zusätzliche Klarheit und Zugänglichkeit verliehen haben dürfte. Heute pflegt Mattana über Instagram, TikTok, Facebook und YouTube eine wachsende Fangemeinde und veranstaltet weiterhin Kochkurse sowohl in Großbritannien als auch auf seiner Heimatinsel, wo er Interessierten die authentische italienische und sardische Küche näherbringt. Im englischsprachigen Original erschien das Buch unter dem Titel „Eat Like a Sardinian", die deutsche Ausgabe wurde von Brigitte Rüßmann und Wolfgang Beuchelt vom Scriptorium übersetzt.
Sardinien als kulinarischer Ausgangspunkt
Bevor das Buch in die eigentlichen Rezepte einsteigt, verortet es die sardische Küche geschickt in einem größeren Zusammenhang, der über reinen Genuss hinausgeht. Sardinien zählt zu den wenigen Regionen weltweit, die offiziell als sogenannte „Blaue Zone" anerkannt sind, Gebiete also, in denen ein außergewöhnlich hoher Anteil der Bevölkerung ein sehr hohes Alter bei guter Gesundheit erreicht. Die Ernährungsweise spielt dabei eine zentrale Rolle, geprägt von frischen, saisonalen Zutaten, gesunden Fetten und einem entschleunigten Verhältnis zum Kochen, Essen und gemeinsamen Genießen. Dieser Gedanke zieht sich als roter Faden durch das gesamte Buch und verleiht den über 90 versammelten Rezepten eine zusätzliche inhaltliche Tiefe, die reine Nachkoch-Sammlungen oft vermissen lassen: Hier geht es nicht nur um Geschmack, sondern auch um eine bestimmte, traditionell gewachsene Lebensweise.
Aufbau und Rezeptauswahl
Die über 90 Rezepte decken ein beeindruckend breites Spektrum ab, von unkomplizierten Aperitivo-Snacks wie Bruschetta und gefüllten Zucchiniblüten über die für Italien obligatorischen Pizza- und Pasta-Gerichte bis hin zu traditionellem sardischem Brot und süßen Abschlüssen wie der Torta di Mele. Dabei bleibt das Buch nicht ausschließlich auf rein sardische Spezialitäten beschränkt, sondern integriert auch gesamtitalienische Klassiker, was dem Werk eine gewisse Alltagstauglichkeit über den reinen Sardinien-Fokus hinaus verleiht. Besonders angenehm fällt dabei die durchdachte Struktur auf, die sich klassisch an der Abfolge eines italienischen Menüs orientiert: von kleinen Häppchen zum Auftakt über selbst gemachte Pasta- und Brot-Spezialitäten bis zu Fisch-, Fleisch- und Gemüsegerichten, die schließlich in traditionellen Dolci ihren süßen Abschluss finden. Wer sardische Gastfreundschaft in den eigenen vier Wänden nachempfinden möchte, findet hier also nicht nur einzelne Rezepte, sondern gleich ein ganzes dramaturgisches Gerüst für einen mehrgängigen Abend.
Erfreulich ist zudem, dass Mattana die Rezepte trotz ihres Anspruchs auf Authentizität bewusst alltagstauglich hält und sie mit zahlreichen Tipps und Tricks anreichert. Wer schon einmal mit italienischer Küchenliteratur zu kämpfen hatte, die traditionelle Zubereitungsweisen ohne Rücksicht auf mitteleuropäische Küchenrealitäten abbildet, wird diesen pragmatischen Zugang zu schätzen wissen.
Bebilderung und Gestaltung
Wie von DK-Kochbüchern gewohnt, setzt auch diese Veröffentlichung stark auf eine stimmungsvolle Bildsprache. Neben appetitlichen Aufnahmen der fertigen Gerichte finden sich immer wieder Fotografien von Land und Leuten, die der Insel und ihrer Küche ein Gesicht geben und dem Buch über die reine Rezeptsammlung hinaus einen atmosphärischen Reisecharakter verleihen. Diese visuelle Erdung sorgt dafür, dass man beim Durchblättern tatsächlich das Gefühl bekommt, Sardinien und seine Menschen kennenzulernen, statt nur eine weitere austauschbare Rezeptsammlung vor sich zu haben.
Für wen sich das Buch eignet
„Sardinien – Das Kochbuch" richtet sich sowohl an erfahrene Hobbyköchinnen und -köche, die ihr italienisches Repertoire um eine bislang unterrepräsentierte Region erweitern möchten, als auch an Einsteiger, die von der zugänglichen, gut erklärten Herangehensweise Mattanas profitieren. Wer zudem an der „Blaue Zone"-Thematik und den Zusammenhängen zwischen mediterraner Ernährung und Langlebigkeit interessiert ist, bekommt hier eine angenehm undogmatische, genussorientierte Einführung in dieses Thema, ohne dass das Buch dabei in erhobenen Zeigefinger oder strenge Diätvorgaben abgleitet.
Fazit
Mit „Sardinien – Das Kochbuch" gelingt Francesco Mattana eine überzeugende und persönliche Hommage an die Küche seiner Heimat. Die über 90 Rezepte überzeugen durch ihre Bandbreite und Alltagstauglichkeit, während die stimmungsvolle Bebilderung und der thematische Rahmen rund um die „Blaue Zone" dem Buch eine willkommene inhaltliche Tiefe verleihen. Ein rundum gelungenes Kochbuch für alle, die Lust auf echte, unverfälschte mediterrane Küche haben.