Duskfade – Review (PS5)
Ein Uhrwerk als Trauerarbeit
Selten trifft ein Spiel den Ton eines längst vergangenen Genres so präzise, dass man beim Spielen tatsächlich für einen Moment vergisst, welches Jahr man schreibt. Duskfade, das zweite Werk des Madrider Indie-Studios Weird Beluga, gelingt genau das. Wo die meisten nostalgischen Wiederbelebungsversuche der PS2-Ära nur behaupten, sich wie ein verlorenes Spiel aus jener Zeit anzufühlen, löst dieser Titel das Versprechen tatsächlich ein, und genau darin liegt sowohl seine größte Stärke als auch die Ursache für seine Schwächen.
Zirian, der Uhrturm und eine verschwundene Schwester
Im Zentrum der Geschichte steht Zirian, ein junger Werkstatt-Lehrling, der in einer Welt lebt, in der Menschen zwischen wolkenartigen Geistwesen eine Seltenheit darstellen. Als über seiner Heimatstadt Tick Town ein mysteriöser Uhrturm emporsteigt und das Land in ewige Nacht taucht, verschwindet seine Schwester Allira im Griff des Turms. Um sie zu erreichen, muss Zirian eine zerbrochene Uhrwerkswelt durchqueren und massive Ketten durchtrennen, die den Turm an sechs unterschiedliche Regionen binden, welche jeweils von rätselhaften Gestalten namens Meister-Uhrmacher geformt wurden. Im Hintergrund lauert ein Antagonist, der nur als Despair bekannt ist und den Zerfall der Welt aus dem Schatten heraus orchestriert.
Erzählerisch operiert Duskfade dabei in einem Register, das an einen animierten Familienfilm erinnert: emotional leicht zugängliche Einsätze, ein charmanter mechanischer Begleiter namens Cuckoo mit überraschend scharfer Zunge, und darunter eine ernstere Geschichte über Verlust und den Mut, sich einer ungewissen Zukunft zu stellen. Der erste Akt braucht spürbar Zeit, um seinen Rhythmus zu finden, doch sobald die Geschichte Fahrt aufnimmt, hält sie einen warmen, visuell lebendigen Ton, der unter seiner farbenfrohen Oberfläche durchaus dunklere Untertöne trägt. Ein besonders liebevolles Detail: Zirians Schwert, das Minutero, ist buchstäblich wie ein Uhrzeiger geformt und verwandelt sich während Angriffen, rollt sich zu einem Stachel oder schwingt wie ein Pendel, eine Gestaltung, die zugleich eine Verbeugung vor Kingdom Hearts darstellt und Duskfades eigentliche gestalterische These auf den Punkt bringt.
Die Bewegung als eigentliches Herzstück
Vor dem Hintergrund einer regelrechten Renaissance des Indie-3D-Plattformers in den 2020er-Jahren, angeführt von Astro Bots Erfolgslauf 2024 und Donkey Kong Bananza im vergangenen Jahr, verfolgt Duskfade eine eigene These: dass der mittelgroße PS2-Action-Plattformer, eine Kategorie, die Sonys eigene Studios längst nicht mehr bedienen, eine eigenständige Wiederbelebung verdient hat, statt in Sammelspiel- oder Maskottchen-Subgenres aufzugehen. Diese These entscheidet sich an der Bewegung, und hier gewinnt das Spiel überzeugend. Jede der vier Hauptregionen folgt einer Struktur, die direkt der Ära entlehnt ist: Eine offene Zone mit verzweigten Pfaden und versteckten Sammelobjekten führt in einen Dungeon, der in einer Bosskonfrontation gipfelt. Das Leveldesign wirkt dabei trügerisch linear und lenkt die Spieler implizit, ganz ohne aufdringliche Minikarte, was sich als deutlich schwierigeres Handwerk erweist, als es zunächst scheint.
Fähigkeiten schalten sich fortlaufend frei und verändern bereits bereiste Areale spürbar. Der Enterhaken-Mechanismus, der Zirian zwischen schwebenden Ankerpunkten hin- und herschwingen lässt, deren Gestaltung an die Gewichtsschalen von Standuhren erinnert, ist dabei der eindeutige Höhepunkt der Bewegungsmechanik und öffnet Wege, die beim ersten Durchqueren wie Sackgassen wirken. Ergänzt wird das Ganze durch versteckte Sammelobjekte, optionale Nebenbereiche und eine Zentralstadt, in der sich Zirian mit Upgrades und kosmetischen Anpassungen ausstatten kann, darunter ein besonders liebevoll eingebautes Detail: Das Minutero lässt sich beim Schmied Cloudphaestus farblich exakt an Soras berühmtes Keyblade aus Kingdom Hearts anpassen.
Wenn moderne Technik PS2-Nostalgie übertrifft
Der technische Unterbau des Spiels verdient besondere Erwähnung, denn der visuelle Erfolg von Duskfade ist keineswegs Zufall. Anders als beim Debüt Clid the Snail aus dem Jahr 2021, das noch auf Unity lief, wechselte das Studio für Duskfade zu Unreal Engine 5, um mit den erweiterten Werkzeugen der Engine Renderergebnisse zu erzielen, die sich mit jenen großer AAA-Studios messen können, die einst die PS2-Ästhetik prägten. Die zugrunde liegende Designphilosophie lässt sich auf einen Nenner bringen: PlayStation-2-Grafik altert nicht, sie sieht bis heute großartig aus, und genau dieses Gefühl reproduziert das Spiel mit technisch zeitgemäßen Mitteln. Die Farbsättigung gerät dabei gelegentlich an die Grenze zum Grellen, funktioniert im Gesamtbild aber überzeugend.
Der Soundtrack gehört zu den selbstbewusstesten Elementen des gesamten Spiels und wurde in Kritikerkreisen bereits mit den späteren Arbeiten von Grant Kirkhope verglichen, ein bemerkenswertes Kompliment für ein Studio-Debüt in diesem Genre. Während Bosskämpfen schlägt die Musik zudem in eine deutlich härtere Gangart um, die manche Kritiker gar an Doom Eternal erinnert hat. Die durchgängige Uhrwerk-Ästhetik mit ihren Zahnrädern, tickenden Motiven und surrealer mechanischer Architektur ist dabei jenes Element, das Duskfade über eine bloße Nostalgie-Übung hinaushebt: Thema und visuelle Sprache bilden hier eine untrennbare Einheit, die Zeit ist buchstäblich stehengeblieben, der Turm ist mechanisch, der Antagonist handelt mit Verzweiflung, und Zirians Schwert ist wortwörtlich ein Uhrzeiger.
Spanische Wurzeln in einer Uhrwerkwelt
Die fünf Gründer von Weird Beluga, allesamt ehemalige Studienfreunde, die nach einem Sieg in den Kategorien Bestes Spiel und Beste Grafik beim PlayStation-Talents-Wettbewerb Sonys in Spanien ihr Studium abbrachen, haben die Welt von Duskfade mit einer geografischen Konkretheit ausgestattet, die selten in diesem Genre anzutreffen ist. Eine der Küstenstadt-Etappen des Spiels orientiert sich an Tazacorte, einem kleinen Fischerort auf La Palma, der Heimatstadt eines der Entwickler, während der Bossgegner Guayota Name und Gestalt der Guanchen-Mythologie Teneriffas entlehnt, jenem Feuergott vom Teide, der der Legende nach die Sonne selbst entführt haben soll. Auch ein galicisches Karneval, das der Art Director bei einem Umzug in den Norden Spaniens erlebte, hat spürbar in die festliche Atmosphäre früher Spielabschnitte Eingang gefunden. Das ist keine oberflächliche Behauptung „spanischer Einflüsse", sondern konkret benannte, persönlich erlebte Kulturgeschichte. Bemerkenswert zudem: Das Studio hat nach eigener Aussage sämtliche Inhalte, von Grafik über Code bis hin zu Erzählung und Musik, vollständig ohne KI-Unterstützung von Hand gefertigt, eine bewusste Haltung in einem Markt, in dem KI-generierte Asset-Pakete zunehmend zur gängigen Praxis geworden sind.
Die Kampfmechanik als Schwachpunkt
Anders als die meisten aktuellen Plattformer-Wiederbelebungen, die sich gezielt einzelne Aspekte ihrer Vorbilder herauspicken, versucht Duskfade die vollständige PS2-Action-Plattformer-Formel zu reproduzieren, inklusive des Hack-and-Slash-Kampfsystems. Damit erbt das Spiel jedoch auch jene Elemente, die schlichtweg nicht so gut gealtert sind wie die Bewegungsmechanik. Konkret bemängeln Kritiker eine Ausweichbewegung, die zu träge ausfällt, Gegner, die auf Treffer kaum mit spürbarem Gewicht oder Rückstoß reagieren, sowie eine grundsätzliche Trennung zwischen Kampf- und Plattform-Fähigkeiten, die dazu führt, dass sich viele Fertigkeiten wie für nur einen einzigen Kontext konzipiert anfühlen. Der Gesamtschwierigkeitsgrad bleibt dabei größtenteils niedrig, echte Herausforderung findet sich vor allem in den Bosskämpfen, die zugleich die kreativsten Momente des gesamten Spiels darstellen, weil sie Kampf und Fortbewegung geschickter miteinander verweben als die regulären Begegnungen.
Fazit
Duskfade ist ein Spiel, das genau weiß, wofür es steht, und diese Klarheit zahlt sich in seinen stärksten Momenten glänzend aus. Wer mit Jak and Daxter, Ratchet & Clank oder Kingdom Hearts aufgewachsen ist und sich vor allem an das Bewegungsgefühl jener Spiele erinnert, an lange Sprünge, die sich in Rollen und Sprints verketten ließen, findet hier eine Liebeserklärung, die tatsächlich trägt. Wer hingegen in erster Linie auf befriedigende Kämpfe hofft, wird spüren, dass Duskfade in dieser Disziplin die Schwächen seiner Vorbilder mitgeerbt hat, ohne sie zu überwinden. Unterm Strich bleibt ein technisch beeindruckendes, erzählerisch warmherziges und spielerisch in seiner Bewegungsmechanik herausragendes Debüt in der dritten Dimension, dessen fünf Gründer aus Madrid mit sichtlicher Hingabe eine Welt geschaffen haben, die einen Besuch mehr als wert ist.